Archiv für den März, 2010

Öfter mal was Neues!

Da hat mal jemand etwas geschrieben – und dann wird das in unterschiedlichen Zeitungen verwurschtet, kaum, dass man sich die Mühe gibt, auch nur den Titel intelligent abzuändern…

Welt online:              Warum Hochbegabte nicht auf Eliteschulen gehören
Berliner Morgenpost:  Warum Hochbegabte nicht auf Eliteschulen gehören
Aachener Zeitung:     Experte: Hochbegabte Kinder nicht auf Eliteschulen schicken

Wie spannend!

Der Artikel als solcher ist ganz o.k, obwohl sich Rost darin wieder einmal zu Wort meldet. Und: Immerhin wird die DGhK mit Link als weiterführender Tipp erwähnt…

 

DGhK-Elterntag in Dortmund

Geschafft: Am Samstag hat der Vorstand der DGhK Rhein-Ruhr im Rahmen seiner jährlichen Mitgliederversammlung in Dortmund einen Elterntag durchgeführt mit unterschiedlichen Workshops und gleichzeitiger Kinderbetreuung.

Erstaunlich für uns: Wir sind von Anmeldungen im Vorfeld geradezu überrannt worden. Obwohl wir zu zwei unserer Themen noch zusätzliche Referenten gewinnen konnten, mussten wir Mitte Februar die Reißleine ziehen und einen rigorosen Anmeldestopp verkünden, um die Veranstaltung noch vernünftig managen zu können.

Wir hatten fast eine komplette Schule zur Verfügung – und viele Räume brauchten wir auch:
14 Workshops (2 Blöcke à 7) mit je 16 bis 18 Eltern als Teilnehmer, Kinderbetreuung für 80 Kinder (von 1 bis 14 Jahren!)  – all das kann man nicht mal so eben in einem Jugendheim durchführen. Verköstigung gab’s auch.

Unsere Themen:
Let’s fetz – Hochbegabung in Familie und Alltag
Schule – Was geht?
Hochbegabung zwischen Pampers und Schule
Erste Hilfe bei Hochbegabung
IQ und Co.

Am beliebtesten waren die beiden ersten Themen, zu denen dann auch jeweils vier Workshops angeboten wurden.

Am Ende des Tages waren wir geschlaucht, aber hoch zufrieden. Die Rückmeldungen, die wir von den Eltern bekommen haben, waren äußerst zufriedenstellend. Dabei ging es bei der Zufriedenheit nicht nur um die Qualität der von uns angebotenen Workshops, sondern auch um die als extrem bereichernd erlebte Möglichkeit, mit ganz vielen Leuten Kontakt aufnehmen und sich austauschen zu können. Im normalen Alltagsumfeld ist die Kommunikation mit anderen über die Probleme, die man mit einem hochbegabten Kind so haben kann, oft gar nicht möglich, manchmal selbst in der eigenen Familie nicht.

Natürlich kam schon im Laufe des Tages die Nachfrage, wann denn eine solche Veranstaltung wieder angeboten würde…
Diese Frage erlebe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge:
Natürlich freut uns dieses Interesse, denn es zeigt, dass unser Angebot einen Nerv getroffen und auch viele Erwartungen erfüllt hat. Wir waren z. B. auch erstaunt darüber, dass fast alle angemeldeten Familien auch tatsächlich gekommen sind – und an der geradezu lächerlichen Anmeldegebühr von 5.- Euro, die wir erhoben haben, hat das sicherlich nicht gelegen.
Diese Frage nach einer weiteren Veranstaltung dieser Art zeigt aber auch, wie unendlich viel Bedarf an Aufklärung und konkreten und pragmatischen Informationen es im Bereich der Hochbegabung immer noch gibt und wie viel Hunger nach Verständnis und Kommunikation.

 

Defizitorientiert

So scheinen sie mir wirklich zu sein, die Deutschen, in einer erdrückenden Mehrheit: Defizitorientiert.

Defizitorientierung als “Normalität”.

Jedes Problem, jedes Versagen wird verständnisvoll analysiert, kommentiert und mitleidvoll “mitgetragen” und einem vielschichtigen Therapie- und Hilfesystem zugeführt.

Wehe aber, ein Kind geht freundlich selbstbewusst einfach so durch diese (Schul-) Welt mit besten Noten, vielfältig interessiert, hochbegabt und mit angenehmen Umgangsformen. Solch ein Kind ist gefährdet, und man muss es dem Jugendamt melden (siehe hier).

Funktioniert ein hochbegabtes Kind aber nicht so glänzend, sondern auch mit Problemen, dann ist es auch wieder falsch, und man kann es höhnend durch’s Dorf treiben wie ein unerwünschtes Alien.
Denn mit oder ohne Schwierigkeiten: “Normal” ist ein hochbegabtes Kind nie – per definitionem!

Jüngstes Beispiel meiner Beratungsarbeit gestern: Der verzweifelte Brief einer Mutter, deren 7jährige Tochter jetzt einem Sonderschulverfahren zugeführt wird (schon eingeleitet). Dieses Mädchen sitzt mit einem getesteten IQ-Wert von über 140 in der ersten Klasse und weigert sich, mitzuarbeiten. Podolski beim Kicken mit Kleinkindern! Die Lehrer weigern sich, das Gutachten des Psychologen überhaupt auch nur zu lesen, geschweige denn, das Kind in irgendeiner Weise zu fördern und sei es zunächst nur, es schlicht eine Klasse höher zu setzen. Auch hier: Das Potenzial wird in einer durchaus sträflich zu nennende Ignoranz, ja Boshaftigkeit, ignoriert, das Kind, das mit seinem IQ-Wert zu weniger als 1% der Bevölkerung gehört, auf seine “Verhaltensauffälligkeit”, sein “Defizit”, reduziert und zum Fall für die Sonderschule abgestempelt. Auch eine Art von Missbrauch Schutzbefohlener und – auf eine bestimmte Art – Folter.

Den sympathischen Erfahrungsbericht einer anderen Familie findet man bei OPINIO, zur RP-Gruppe gehörend, unter dem Titel Seid doch froh! mit dem Untertitel: “Seid doch froh – diesen Satz hören wir immer wieder, wenn das Thema auf unsere jüngste Tochter kommt. Hochbegabung – ganz toll! ”

Fazit der Eltern: “Es ist einfach schade. das sich unsere Gesellschaft nur noch auf Defizite beschränkt. Hochbegabung ist nicht immer ein Segen und es ist nicht einfach, diesen Kindern den Weg zu zeigen, dass sie glücklich werden und nicht nur über ihr Wissen definiert werden. Sie sind ganz normale Kinder und als solche wollen sie auch behandelt werden.”

 

Nicht nur in der Kirche: Immer und überall

Für all die Menschen, die es nun mit und mit wagen, in die Öffentlichkeit zu treten und von den von ihnen erlebten sexuellen Übergriffen und Vergehen durch Vertreter der Kirche, Priester, Ordensleute etc., zu reden, habe ich hohen Respekt. Ich hoffe, dass die Aufklärungswelle zu sexuellen Straftaten, die die Kirche momentan überrollt, wirkliche und nachhaltige Konsequenzen haben wird! Respekt sei der Regensburgerin Monika Preis gezollt, von deren Bemühungen und Ängsten in dem Zusammenhang die SZ berichtet: Kirche und sexueller Missbrauch – ”Mein Mut ist wirklich dahin”. Ihr wünsche ich neuen Mut und viele Mitstreiter/innen!

Aber: sexuelle Übergriffe bis hin zu Vergewaltigungen drohten und drohen Mädchen und Jungen immer und überall. Das ist nicht übertrieben.
Und nicht zu vergessen: In den immer noch allermeisten Fällen handelt es sich um die eigenen Familienmitglieder, die zu solchen Taten fähig sind.

Ich kenne viele Leute. Männer sind ja nun meist nicht besonders kommunikativ, was solche Themen angeht. Was ich aber von Frauen, auch aus meinem engsten Umkreis, im Laufe der Jahre so erfahren habe, das spottet jeder Beschreibung. Und das von so vielen Frauen, dass ich es gar nicht fassen kann.

Da sind zunächst tatsächlich die Übergriffe unterschiedlichster Heftigkeit von Vätern, Onkeln, Nachbarn und sogar Brüdern. Und wenn es nur – wie mir eine Mutter letztens berichtete –  so ist, dass der Nachbar das 4jährige Mädchen nicht einfach so hochhebt, um ihm über den Zaun zu helfen, sondern es nimmt mit einer Hand oben zwischen den Beiden – und es dann auch da erst gar nicht wieder loslässt. Wo fangen sexuelle Übergriffe an? Das geht dann aber in anderen Fällen bis hin zu jahrelangem regelmäßigem Missbrauch, weil die Mutter krank ist oder sich verweigert. Oder zusätzlich.

Ich habe viele Jahre in einer Beratungsstelle gearbeitet und erinnere mich sehr gut an den Schock, den damals ein Telefongespräch in mir auslöste, in dem mich ein Mann mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt fragte, ob er seine 2jährige Tochter schon jetzt “benutzen” dürfte, oder ob er noch warten müsse, bis sie 3 Jahre alt sei.

Viel höre ich auch von Vergewaltigungen eben mal so nach dem Motto: Zur falschen Zeit am falschen Ort. Da handelt es sich um eine Vergewaltigung durch einen Busfahrer an einer dunklen Haltestelle abends allein im Bus, durch irgendjemandem in einem Parkhaus, einem Friedhof, einer Toilettenanlage, einem Einkaufszentrum.

Das alles ist Realität, mit der – vor allem, aber nicht nur – Frauen immer rechnen müssen. Jede Naivität ist da unangebracht.

Ich selbst habe im Alter von 18 Jahren einmal unglaubliches Glück gehabt: Ich wollte allein ein Berliner Museum besuchen. Das lag in einer weitläufigen Grünanlage. Nur eine mehrspurige Straße war in der Nähe und irgendwo der Eingang zu einer U-Bahn-Station. Zum meinem Unglück war das Museum geschlossen. Absolut kein Mensch weit und breit. Da tauchte aus dem Nichts ein männlicher Radfahrer auf – offensichtlich betrunken. Er fuhr mir nach, griff nach mir und riss an mir. Ich lief schnell durch den Park – Richtung U-Bahn, aber auf dem Rad war der Mann einfach schneller. Dann packte er mich so an der Schulter, dass ich stolperte und hinfiel. Ich war in Panik. Das war so ein Moment, in dem die Welt stillsteht und unterzugehen scheint. Und dann das: Durch den Ruck meines Fallens – er hatte mich noch an der Schulter gepackt – fiel der Man von Fahrrad, besoffen, wie er war! Das hat mich gerettet. Er rappelte sich zwar wieder auf, war aber einfach einen Tacken zu betrunken, um schnell genug zu reagieren. Das war meine Chance – und ich habe sie genutzt. Angekommen in der rettenden U-Bahn-Station musste ich mich erst einmal übergeben.
Letztlich ist mir gar nichts passiert. Eines aber ist klar und eindeutig und immer noch gegenwärtig: In dem Moment war meine Kindheit unwiderruflich zu Ende. Die Welt hatte sich in einer Weise offenbart, die Grundvertrauen zerstört hatte und jegliche Naivität zukünftig verbot. Ich bin kein ängstlicher Mensch geworden, aber ein hochaufmerksamer, was Situationen angeht, in denen sich so Erlebtes irgendwie wiederholen könnte.

Die Traumata, die vergewaltigte Frauen (und Männer) ihr Leben lang mit sich herumschleppen, sind mit Worten nicht anschaulich zu machen. Das geht über Beziehungsstörungen, Schlaflosigkeit, Zwängen und Depressionen hin bis zu der Aussage einer nach außen sehr selbstbewussten und erfolgreichen Frau, verheiratet, Kinder, die sagt: “Damals ist meine Seele getötet worden, und ich habe mich nie wieder richtig lebendig gefühlt.”

Missbrauch ist Zerstörung von Leben.

Die Kirche sollte dem Leben dienen. Nicht das Leben missbrauchen. Nicht Missbrauch Vorschub leisten. Nicht ihn bagatellisieren. Niemals ihn dulden.

 

Podolski und die “Fußball-Einheitsschule”

In einem Kommentar zur Diskussion über die Einführung der Einheitsschule, zu lesen im Internetportal Die Freie Welt, steht ein wunderbarer Satz: Simpel und treffend.

In dem Artikel von Fabian Heinze mit der Überschrift Pro und Contra Einheitsschule heißt es:

“Heute ist es mit einer Stigmatisierung verbunden, wenn man „nur“ einen Hauptschulabschluss hat.  Und in der Tat gehen zum Beispiel in den USA – trotz des Klischees vom „dummen Ami“ immerhin das Land mit den meisten Nobelpreisträgern der Welt – Lernbehinderte und Hochbegabte in ein- und dieselbe Schule.  Trotzdem sollten sich die Befürworter der Einheitsschule unbedingt von dem Gedanken trennen, es sei die Vereinheitlichung, die gute Ergebnisse erziele.  Eher das Gegenteil ist der Fall: Der Schlüssel liegt in der indivduellen Förderung.  Die wird in den Parteiprogrammen zwar erwähnt, doch der Eindruck drängt sich auf, dass sich die Verfasser gar nicht im Klaren sind, was das bedeutet.  Denn gleichzeitig ist überall von „länger gemeinsam lernen“ die Rede.  Das aber wäre eine massive Benachteiligung der Begabten.  In den erwähnten US-Schulen etwas besuchen Hochbegabte und Lernbehinderte zwar das selbe Schulgebäude, werden jedoch in getrennten Klassen und natürlich mit unterschiedlichen Lehrmaterialen unterrichtet. 
Im Sport ist Begabtenförderung selbstverständlich, warum nicht auch in der Bildung?  Niemand hätte von Lukas Podolski verlangt, er soll bis aufs Weiteres in der Kreisliga spielen. 
Hier vor allem könnte ein echter Vorteil der Einheitsschule liegen: Durch ein Kurssystem mit vielen verschiedenen Niveaus wäre es möglich, dass ein Mathe-As mit geringer sprachlicher Begabung einen sehr schwierigen Mathe- aber einen einfachen Englischkurs belegt.”

Ganz ehrlich: Mir ist das ziemlich egal, wie das Schulsystem der Zukunft aussieht. Wenn es in der täglichen Praxis wirkliche individuelle Förderung für alle (!) ermöglicht, dann soll mir so ziemlich jedes Recht sein.
Wichtig ist mir, dass die intellektuell hochbegabten “Podolskis” nicht ihr Schulleben lang in “Grundkursen” herumkicken und verrotten müssen.
Um die “Podolski-Ausnahmesportler” braucht man sich diesbezüglich keine Sorgen zu machen. Da besteht gesellschaftlicher Konsens: Die werden fast immer geholfen.