Archiv für die Kategorie Bemerkenswertes

Egon Bahr

Farewell Egon und danke für alles – und grüß’ Willy, Deinen Freund.

Ihr seid die einzigen Politiker ever, die ich wirklich geliebt habe.

Euch verdanke ich, dass ich mich auch in diesem Jahr wieder einfach so frei bewegen durfte …
”Westdeutschland – “Ostdeutschland” – Polen: grenzenlos! 
Für mich ist das bis heute hin immer noch und immer wieder ein Wunder, das Ihr möglich gemacht habt über alle Widerstände hinweg.

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Danke!

Siehe auch hier und hier und überhaupt …

 

Und wieder: The Last Night of the Proms

Untenstehender Artikel stammt ursprünglich von 2006, aber es ist kein Problem, ihn ohne große Veränderung aktuell wieder zu übernehmen. Eben habe ich auf NDR die Last Night of the Proms 2014 gesehen – und meine Reaktion über die Jahre hinweg ist immer wieder dieselbe: Die Last Night – vor allem der zweite und letzte Teil – rühren mich. Sehr sogar. Ziemlich sehr.

Gerade jetzt, wo in der nächsten Woche die Abstimmung der Schotten darüber ansteht, sich als eigenen Staat etablieren zu wollen, kann die Last Night of the Proms – daran glaube ich – den Ausschlag geben, eben dies nicht zu tun, nämlich sich abzuspalten. Die Identitätskraft dieses Ereignisses der Last Night (naja: und die des gerade angekündigten neuen Babys von Kate und William) sollte nicht unterschätzt werden. Mit all dem wird etwas angesprochen in den Menschen, das sich letztlich als stärker herausstellen könnte als das politisches Wollen vieler Schotten, ein selbständiger Staat zu werden.

Die Last Night of the Proms vereint Menschen überall in England, in Wales, Schottland, Nord-Irland – allein Zehntausende in den Parks – und sie singen mit: Sie sind dabei eins mit sich, eins mit ihrem Körper, dem Gesang und ihrem United Kingdom. Eindeutig. Man spürt das beim Zusehen fast körperlich. Das alles ist wirklich stimmig und macht mir immer wieder neu eine Gänsehaut.

Hier nun mein Artikel von 2006:

Heute Abend war im NDR-Fernsehen die Übertragung des berühmten zweiten Teils der “Last Night of the Proms” aus der Royal-Albert-Hall in London zu sehen.

Es war wieder bewegend, mitzubekommen, wie diese Veranstaltung – sehr ritualisiert in ihrem Ablauf, in ihrem Repertoire, und doch immer wieder spielerisch neu und selbstironisch inszeniert – die Briten eint, sie zusammenschweißt, wo auch immer sie leben.

Zehntausende waren in Parks in London/England, Glasgow/Schottland, Swansea/Wales und Belfast/Nordirland vor riesigen Leinwänden zusammengekommen und sangen zusammen und zur selben Zeit dieselben Lieder, vereint in einem Geschehen, das – über alle Gegensätze und Unabhängigkeitsbestrebungen hinweg – für sie zutiefst sinn- und identitätsstiftend ist.

Eins-Werden im Singen von “Rule Britannia”, “Land of Hope and Glory”, “Jerusalem”, das interessanterweise auch ein Kirchenlied ist, der Nationalhymne und vor allem der “Auld Laing”, das unserem “Nehmt Abschied Brüder” entspricht.

Bewegende Bilder aus den Parks: Singen mit ganzem Körper, aus ganzem Herzen. Das Ganze eine kollektive Herzberührung. Da war so etwas wie eine authentische Liebe zur eigenen Tradition, der man ja ansonsten nun auch nicht unkritisch gegenübersteht, zu spüren. Da sah man, man verzeihe mir das Wort, wirklich die “Volksseele”.

Wir haben hier in Deutschland nichts Vergleichbares.
Vielleicht gab es bei der WM im Sommer zum ersten Mal flüchtige Ansätze in diese Richtung: Momente, Glücksmomente, in denen die Menschen sich eins fühlten mit sich und ihrem Land, ohne dass dabei ein merkwürdiger Beigeschmack entstand.
Vielleicht können wir da vorsichtig, vorsichtig weitermachen. Von der Innigkeit, mit der die “verrückten” Engländer im Grunde ihres Herzens an ihrem Land hängen, sind wir chronisch unzufriedenen Deutschen allerdings noch weit entfernt.

 

Narzisstische Borniertheit nach dem Unwetter – eine Wutrede

Wie allseits bekannt, hat ein unglaublich heftiges Unwetter am Pfingstmontag vor allem das Ruhrgebiet getroffen. Es ist wirklich fast irreal gewesen, wie es hier auf den Straßen und überall aussah. Auch unser Dach war betroffen.
Allein in Essen wurde wohl über 10% des Baumbestandes vernichtet, das sind zehntausende Bäume allein im Essener Stadtgebiet. Die Bilanz ist verheerend: Orkantief „Ela“ hat vermutlich allein in Essen einen vorläufig bezifferten finanziellen Schaden von rund 63,3 Millionen Euro angerichtet.

Was all die Helfer, seien es ehrenamtliche Nachbarschaftshelfer, sei es das THW und wer auch immer, geleistet haben in den letzten zwei Wochen, das ist unglaublich. Viele Helfer arbeiteten und arbeiten bei minimalem Schlaf fast durch bis hin zur totalen Erschöpfung. Ihnen allen ist es zu verdanken, dass die gröbsten Schäden beseitigt sind – und mehr als das.

Was bleibt, ist die Tatsache, dass hier noch alle Wälder und Parks, auch der Grugapark, gesperrt sind – und zwar, um die Bürger zu SCHÜTZEN! Die Gefahr, die von abbrechenden Ästen und auch jetzt noch umstürzenden Bäumen ausgeht, ist nämlich immer noch sehr groß!

Und was macht angesichts all dieser Fakten der allseits beliebte deutsche Zipfenmützen-Michel?
Er mosert, meckert und macht sein Ding trotz aller Verbote, trotz aller Gefahr.
Es gibt Leute – und gar nicht einmal so wenige –, die haben nur ihre Ansprüche, vermeintlichen Rechte und Routinen im Hirn, die durch das Unwetter empfindlich gestört worden sind.
Was für eine Frechheit, dass es so ein Unwetter gibt! Und was für eine Frechheit, dass es am nächsten und auch am übernächsten Tag tatsächlich immer noch Konsequenzen gibt, die Unbequemlichkeiten mit sich bringen.

-       Da werden Helfer behindert, beschimpft und bespuckt.
-     Da erstattet ein Rechtsanwalt Anzeige, weil Helfer ein im Sturm umgekipptes Baustellen-Klohäuschen erst einmal in seiner Einfahrt sicher abgestellt haben!!! Der Shitstorm gegen ihn muss wohl heftig gewesen sein: Er zog die Anzeige zwischenzeitlich zurück und will jetzt sogar noch spenden. AHHHH ja!!
-     Da gibt es Hasskommentare gegen die Bahn, weil die nicht mit Harry Potters Zauberstab mal kurz etliche hundert Kilometer Oberleitung in einer Stunde in Ordnung bringen kann.
-     Da gibt es Rentner, die auf Einhaltung ihrer täglichen Mittagsruhe pochen, während Helfer sich draußen damit plagen, umgestürzte Bäume von drei zerstörten Autos wegzuräumen.
-     Da laufen Leute einfach durch den abgesperrten Wald, weil sie glauben, dass es zu ihrem vom Grundgesetz garantierten Recht gehört, da zu joggen, wo sie wollen – mit versichertem Recht auf Unversehrtheit natürlich.
-     Da geht sogar eine Lehrerin mit einer ganzen Klasse trotz Absperrung in den Wald und meint, sie habe nicht gewusst, dass man das nicht darf.

Die WAZ in einem Kommentar: “Viele Bürger haben sich vom Schrecken der Sturmnacht erholt und wollen tun, was sie gewohnt sind: Mit dem Hund Gassi gehen, eine Runde joggen, mit der Familie grillen.”
Und weiter: “Für Feuerwehr und Forstbetriebe ist an Alltag noch nicht zu denken. Auch am Tag elf nach dem Sturm arbeiten Mitarbeiter gefühlte 24 Stunden. Obendrein müssen sie sich die Pöbeleien so mancher Bürger gefallen lassen – weil die Motorsäge zu laut ist oder der Hund seine gewohnte Gassirunde braucht.”
“’Der Hund muss raus’, sagen die Tierlieben. ‘Die Förster fahren hier ja auch lang’“, sagen die Spitzfindigen. Und ‘Ich wusste nicht, dass der Wald immer noch gesperrt ist’, sagt die Lehrerin, die samt Schulkindern in den gesperrten Gladbecker Stadtwald hineingeradelt ist . Von solchen Szenen berichten in diesen Wochen nach dem Orkantief ‘Ela’ die Forstmitarbeiter im Ruhrgebiet, wenn man sie fragt, wie die Revierbürger mit der Sperrung der Wälder umgehen. Kurzum: Viele ignorieren sie einfach. ‘Es sind kaum weniger Menschen im Wald als vor dem Sturm’, sagte der Duisburger Stadtförster Stefan Jeschke Mitte dieser Woche. Man stelle sich vor: Der Wald ist gesperrt – und jeder geht rein, um zu gucken warum.” (WAZ)

Wir reden hier von erwachsenen Menschen! Von sogenannten “mündigen Bürgern” – und zwar aus allen gesellschaftlichen Schichten! Borniertheit, Egozentrik und Verantwortungslosigkeit gibt es überall; sie treten übrigens auch völlig unabhängig von der Höhe des IQ auf.

Meine unmaßgebliche und hier gerne auch undifferenzierte Meinung:
-     Das sind die Erwachsenen, die ihren Kindern Vorbild sein sollen – und nur narzisstisch und komplett borniert die Erfüllung ihrer eigenen persönlichen Ansprüche im Hirn haben.
-     Das sind die Erwachsenen, die immer noch egozentrisch glauben, das Leben habe für sie ein Ponyhof zu sein und eine Aneinanderreihung von unterhaltsamen Events von Formel 1 übers Oktoberfest bis zum Papstbesuch – ohne jedes eigene Risiko oder persönliche Engagement ihrerseits natürlich.
-     Das sind die Erwachsenen, deren Kinder Lehrer chronisch nerven, weil sie nicht in der Lage sind, sich zu konzentrieren und auf eine Situation einzustellen, in der sie nicht im Mittelpunkt stehen.
-     Das sind die Erwachsenen, die, wenn sie denn in der entsprechenden Position sind, hinter vorgehaltener Hand flüstern oder aber auch lauthals damit angeben, dass sie wüssten, wie man den Mindestlohn elegant umgehen und viel Geld an der Steuer vorbeischleusen könne.
-     Das sind die Erwachsenen, die zusammenstehen, ihre leeren Pommesschälchen einfach so auf den Boden werden und gleichzeitig darüber palavern, dass die Jugend von heute eine Katastrophe sei, anspruchsvoll, verwöhnt, respektlos, vorlaut und dreckig.

AHHHH ja!!

Ich habe solche Leute so satt!

 

Kostenlose Autismus-App hilft Betroffenen zu sprechen

Ich könnte mir vorstellen, dass diese App sehr hilfreich sein kann. Näheres dazu ist zu finden auf zeit-online.

IN MEMORIAM
In diesem Zusammenhang: Mein vorletzter Beitrag kündigte eine WDR-Fernsehsendung zum Thema Autismus an, in der auch Sabine Kiefner zu Wort kam. Sabine habe ich vor Jahren kennengelernt, da sie sich auch im Themenbereich Hochbegabung bewegte. Wir haben uns über Jahre hinweg öfter getroffen und waren auch sonst in Kontakt. Als sich herausstellte, dass sowohl ihr Sohn als auch sie selbst betroffen waren, beschäftigte sie sich intensiv mit dem Thema Asperger-Syndrom und den Lebensbedingungen der Betroffenen. Ihr Blog “Ich bin Autistin – Asperger-Syndrom bei Frauen” ist wunderbar authentisch und lebendig und vermittelt in sehr nachvollziehbarer Weise das Lebensgefühl einer von Autismus Betroffenen. Aus diesem Blog ist das Buch “Freude ist wie ein Hüpfball in meinem Bauch” entstanden. Regelmäßig stellte Sabine sich für Lesungen und Diskussionen zum Thema zu Verfügung – immer wieder ein Kraftakt.
Durch ihren mutigen und unermütlichen Einsatz wurde sie zu einer wichtigen und bekannten Vermittlerin, die der nichtbetroffenen Öffentlichkeit anschaulich nahebringen konnte, was es heißt, vom Asperger-Syndrom betroffen zu sein und damit leben zu müssen – und dass eine ganz eigene Normalität damit verbunden sein kann, wenn bestimmte Grundvoraussetzungen gegeben sind. Respekt ist nicht die geringste dieser Voraussetzungen … So wehrte sich Sabine auch immer wieder öffentlich gegen diskriminierende Berichte der Presse.
Es ist wirklich traurig: Sabine Kiefner, 1962 in Köln geboren, ist nach ganz kurzer schwerer Krankheit – eigentlich plötzlich und unerwartet – im November des letzten Jahres verstorben.

 

WDR: “B. sucht” – Autismus aus der Sicht von Betroffenen

Heute, am Donnerstag, den 11. Juli 2013 zeigt der WDR um 22:00 Uhr im Rahmen der Serie „B. sucht“ mit Bettina Böttinger einen halbstündigen Beitrag zum Thema Autismus. 
Bettina Böttinger hat drei autistische Menschen zu Hause besucht, um zu zeigen, wie sie leben und wie ihr Alltag aussieht. Einer dieser Menschen ist Sabine Kiefner aus Köln, Autorin des Blogs Ich bin Autistin – Asperger-Syndrom bei Frauen – Autismus aus der Sicht einer Betroffenen, die ich auch persönlich kenne – ursprünglich aus dem Hochbegabtenbereich.
Sabine hat übrigens auch ein sehr anschaulich und lebendig geschriebenes Buch über ihre Erfahrungen und ihre Erlebniswelt herausgebracht: Freude ist wie ein großer Hüpfball in meinem Bauch: Aus dem Alltag einer Autistin.
Wiederholt wird die Sendung am Sa, 13.7. um 0.45 Uhr und am Di, 16.7. um 9:30 Uhr.
Außerdem ist die Folge über Autismus auch eine Woche in der WDR-Mediathek abrufbar.

 

Kollektive Intelligenz im Primzahlenrhythmus

Der Mensch die Krone der Schöpfung? Es scheint Wesen zu geben, die intelligenter dabei vorgehen, auf Dauer ihr Überleben zu sichern …
Man lese in der SZ: 17 Jahre im Untergrund.

 

Schwieriges (sprachliches) Erbe

Als ich vor einigen Tagen einen Beitrag für meinen Fotoblog speysight zum Holocaust-Gedenktag am 27.Januar vorbereitete und darin Bilder von der Gedenkstätte Buchenwald einfügte, kam mir wieder einmal der Satz in Erinnerung, der am Eingangstor zum Lager Buchenwald zu lesen ist – und er ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

”Arbeit macht frei” – Vermutlich wissen sehr viele, dass dies der Satz ist, der am Tor zum Lager Auschwitz zu finden ist. Dieser Satz ist – natürlich völlig zu Recht – gebrandmarkt.

Viel viel schwieriger und vielschichtiger sieht das aus bei der Redewendung am Tor des KZ Buchenwald. Sie besteht nämlich aus einer Bemerkung, die man landläufig immer mal wieder hört und die viele – meist ganz arglos – auch selbst benutzen.
Wenn ich diesen Satz höre, frage ich den Sprechenden immer danach, ob ihm denn bekannt sei, in welch schrecklichem Kontext diese Bemerkung eine Rolle spielt: Niemand weiß das! Alle sind aber betroffen, wenn sie hören, dass sich dieser geläufige Satz am Eingangstor eines Konzentrationslagers befindet.
Selbst Werbekampagnen wurden aus Unkenntnis mit diesem Satz gestartet – und nach Protesten ganz schnell wieder gestoppt.

Am Tor des Lagers Buchenwald zu lesen ist: ”Jedem das Seine”!

In Zeiten, die sich sprachsensibel geben und in denen Kinderbücher von Begriffen wie “Neger” oder “Zigeuner” gereinigt werden, sollte man sich zumindest auch einmal die o.g. Redewendung kritisch anschauen.

“Jedem das Seine”: Der Satz war mir im Zusammenhang mit dem Holocaust-Gedenktag wieder so präsent, dass ich keine Ruhe hatte, bis mir die Idee kam, hier im Blog auf ihn und seine schwierige Geschichte hinzuweisen.
Ich wollte selbst eine Analyse dazu schreiben, habe dann aber gute Informationsseiten gefunden, die Profundes dazu zu sagen wissen:

Bundeszentrale für politische Bildung

Forschungs- und Arbeitsstelle »Erziehung nach/über Auschwitz«

Wikipedia

 

Vorbild

Im Moment geht die Auswertung einer Umfrage durch alle Zeitungen, in der nach den Vorbildern der Deutschen gefragt wird (WAZ, Die WELT etc.).
Und? Was kommt raus? Wer sind die großen Vorbilder der Nation?
SurpriseSurprise: Albert Schweitzer, Mutter Teresa und Nelson Mandela.

Das Ergebnis las ich zwar mit Verständnis, aber auch mit einem gewissen Überdruss: Da werden halt die üblichen “großen” Namen genannt von Leuten, die man irgendwie toll findet, an deren Handeln sich aber letztlich kaum jemand wirklich orientiert.

Ich überlegte dann, wer denn überhaupt für mich infrage käme als Vorbild.
Mit den Jahren hat sich – Gott sei Dank – bei mir eine ziemliche Nüchternheit eingestellt, was solche Dinge angeht. Vorbild? Mir kann so leicht niemand mehr etwas vormachen. Glaube ich zumindest.

Also, gibt es da jemanden, von dem ich als meinem Vorbild reden könnte – und der auch wirklich mein Denken und Handeln beeinflusst und verändert hätte?

Die Antwort kam mir ganz spontan und eindeutig, und die entsprechende Person kann durch keine Alternative in die zweite Reihe verdrängt werden. Ja, da gibt es jemanden.

Ich weiß noch nicht einmal, wie dieser Mensch heißt und ob er noch lebt.

In einer kleinen Stadt in Südtirol habe ich ihn vor vielen Jahren gefunden, und ich habe ihn nie vergessen.
Er arbeitete im Zentrum der Stadt in einem öffentlichen Toilettenhäuschen.
Er war offensichtlich geistig behindert.
Trotzdem schaffte er es, das Toilettenhäuschen zu managen – links die Damen, rechts die Herren, er in einem kleinen Kabuff in der Mitte zum Kassieren, zum Aufpassen und zum ständigen Reinigen der Anlage. Das alles war deutlich sehr anstrengend für ihn und eine wirkliche Herausforderung.

Ich zahlte, benutzte die Anlage – und konnte gar nicht mehr aufhören, diesen Mann zu beobachten:

Niemals vorher und niemals nachher habe ich einen Menschen erlebt, der mit einer solchen Inbrunst und Intensität seine Dinge tat – Dinge, die bei vielen nur Naserümpfen hervorrufen würden.

Mit einer ungeheuren Ernsthaftigkeit, ja Ehrfurcht, nahm er das Geld entgegen und schaute es lange und aufmerksam an, um sicherzugehen, dass auch alles stimmte. Dann gab er mir das Wechselgeld zurück, dessen Berechnung ihm sichtlich Mühe bereitete. Anschließend reichte – nein: überreichte – er mir einen kleinen Kassenzettel. Als ich ging, sortierte er langsam und aufmerksam die kleinen Münzen in die Schublade einer einfachen Kasse ein, nahm dann einen Korb mit Reinigungsmitteln und säuberte die Toiletten. Er ging vollständig auf in dem, was er tat – mit jeder Bewegung, jeder Geste.

Das alles dauerte länger als gewöhnlich – und konnte doch für mich gar nicht lange genug dauern: Die Lektion, die ich durch ihn erhielt, war einzigartig und hielt lange an – sie hält an und wirkt bis zum heutigen Tag:

Nicht WAS wir tun – wie oft können wir das gar nicht wählen –, ist wichtig, sondern WIE wir es tun. Darin sind wir immer frei. Ich habe hier auf speybridge schon darüber geschrieben.

Dieser behinderte Mensch handelte meisterlich.
Sein Toilettenhäuschen war sein Königreich, das er mit seinem ganzen Sein, mit allem, was ihm überhaupt möglich war, zu seinem Lebensinhalt und seiner Lebensaufgabe gemacht hatte.

Ganz natürlich.
In vollem Ernst.
Mit ganzer Hingabe.
In unantastbarer Würde.
Ohne etwas zu erwarten.
Völlig authentisch und eins mit sich und der Welt.

Gibt es ein größeres Vorbild?

 

Sind Frauen zuständig für die Entwicklung der “männlichen Identität”?

Es gibt durchaus die Tendenz, zu beweinen, dass Männer ja nun auch mittlerweile durch die starke Veränderung bei den Frauen ein Identitätsproblem hätten, da die alten Muster nicht mehr funktionierten – und Mann oft nicht mehr wisse, was Mannsein denn eigentlich heiße, weil dies und jenes durchaus Widersprüchliches von ihm erwartet werde. Außerdem seien Jungs inzwischen einer stark entwickelten weiblichen Welt ausgesetzt, in der sie keine Rollenvorbilder mehr hätten, kaum mehr eine “männliche Identität” aufbauen und ihre Kraft nicht mehr ausleben könnten etc.

Der Witz dabei ist, dass dieses Problem gerne oft den Frauen angelastet und vorgeworfen wird, die ja von der Mutter bis zur Grundschullehrerin die Erziehung der Kinder hauptsächlich prägen.

Aber genau da ist ja der Knackpunkt: Die Jungs und Männer TUN es eben nicht, in voller Konsequenz erziehen und Vorbild sein. Das Ganze bleibt immer noch den Frauen überlassen. Ganz stolz wird es als Erfolg gewertet, dass Väter nun ab und an (jedenfalls wenige Prozent der Väter) nach der Geburt ihrer Kinder die Elternzeit nutzen.

Die Väter sind es nicht, die im Zweifelsfall zu Hause bei den Kindern bleiben.
Sie sind es nicht, die bei einer Trennung die Kinder übernehmen und bei Halbtagsjob und ständiger Überlastung und schlechtem Gewissen und oft wenig Geld in Erwartung einer Mini-Rente alles managen.
Sie sind es nicht, die in KiTas und Grundschule die mühevolle Kleinarbeit übernehmen, die “Rotznasen” aufs Leben vorzubereiten.
Warum nicht?
Weil es keinen Status bietet.
Weil die Karriere leidet.
Weil Altersarmut droht.
Weil es gesellschaftlich nicht anerkannt ist.
Weil es oft eintönige und dreckige Wiederholungarbeit ist.
Und weil es gar nicht oder Scheiße bezahlt wird.

Im Klartext: Männer wollen die Erziehungsarbeit in voller Konsequenz nicht tun, erwarten aber von den Frauen, denen man dieses Feld immer noch gerne überlässt, den Jungs die Entwicklung einer “männlichen” Identität zu ermöglichen. Sonst sind all die Mütter, Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen natürlich daran Schuld, dass die Jungs ihr Jungssein nicht auf die Reihe kriegen.

Im Ernst: Können Frauen Jungs eine “männliche Identität” vermitteln?
Sind Frauen daran Schuld, dass Männer Jungs kein positives Rollenbild vermitteln und vorleben, weil sie in der Kleinkinderziehung kaum präsent sind und sie delegieren?
Was denn noch?

Frauen kämpfen für eine neue Identität – natürlich nicht immer mit den richtigen Mittel, denn es gibt keinen festgelegten Weg, weil das alles Neuland ist. Aber sie ringen. Try and error.

Ringen um die eigene Identität: Das können Frauen den Männer aber nicht abnehmen, das für sich selbst zu tun.

Wenn viele Männer jammern – Ausnahmen bestätigen die Regel –, dass sie mittlerweile “als Mann” zu kurz kämen oder desorientiert wären, ist das einfach nur lächerlich und ein Armutszeugnis für die Psyche der Männer und repräsentiert – wie die OECD-Studie zeigt – in keiner Weise die herrschenden (ökonomischen) Verhältnisse.

Eine eigene neue “männliche” Identität zu entwickeln, das ist eine psychologische Anfrage an die Männer selbst – und auch eine soziale Aufgabe. Diese aber kann man(n) nun wirklich nicht an die Frauen delegieren so wie bisher gewohnt so vieles andere Soziale.

Und genau da liegt wohl der Knackpunkt: Die Männer sind für ihre Identität als Mann selbst zuständig und verantwortlich. Es ist in IHRER Hand und IHRER Verantwortung, sie zu entwickeln – auch im Hinblick auf ihre Söhne. Keiner sagt, dass das einfach ist.

Mami kann ihnen diese Arbeit aber nicht abnehmen.

 

OECD-Studie: Frauen in Deutschland ganz unten!

Deutschland ist ganz unten, titelt SZ-online – und: Deutschland auf den letzten Rängen.

Das gilt, was die Geburtenrate angeht, das gilt für die Gleichberechtigung, die Verteilung der Aufgaben in der Familie, die Lohngerechtigkeit, die Rentengerechtigkeit.

Na, endlich sagt es mal jemand, auf den man vielleicht hört.

Man lese diesen alten Blogbeitrag und diesen. Daraus:
”Die widersprüchlichen Forderungen, die an Frauen mittlerweile gerichtet werden, sind nicht mehr erfüllbar. Es sind Forderungen, die der sog. Doppelbindung entsprechen, einer erprobten psychologischen Möglichkeit, Leute in den Wahnsinn zu treiben, weil sie nur schlechte Entscheidungen treffen können, die man ihnen dann vorhalten kann. Jede Entscheidung für eine der beiden Alternativen ist schlecht – eine quasi aussichtslose Position.
Beispiele:
“Du bist eine schlechte Mutter, wenn Du berufstätig bist – aber Deine Rente musst Du Dir schon selbst erarbeiten!!”
“Du kannst doch meine arme Mutter nicht ins Heim geben – aber Deinen Verdienst brauchen wir zum Abbezahlen der Hypotheken.”
“Gib Deine Karriere auf wegen der Familie – aber wenn wir uns trennen, dann sorge gefälligst für Dich selbst und natürlich für die Kinder.”
”Arbeite ehrenamtlich, das ist sooo wichtig – vernachlässige aber weder Deinen Beruf, Deine Kinder, Deinen Haushalt, Deine alten Eltern oder Deinen Mann.”

Meine Vision ist, dass einmal eine gewisse Zeit lang alle Frauen gleichzeitig jegliches ehrenamtliche Engagement – nur jedes Ehrenamt – ruhen lassen.
Unsere tolle Republik würde zusammenbrechen.

Ganz ehrlich: Ich habe Verständnis für jede Frau, die unter den herrschenden Bedingungen keine Kinder mehr bekommen will!