Archiv für die Kategorie Bildung und Erziehung

“Was das Kind selbst interessiert, nervt eher”

Ach, dieser Mensch, Gunter Dueck, schreibt mir so oft aus der Seele …
Hier wiederum ein “Daily Dueck” mit dem Titel: „Age of first interest“ – Bringt bei, was interessiert, nützt oder fesselt!

Lesen allein genügt nicht!

 

Oft verloren: Der Blick der Eltern auf das Kind

Seit Samstag stehe ich häufig den ganzen Tag am Infostand der DGhK (Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind) in einer großen Verbrauchermesse in Essen im Rahmen der Präsentation der Selbsthilfegruppen der Stadt.

Die Gespräche, die ich dort führe, decken die ganze Spannweite ab von humorigen Antworten auf hingeworfene dämliche Kommentare Vorbeigehender bis hin zu wirklichen SOS-Gesprächen mit Eltern (vermutlicher oder auch getesteter) hochbegabter Kinder, die sonst nie zu uns gefunden hätten.

Was ich da z.T. so höre, macht mich manchmal wirklich sprachlos.
Schule ist oft nicht optimal für sehr oder gar hochbegabte Kinder, das ist bekannt.
Was weniger bekannt ist – bzw. oft nicht laut ausgesprochen wird, weil dem, der das tut, Kreuzigung droht – ist die Tatsache, dass auch viele Eltern nicht gut sind für ihre Kinder, sie total aus dem Blick verloren haben, völlig blind und planlos handeln – oder Schlimmeres.

Ich will mich deutlich ausdrücken: Wenn hochbegabte Kinder zum Problem werden für sich und andere, ist es durchaus nicht selten so, dass eigentlich die Eltern das zentrale Problem darstellen und erst in zweiter Linie die Kinder.

Nur zwei Beispiele aus den letzten Tagen:

Da ist eine Familie mit einer Tochter, die mit fünf Jahren, total fit und auch hochbegabt getestet, schon lesen und rechnen kann. Sie wird trotzdem aber erst mit sieben eingeschult – und das auf einer Waldorfschule. In der dritten Klasse dort kann das Mädchen nun mittlerweile nicht mehr lesen und nicht mehr rechnen! Alles weg!! Außerdem, nach den Schilderungen der Eltern, ist das Mädchen mittlerweile wohl hochgradig depressiv, will nicht mehr zur Schule, verweigert sich allem, will sogar nicht mehr essen.
Und die Eltern sehen nicht, dass da HANDLUNGSBEDARF ist! (“Ach, Sie meinen, wir müssten da was unternehmen?”)

Da ist eine Mutter mit einem Sohn, von dem alle sagen – von Familie über Nachbarn bis zum Kinderarzt, dass er sicher hochbegabt sei. Er wird trotzdem auf eine Realschule geschickt, weil der Vater halt “nur” auf einer solchen war. Die Probleme in der Schule sind immens, der Junge klagt über Öde, ist beginnender systematischer Schulschwänzer. Außerdem hat er keine Freunde, ist isoliert und kaum mehr ansprechbar. Die Situation scheint schulisch und familiär eine einzige Katastrophe zu sein.
Die Mutter weigert sich jedoch, den Sohn testen zu lassen, weil sie Angst vor den “Folgen” hat, wenn sich herausstellen sollte, dass der Junge wirklich hochbegabt ist. Auf die Frage, ob sie aus Angst vor einer Diagnose auch nicht zu einem Arzt gehen und sich auch nicht behandeln lassen würde, damit es ihr dann besser gehe, schaut sie mich nur groß an und sagt: “Ich will aber kein hochbegabtes Kind – und mein Mann schon gar nicht!”

Vielleicht wird an den beiden Beispielen deutlich, was ich meine.

Wie unendlich viel bewusster und nah am Kind ist da die Handlungsweise von Ellen Gause, die sie auf dem Blog Der Lehrerfreund in einem Gastbeitrag beschreibt. Auf den ersten Blick erscheint ihre Vorgehensweise unvernünftig und aufrührerisch – auf den zweiten aber zeigt sich klar, dass sie ihre Kinder wirklich wahrnimmt und entsprechende Entscheidungen zusammen mit ihnen trifft. Nicht stromlinienförmig, aber realistisch und verantwortungsbewusst.
Es ist nicht so, dass ich die Handlungsweise von Frau Gause bei allen Eltern und allen Kindern für sinnvoll und praktikabel halte – manche Eltern können sie nicht verantwortungsbewusst handhaben und manche Kinder sind nicht in der Lage, vernünftig damit umzugehen.
Was ich aber an Frau Gauses Ansatz schätze, das ist der stimmige Blick auf ihre Kinder und die Fähigkeit, sich bewusst für sie einzusetzen, notfalls auch mit etwas unkonventionellen Mitteln.
Das ist vielleicht streitbar – aber unendlich viel mehr, vor allem viel näher am eigenen Kind, als ich es in der Regel in Beratungsgesprächen, wie oben exemplarisch geschildert, erlebe.

 

Hochbegabung in der Schweiz

Ein lesenswerter Artikel aus unserem Nachbarland.
Interessant fand ich, dass es im Umgang mit hochbegabten Schülern durchaus Unterschiede zwischen den deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Landesteilen zu geben scheint:
Aufwachsen wie ein Chamäleon

 

Und der deutsche Amtsschimmel wiehert

Man lese in der Frankfurter Rundschau:
Kein Abi für den Turbo-Schüler
Am schönsten finde ich noch den Rat an Felix, sich zwischenzeitlich an einer Kosmetik-Schule anzumelden …
Nicht zu fassen …

Auch auf Spiegel-online zu finden und auf hr-online.

 

Keine Hausaufgaben mehr an Oberhausener Gymnasium

Die WAZ berichtet in ihrer heutigen Ausgabe, dass die Schüler der Klassen 5 bis 9 des Elsa-Brändström-Gymnasiums in Oberhausen ab jetzt nicht mehr generell Hausaufgaben nach Schulschluss (16.00 Uhr) machen müssen. Dadurch soll der Zeitdruck gemildert werden, unter dem die Kinder durch das “Turbo-Abi” stehen.
Möglich sind aber weiterhin häusliche Aufgaben, die auf individuelle Schwächen einzelner Schüler zugeschnitten werden.

Es gilt eine Testzeit von zwei Jahren, in denen sich herausstellen soll, ob die Kinder auch ohne Hausaufgaben zu machen, lernen …

Das Elsa-Brändström-Gymnasium ist seit Jahren durchaus eine Wahl bei der Suche nach einem Gymnasium für hochbegabte Kinder. Eine der Begründungen für das Weglassen allgemeiner Hausaufgaben zielt deshalb auch auf die Vorteile für gut begabte Kinder: “So muss kein Kind seine Freizeit mit dem Lösen von Aufgaben verbringen, die es längst beherrscht.”

Gute Idee das …

 

Überbehütung und kein Wettbewerb: Immer König – jemals erwachsen?

Ich habe schon einige Male die Tendenz heutiger Eltern zur Überbehütung beklagt (hier und hier und hier und hier).
Heute bekam ich einen Artikel aus brand eins Online zugeschickt, der beschreibt, dass immer mehr Eltern – vor allem Mittelschichteltern – jetzt auch jedweden Wettbewerb unter Kindern abschaffen wollen, weil der doch die armen Kinderseelchen verletzen könnte.

Man lese:
Wenn Jeder ein Sieger ist

Eigentlich denke ich, der gesunde Menschenverstand MUSS einem doch sagen, dass das so nicht funktionieren kann. Aber der scheint schon lange in der Kindererziehung keine große Rolle mehr zu spielen. Das spüre ich deutlich in meinen Beratungen: Oft und immer öfter erlebe ich dort das Verhalten der Eltern als das eigentliche Problem – das natürlich Konsequenzen für das Verhalten und das Lebensgefühl der Kinder mit sich bringt.

Schon als mein Sohn klein war – und das ist zwei Jahrzehnte her – habe ich mich ziemlich unbeliebt gemacht im Familien- und Bekanntenkreis, weil ich bei Kindergeburtstagen nur dem Geburtstagskind ein Geschenk gemacht – und seinen Geschwisterkindern nichts mitgebracht habe: Nur das Geburtstagskind hat doch einen besonderen Tag, der anders ist als andere Tage, und ich dachte und denke, dass die anderen Kindern das aushalten müssen und ja auch ihren besonderen Tag im Jahr haben. Die anderen Eltern sahen das nicht so – und haben mich das auch spüren lassen.

Diese Erfahrung von damals ist ja gar nichts gegen das, wovon in diesem Artikel die Rede ist: Fußballspielen ohne Zählen der Tore, Medaillen wahllos für alle, Ballettunterricht ohne Korrektur, Sticker mit “Geglückter Versuch” bei einem missratenen Ergebnis, Verbannung des Rotstiftes aus den Klassenarbeitsheften etc. etc.

Konsequenz des Ganzen: eine Narzissmus-Epidemie.
Aus dem Artikel:
“Unter diesen Vorzeichen wachsen nach Meinung von Dan Kindlon Teenager heran, die weder Unbehagen noch Selbstzweifel kennen. Die nichts anderes als eine glückliche Kindheit erlebten. Deren Eltern und Lehrer vom Sandkasten an, über den Spielplatz bis zur Schule in allen unbehaglichen Momenten intervenierten. Glück, das eigentliche Nebenprodukt des Lebens, wird zur Hauptzutat, zum Lebensziel schlechthin.
Einige Psychologen sehen genau darin die Rezeptur für spätere Desaster: Wer als Kind nie traurig war, weil beispielsweise andere die Medaillen absahnten, für den muss die erste normale Frustration im Erwachsenenalter etwas Schreckliches sein. Viele dieser Spätfrustrierten landen dann in der Therapie … und behaupten, sie wären eigentlich glücklich, nur wüssten sie nicht, ob auch glücklich genug.”

Absolut lesenswert!

 

Schulrealität: Lustlose Pflichterfüllung

Der Hirnforscher Gerald Hüther im Gespräch über versaute Mathe-Karrieren – und was es braucht, dass Kinder nur ein Fünftel der Zeit in der Schule sein müssen …
Hier geht’s weiter zum Artikel von derstandard.at

Aus dem Interview:
”Die Hirnforschung kann inzwischen zeigen, dass sich im Hirn nur dann etwas ändert, wenn es unter die Haut geht. Das Hirn ist kein Muskel, den man trainieren kann, indem man viel übt. Im Hirn passiert immer erst dann etwas, wenn derjenige, der lernt, das für sich selbst als wichtig beurteilt. Denn nur dann lässt man sich davon berühren, dann gehen die emotionalen Zentren an. Und immer dann, wenn im Hirn diese emotionalen Zentren aktiviert werden, wird eine Art Dünger ausgeschüttet. Der düngt gewissermaßen das Dahinterliegende, was man im Zustand der Begeisterung an Netzwerken aktiviert hat. Und das führt dazu, dass man immer das, was man mit Begeisterung lernt, auch so gut behält.”

Kein Wunder, dass hochbegabte Kinder in jeder Hinsicht verkümmern, wenn sie sich von Schule weder wahrgenommen noch angesprochen noch geschätzt noch gefördert und schon gar nicht berührt erleben.

 

Für ein neues Erziehungsverständnis

Ich beziehe schon lange den “Daily Dueck” – wobei “daily” nicht wörtlich zu verstehen ist. Gunther Dueck, genauer: Prof. Dr. Gunter Dueck, ein äußerst kluger, unkonventionell denkender Kopf, macht sich so seine Gedanken über dies und alles.

Ich hoffe, er hat nichts dagegen, dass ich aus seinem letzten “Daily Dueck” zitiere – und zwar kommentarlos, da ich komplett einverstanden bin mit seinen Thesen:

“Unser ganzes Verständnis von Erziehung, Persönlichkeitsentwicklung, Mitarbeiterentwicklung, Führung und Ausbildung muss die positive eigenverantwortliche Grundhaltung stärker ins Zentrum rücken. Die neuen Berufe des Wissenszeitalters brauchen nicht mehr vorrangig Arbeitsdrohnen, die im Fließbandtakt funktionieren. Sie brauchen den voll erblühten Menschen. Unsere Schulen aber produzieren tendenziell Funktionsmenschen, die vorgeschriebene und eher dienende Rollen ausfüllen. Das kommt besonders gut in den Kopfnoten der Zeugnisse zum Ausdruck. Die werden immer wieder einmal verändert, aber der Geist der Schule hat immer noch diese Rubriken im Sinn:

• Betragen
• Fleiß
• Mitarbeit
• Ordnung
• Zuverlässigkeit/Sorgfalt
• Sozialverhalten

Diese Wörter sind nicht mehr der richtige „Code“ für die neue Arbeitswelt. Sie sind nicht (mehr) die Zauberwörter für den Menschen, der die besten Chancen hat. Wie wären folgende Kopfnoten in der Schule?

• Kreativität, Originalität, Sinn für Humor
• Konstruktiver, freudiger Wille
• Initiative, die auf andere ausstrahlt
• Gemeinschaftssinn, der auch andere aktiviert
• Gewinnendes Erscheinungsbild und Offenheit
• Ausgewogenes Selbstbewusstsein
• Vorfreude auf eine gute eigene Zukunft
• Auch andere inspirierende Neugier
• Positive Haltung zur Vielfalt des Lebens
• Liebende Grundhaltung zu Menschen

Wenn es einen „Code“ gibt, dann könnte es solch einer sein. Und dann sollten wir unser Verständnis von „guten Kindern“ neu ausrichten und nicht immer über Chancenungleichheit jammern, nichts tun und paranoide Zugangsbeschränkungstheorien verschwörerisch diskutieren.
Lassen Sie uns Zeichen setzen! Ändern wir die Kopfnoten, die das neue Menschenverständnis ausdrücken! Ich meine wirklich ändern, nicht feige weglassen.”

 

Fraunhofer-Talent-School 2012

Vom 2. bis 4. November 2012 findet in Erfurt die vierte Fraunhofer-Talent-School statt mit dem Thema "Medien & Technologie".
Teilnehmen können Jugendliche von 14 bis 19 Jahren.

Aus der Ausschreibung:
Die Fraunhofer-Talent-School »Medien & Technologie« bietet Dir faszinierende Einblicke in aktuelle Themen der modernen Medienforschung und -entwicklung. Gemeinsam mit Gleichgesinnten Deines Alters hast du die Möglichkeit Dich in einem von vier Workshops intensiv mit einem medienwissenschaftlichen Thema auseinanderzusetzen. Entdecke selbst ein wissenschaftliches Problem und entwickle eigene Ideen zur Lösung! Ein spannendes Rahmenprogramm sorgt außerdem dafür, dass außerhalb der Workshop-Zeiten keine Langeweile aufkommt.

Alles Weitere ist hier zu finden.

 

Positives Auffallen nicht erwünscht

In einem Gespräch von ZEIT ONLINE mit dem Genetiker Markus Hengstschläger ist Folgendes Thema: “Wir konzentrieren uns auf die Schwächen der Kinder statt auf die Talente. Damit fördern wir Durchschnitt statt Innovationen.”

Aus dem Artikel:
“Der Durchschnitt hat noch nie etwas Innovatives geleistet. Es gibt aber auch einfach keinen durchschnittlichen Menschen. Jeder hat spezielle, individuelle Talente. Aber wir leisten es uns zugunsten des Durchschnitts, diese Talente nicht zu fördern. Da schwärmt ein Vater: "Mein Sohn ist so problemlos, ist noch nie negativ aufgefallen." Aber auch positives Auffallen ist nicht erwünscht. Das wäre nämlich Stress: Das Kind hat dann wahrscheinlich Bedarf nach mehr. Wir sollten es aber gerade motivieren, neue Wege zu gehen, aufzufallen. Wer einen neuen Weg gehen will, muss den alten verlassen! Dafür müssen wir wieder den Mut aufbringen. Denn wir wissen nicht, welche Innovationen in der Zukunft gebraucht werden – und welche Talente wir dafür benötigen. …
Heute läuft es doch so: Hat ein Kind vier schlechte Noten im Zeugnis und eine sehr gute – was sagen Lehrer, Eltern, Politiker? In dem Fach, in dem du sehr gut bist, tust du nichts mehr. Aber in den Fächern, in denen du schlecht bist, lernst du rund um die Uhr, bis eine durchschnittliche Note erreicht ist. Da wo das Kind so gut war, wird es auch Durchschnitt, weil es keine Zeit mehr dafür hat. Wir geben viel Geld aus, um den Kindern zu sagen, was sie nicht können, und ihnen dann zu raten, sich hauptsächlich mit den Dingen zu beschäftigen, die sie nicht gut können. Das ist nicht sinnvoll.”

Wohl wahr!