Archiv für den Mai, 2009

Schule als Zweitfamilie

Zwölftausend Stunden Zweitfamilie 
“Kinder verbringen fast so viel Zeit in der Schule wie zu Hause. Sollten Lehrer da nicht etwas mehr leisten als nur Unterricht?”

Im Magazin der Süddeutschen Zeitung wird zu Recht darauf hingewiesen, dass Kinder einen bedeutenden Teil ihres Leben in der Schule verbringen – und fordert, Konsequenzen daraus zu ziehen:

“Es steht außer Frage, dass die kind-gerechte Schule der Zukunft mehr betreuen muss und sich nicht mehr aufs ausschließliche Unterrichten beschränken kann. Sie muss den Kindern sinnvolle Erfahrungsmöglichkeiten anbieten, weil viele Kleinfamilien selber diese Leistungen nicht mehr erbringen können. Das hat nichts mit der »Züchtung von Staatskindern« zu tun, aber viel mit Chancengerechtigkeit. …
Eine kindgerechte Schule ist eine individualisierte Schule. Anders kann sie die immense Vielfalt innerhalb einer einzigen Schulklasse nicht auffangen. Obwohl die Kinder einer Schulklasse in der Regel denselben Jahrgang haben, steht die Lehrerin bereits in einer ersten Klasse vor Schülern mit riesigen Entwicklungsunterschieden. Die leistungsmäßig besten Erstklässler sind bereits so weit wie Drittklässler, die schwächsten gerade mal auf dem Niveau des ersten Kindergartens. Diese Unterschiede zwischen den Kindern weiten sich im Verlaufe der Schulzeit immer stärker aus.
Trotzdem sind nach wie vor Lehrpläne maßgebend, die für alle Kinder Gültigkeit haben sollen. Schlägt die Schule weiterhin jedes Kind über den gleichen Leisten, wie sie das in der Vergangenheit getan hat, wird man die einen Kinder zwangsläufig unterfordern und andere überfordern. Diese Kinder werden auf die Dauer entmutigt und verabschieden sich innerlich von der Schule – oder aber sie werden aus Protest verhaltensauffällig. …
Meint es eine Schule wirklich ernst mit dem individualisierten Unterricht, dann ist es nur konsequent, die bisherigen kollektiven durch individuelle Lehrpläne zu ersetzen.”

Yes!!

“Das oberste Ziel einer kindgerechten Ausbildung besteht nicht in einem Zeugnis mit lauter Einsen in Wissen und Fertigkeiten, sondern in einem guten Selbstwertgefühl aller Schüler. Ein gutes Selbstwertgefühl kann nur entstehen, wenn das Kind die Schule erfolgreich bestehen kann, also weder über- noch unterfordert wird. Dies verschafft dem Kind die Gewissheit, dass es die Zukunft mit Zuversicht in Angriff nehmen kann, dass es die eigenen Stärken zu nutzen und mit den Schwächen umzugehen weiß. Eine kindgerechte Schule entlässt junge Erwachsene in die Gesellschaft, die emotional gefestigt, sozial kompetent und fähig sind, ihr Leben selbstständig zu meistern. Lernstoff, der nur den Fachlehrer, aber nicht die Kinder interessiert und der vor allem nichts zu ihrer langfristigen Entwicklung beiträgt, gehört nicht mehr in den Unterricht.”

Und wovon träume ich heute Nacht???

 

Zwischen Wollen und Können fließt der Mississippi

Es ist mittlerweile keine Seltenheit mehr, in Schulprofilen großmundige Ankündigungen zu finden, was die “individuelle Förderung” (ich kann’s bald nicht mehr hören) Hochbegabter angeht. Das Bild, das Schulen von sich zeichnen, kann dann hier und da schon äußerst attraktiv auf Eltern hochbegabter Kinder wirken.

Eltern, die dann in der Hoffnung, dort die richtige Schule für ihr Kind zu finden, eine dieser Schulen wählen, geraten jedoch nicht selten in eine Atmosphäre des blanken Unverständnisses dem Kind und seiner Hochbegabung gegenüber. Profilieren will man sich oft gerne mit Hochbegabung – das heißt aber noch lange nicht, dass an diesen Schulen überhaupt irgendjemand tatsächlich Ahnung vom Thema hat.

Es ist eben nicht dasselbe, mal eben einen schönen Extra-Kurs für einen freundlichen hochbegabten Hochleister anzubieten, mit dem sich die Schule auch noch nett brüsten und profilieren kann, oder aber es mit einem sperrigen Minderleister zu tun zu haben, dem man seinen hohen IQ-Wert niemals zutrauen würde, oder einen intellektuellen Nimmersatt in der Klasse zu haben, der mit seinem Wissensdurst jeden Unterricht sprengt. Damit muss man erst mal umgehen wollen und können.
Vielen Schulen ist das zunehmend zu mühsam.

Hier die Erfahrung, die eine Familie mit solch einer Schule gemacht hat:


Eine kleine Geschichte am Rande der Gesellschaft

Es war im November Anno 2008, als das Kind den Schulbesuch in einer alten Hansestadt aufnahm. Nachdem noch im Vorfeld seine bisherige schulische Karriere erörtert wurde, stand für alle Beteiligten fest:

„Hochbegabte sind an unserer Schule selbstverständlich willkommen.“

Also los, der Schulalltag sollte beginnen, frei nach dem Motto: Wir betreiben Hochbegabtenförderung und -integration – mit persönlicher Empfehlung aus der Bezirksregierung. Es verging einige Zeit mit kleinen und großen Fragezeichen, bis endlich das Programm der Förderung begann. Alle waren sehr gespannt. Das Kind sowie die Eltern wurden zuvor noch einmal daran erinnert:

„Du sollst immer das Gefühl haben, dass du bei uns willkommen bist.“

Die nach nur 4 Monaten aufgenommenen, gemäß Schulgesetz individuell auf den Schüler abgestimmten, Förderaktivitäten waren logisch aufeinander aufgebaut, sachlich formuliert und innerhalb von 4 Wochen erledigt:

1. Klassenkonferenz unter Ausschluss des Schulpädagogen und der Eltern
2. schriftlicher Verweis gemäß § xxx Schulgesetz
3. Suspendierung vom Schulunterricht
4. Ausschluss von der anstehenden Klassenfahrt nach gleichzeitiger Verteilung der
Unterlagen zur Klassenfahrt an den Schüler.

Huch, was war das? Nun gut, sicher kennen Sie das pädagogisch gut durchdachte Konzept "Pro Lehrer" noch nicht. Also hier noch einmal zusammengefasst:

„Du bist hier mit deiner Begabung willkommen, und um dir das auch in aller  Deutlichkeit zu beweisen, bleib doch erst einmal da wo du bist: zu Hause.“

Sollte der geneigte Leser nun die pädagogisch konstruktiven Parallelen zwischen Zusage und Umsetzung noch immer nicht erkennen – vielleicht liegt es daran, dass er sich einfach nicht im gleichen ‚Prozentrang’ der Intelligenzskala befindet wie die erfahrenen Pädagogen dieses Instituts.

Annette Block-Parrino

 

Böse, aber wahr!

Eben in den neuen Greenpeace-Nachrichten gelesen:

        Wäre die Welt
        eine Bank,
        hättet ihr sie
        längst gerettet !

 

Hauptsache grell und laut

Das Spektrum der Schlagzeilen von Artikeln, die sich des Themas Hochbegabung erbarmen – und selbst oft erbarmungswürdig sind – ist breit, aber fast immer schrill.
Neuestes Beispiel: WUNDERKIND – Elise verblüfft die Welt mit einem IQ von 156 (DER WESTEN), wobei Elise zwei Jahre alt ist und in England wohnt. Toll. Super. Spitze. Ich warte auf die Nachricht, dass ein Embryo…

Also: Alles da an Großbuchstaben von “Genie”, “Kleine Einsteins” bis hin zu Hochbegabungs-Hysterie, einem Artikel, der letzte Woche in den Westfälischen Nachrichten erschienen ist.

Alles entweder schrill toll nach dem Motto: “Kuck mal, was für seltene komische Tiere es doch gibt” oder schrill Scheiße: “Die Eltern wollen doch nur aus ihren schlecht erzogenen Kindern was Besonderes machen und angeben.”

Beides ist natürlich bei der Aufklärung über das Phänomen Hochbegabung mit all dem, was dazugehören kann, keinesfalls hilfreich. 
Ich kann es auch deutlicher und persönlicher sagen: Beides hängt mir im Moment zum Halse raus!

Ja, es gibt sie, die Eltern, die meinen, wenn ihr Dreijähriger bis 10 zählen kann, müsse er dringend auf Hochbegabung getestet werden.
Ja, es gibt sie, die Eltern, deren Kinder einfach nur schlechtes Benehmen an den Tag legen und gerade darum der Hochbegabung verdächtigt werden nach dem Motto: “Der Schackeliene is immer so lankweilig und da stört die eben. Is ja auch kein Wunder bei dem Zeuks, dat die da lernen soll. Die hat watt Besseres verdient. Dat is nämlich ne wirklich hoch Begabte. Aber wie bring isch dat dem Lehrer bei?”
Es gibt sie – ja, leider – und sie stehlen auch mir ab und an Zeit, wenn sie “ganz dringend” Beratung einfordern.
Solche Eltern sind aber in der absoluten Minderzahl – und dazu meist sehr leicht zu durchschauen.

Das große Problem bei solchen Artikeln wie dem zur “Hochbegabten-Hysterie” ist allerdings, dass sie alten Vorurteilen Nahrung geben – und deswegen den wirklich Hochbegabten in ihrem oft so schwierigen (Schul-) Alltag in keiner Weise gerecht werden bzw. ihnen sogar schaden.

Zum Artikel Hochbegabungs-Hysterie gibt es tatsächlich einen lesbaren Kommentar, geschrieben von “lilakuh”:
”Das ganze Gerede um HB Hysterie ist doch ein klares Zeichen für das Versagen des Schul- /Bildungssystems. Könnte man sich als Eltern darauf verlassen, dass besondere Begabungen bei Kindern in Kitas und Schulen erkannt werden, müssten sich die Eltern keine Gedanken darum machen, und so wären die Praxen bei den Testpsychologen sicher nicht ganz so voll. Stattdessen ist es doch ein Fakt, dass HB am allerwenigsten in den Schulen erkannt werden. In meinen Augen selbstverständlich, dass ich beginne, mir selber Gedanken zu meinem Kind zu machen. Es ist doch wie in der Arztpraxis. Das Vertrauen in die Ärzte geht zunehmend zurück, und so informieren sich die Patienten vorab auf allen möglichen Kanälen und kommen mit vorgefertigten Diagnosen, was den Ärzten oft genauso wenig gefällt wie den Lehrern in der Schule, wenn die Verdacht auf HB geäußert wird. … Das Ausrufen einer Hysterie ändert nichts an der Tatsache, dass es tatsächlich viele alleingelassene Eltern und verzweifelte und gelangweilte und dadurch auffällige Kinder gibt in den Schulen.
Also: Je mehr Kinder auch in einer Art Hysterie dann tatsächlich erkannt werden, umso mehr Wissen über HB sich in den Köpfen der Bildungsverantwortlichen breit macht, umso besser für die tatsächlich hochbegabten Kinder.”

Ist wohl wie bei der Schweinegrippe: Lieber ein paar Verdachtsfälle zuviel auf den Virus testen als wirkliche Fälle übersehen….