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Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom

Nachdem es in der Öffentlichkeit in der letzten Zeit viel über die Vernachlässigung und Misshandlung oder gar Tötung von Kindern in eher “prekärer Situation” zu hören und lesen gab, möchte ich an dieser Stelle das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom vorstellen, eine Form der Kindesmisshandlung, die eher von äußerst besorgt und engagiert erscheinenden Müttern ausgeht.

Das Stellvertreter-Syndrom ist die erweiterte Form des Münchhausen-Syndroms, einer Selbstschädigung durch Manipulation am eigenen Körper, die ihren Namen vom Lügenbaron Münchhausen ableitet. Durch Überdosierung von Medikamenten, Einreiben von Schmutz oder Säuren in selbstzugefügten Wunden, um Abzesse zu schaffen, Manipulation an Gelenken, Urin, Blutwerten etc. wird ein Krankheitsbild erzeugt, das zumindest ärztliche, wenn nicht gar klinische Betreuung bis hin zu Operationen notwendig werden lässt. Der Krankheitsgewinn liegt in der Aufmerksamkeit, die dem zum Patienten Gewordenen zuteil wird.

Beim Stellvertreter-Syndrom nun werden die Manipulationen nicht am eigenen, sondern am Körper des Kindes vorgenommen. Täterinnen sind fast zu 100% Mütter, die zudem besonders fürsorglich erscheinen und nicht vom Krankenbett des Kindes weichen, wobei die Symptome des Kindes meist aufrechterhalten werden und es nicht wirklich zur Genesung kommt.

Für die Mütter ist die Aufmerksamkeit und das Mitgefühl, das sie für ein so krankes Kind bekommen – oder auch die lobende Anerkennung für ihre aufopferungsvolle Pflege des Kindes – der eigentliche Gewinn.
Vermutlich sind diese Mütter aus egoistisch/symbiotischen Gründen auch daran interessiert, das Kind durch Vorspiegelung einer Krankheit in einer extremen Abhängigkeit an sich zu binden, d.h. das Kind “aus Krankheitsgründen”, weil es “zu krank und zu schwach” sei, nicht in den Kindergarten zu schicken, nicht mit anderen spielen zu lassen etc.

“Solche Mütter erscheinen – nach außen – erst einmal besonders fürsorglich und besorgt. In Wirklichkeit liegt hier eine krankhafte Identifikation vor, also eine in gemütsmäßiger Hinsicht krankhafte Gleichsetzung mit einer anderen Person: in diesem Fall zwischen jemand mit Münchhausen-Syndrom, der dieses Leiden auch noch auf sein Kind überträgt. Dabei fällt zuerst einmal die überaus enge Beziehung zwischen beiden auf. Und dann der sonderbare Umstand, dass dieses Kind selbst schmerzhafte Eingriffe geduldig über sich ergehen lässt, wenn sie von der Mutter in die Wege geleitet wurden.
T
atsächlich “gewinnen” dabei nur die Mütter, falls man überhaupt von einem “Krankheits-Gewinn” sprechen kann. Sie scheinen durch diese Manipulationen an ihrem Kind eigene schwere seelische Krisen abwehren zu können. Und wenn dies durch eine aufgeschreckte Umgebung verhindert wird, dann geraten sie in eine ernste seelische Krise, d. h. dekompensieren psychotisch oder legen sogar Hand an sich.
Hier zeigt sich dann deutlich, dass zwischen fremd-aggressiven (d. h. zu Lasten des eigenen Kindes) und selbst-aggressiven Regungen bzw. Handlungen mitunter kaum ein Unterschied besteht, bzw. das eine rasch ins andere umkippen kann.
Dazu trägt vor allem das erwähnte Phänomen bei, dass bei solchen Müttern das Kind nicht als eigenes Individuum, sondern als ein Teil des eigenen Lebens und der eigenen Person empfunden und entsprechend behandelt wird. Will sich also die Mutter psychologisch durch Selbstmanipulationen entlasten, kann sie das beim erweiterten Münchhausen-Syndrom auch dadurch, dass sie ihr Kind in nutzlose medizinische Manipulationen schickt. Und wird ihr das verwehrt, so ist ihr damit eine Art “selbst-therapeutische Behandlungsschiene” genommen, und sie gerät in eine schwere psychische Notsituation.” (Quelle:
http://www.psychosoziale-gesundheit.net/seele/muenchhausen.html)

 

Ersatzhandlung? – Pilgern als Trend

Nachdem uns auch noch Hape Kerkeling mit seinen Erfahrungen als Pilger auf dem Jakobsweg beglückt hat, gibt es kein Halten mehr: Allenthalben wird gepilgert, am liebsten nach Santiago de Compostela.

Motivation, sich in den Pilgerstrom einzureihen, ist häufig eine eher vage Sehnsucht nach Selbsterfahrung oder irgendeiner Art von religiösem Erleben und nach Begegnung mit anderen Wanderern, immer häufiger jedoch auch das Bedürfnis, Anteil zu haben an einer IN-Strömung dieser Zeit. Selbst auf Tupper-Partys und gemütlichen Spätsommer-Grillabenden wird mit einem wohligen Seufzen dem Wunsch Ausdruck gegeben, einmal den Jakobsweg zu gehen, zumindest ein kleines Stückchen.

Nach den Happenings bei den Papstbesuchen der letzten Jahre zeichnet sich hier ein weiterer Trend ab, der natürlich zwar grundsätzlich wirkliches spirituelles Potenzial beinhaltet und fruchtbar werden lassen kann. Im Pilgern als Event, das man sich quasi als Alternativurlaub gönnt, wird jedoch kaum eine bleibende bereichernde und verändernde innere Entwicklung zu finden sein.

Es gibt keinen Automatismus, der einen jeden, der ein paar Schritte gen Santiago de Compostela tut, mit erleuchtenden Einsichten und spiritueller Kraft erfüllt.

Dazu ist ein anderer Weg notwendig.

Natürlich kann ein Pilgern nach Santiago de Compostela Teil eines solchen Weges sein.
Für den einen oder anderen ist pilgerndes Wandern der Weg.
Diesen Weg gehen, das kann man aber auch zu Hause.

Was daran hindert und so das Laufen durch Spanien attraktiver erscheinen lässt als einen Weg treuer, spiritueller “Alltagsarbeit”, das kommt in folgendem Witz punktgenau zum Ausdruck:

Sagt der Hans zum Franz: “Mein Leben ist so unbefriedigend!
Sagt der Franz zum Hans: “Dann musst Du halt in dich gehen!
Sagt der Hans zum Franz: “Das ist mir zu weit!

Dag Hammarskjöld: “Die längste Reise ist die Reise nach innen.”

Das ist so.

 

Freiheit, die ich meine

Ich vermute, dass das Wort Freiheit einer der missbrauchtesten Begriffe überhaupt ist.

Das Missverständnis, das zu diesem bedauernswerten Effekt geführt hat, besteht sicherlich darin, Freiheit quasi gleichzusetzen mit einem generellen, individuellen oder kollektiven Anspruch im Sinne von: “Recht auf…. “, bzw. “Freiheit in meinem Sinne“.

Eine Selbstverständlichkeit ist in diesem Zusammenhang dann gleichzeitig das Recht, dieses Recht, diese Freiheit auch vehement durchzusetzen und gegen die Interessen anderer zu verteidigen, oft gleichgültig, ob diese berechtigt sind oder nicht.

Am deutlichsten zeigt sich dieser Missbrauch seit geraumer Zeit in der oft bis zum absolut Irrationalen verteidigten Meinungsfreiheit.

Jeder hat das Recht, zu jeder Zeit, an jedem Ort, alles zu sagen, zu berichten, zu veröffentlichen.
Ohne Grenzen.
Gnadenlos.

Verstanden als Freibrief zur lückenlosen Veröffentlichung der absurdesten, intimsten, kontroversesten, brisantesten Details eines jeden Winkels eines jeden Themas, einer jeden Person, ohne Skrupel, ohne Rücksichtnahme auf egal was, wird die Meinungsfreiheit pervertiert und degradiert zu einem Instrument zur Umsetzung von Ego-Interessen der am Ergebnis Verdienenden, gleich ob dieser Gewinn im Geldwert, in der Manipulation von Meinungen, im politischen Aufruhr, in der Selbstprofilierung oder im Gewinnen von öffentlich geführten Wettbewerbs- oder Machtkämpfen etc. zu finden ist.

Jeder Einwand, jede noch so zaghafte Begrenzung der hemmungslosen Veröffentlichungs- und Öffentlichkeitsucht wird mit der Waffe des Argumentes, dass in unserer Demokratie die Öffentlichkeit ja ein Recht auf totale Information habe und dass es deshalb geradezu ein Pflicht sei, alles aufzudecken und zu verbreiten, lautstark niedergestreckt.

Im Magazin der Süddeutschen Zeitung ist nun ein Artikel zu finden, der genau diesem Sachverhalt auf persönliche und streitbare Weise nachgeht.

Zitat: “Ich bin nämlich zu dem Schluss gekommen, dass Meinungsfreiheit durchaus auch die Freiheit ist, manchmal den Mund zu halten. Und etwas – selbst für den Fall, dass es absolut wahr sein sollte – nicht zu sagen.”

“Zucht des Herzens” ist auch einer der bedenkenswerten Begriffe dieses Artikels, auf den ich an dieser Stelle neugierig machen möchte.

 

Duell

Armin (Name geändert), 12, gerade aus England zurückgekehrt, benutzt im Englischunterricht ein Wort, das der ältere Englischlehrer, der schon seit Jahrzehnten keinen Fuß mehr auf britannischen Boden gestellt hat, nicht kennt.
Der Lehrer will auch partout nicht anerkennen, dass es dieses Wort überhaupt gibt.
Er läßt auch nicht gelten, dass Armin dieses Wort in England nicht nur gehört, sondern auch in der Zeitung gelesen haben will.
“Du kannst jetzt mal Deinen vorlauten Mund halten”, raunzt er den Schüler an.
Auf Deutsch, versteht sich.

Der 12-Jährige sieht seinem Lehrer daraufhin fest in die Augen und sagt den bemerkenswerten Satz:
“Ich würde mich jetzt so gerne mit Ihnen geistig duellieren – aber ich muss sehen, dass Sie leider völlig unbewaffnet sind.”

Er sagt das ganz ruhig.
Dafür gab’s dann einen Eintrag ins Klassenbuch und einen Anruf bei den Eltern.

Der Gewinner?

 

Berlin Berlin – Kunst und Aktion 2

Noch einmal unterwegs in Berlin 2006:

Eine weitere, völlig unerwartete und verblüffende Kunstbegegnung erlebte ich in der Nähe der Oranienburger Straße.

Auf dem Weg zu den Hackeschen Höfen kam ich an einer Kirche vorbei und warf eher zufällig einen Blick hinein, weil das Portal offen und der Innenraum erleuchtet war.

Ich erstarrte…

… und blickte frontal in die offenen Augenhöhlen eines überdimensional großen, grinsenden Totenschädels.

Sofort trat ich in das Innere des Gebäudes ein und befand mich in einem schönen, sehr sorgfältig restaurierten Kirchenraum, der vollständig leer war – bis auf ein riesiges, 17 m langes, horizontal ausgerichtetes Skelett.

Es war der blanke Schädel dieses Skelettes, der, nach außen grinsend, mich so unerwartet begrüßt hatte und mit offenen Armen empfing.
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Von einem Moment zum anderen war ich völlig herausgerissen aus meinem touristischen Programm und hineinkatapultiert in die existentielle Frage nach Leben und Tod.
Genau das war und ist wohl die Zielrichtung dieser Aktion. Wirklich gelungen!

Interessant war, zu beobachten, wie sich die Besucher, meist genau so durch den Überraschngseffekt an der Tür eingefangen wie ich, in der unerwarteten Situation im Raum mit dem Skelett verhielten. Die meisten verharrten zunächst im Türbereich, wohl um sich erst einmal zu orientieren. Dann begannen sie, sich in den Raum hineinzubewegen und gingen – immer nur um das Skelett herum. Vorsichtige Annäherung – doch die Distanz blieb.

Berührungsangst mit dem Tod

Dabei war es gar kein Problem, sich in die offenen Arme des Gerippes hineinzubewegen, sich in sein Inneres zu begeben, dort zu verharren oder umherzustreunen, mit einem ernsten Grinsen im Gesicht die Rippen des Skeletts zu zählen und sich mit einem kosmischen Lachen dem Memento Mori hinzugeben…

“Hört, hört! Leben und Tod sind ernste Dinge. Schnell vergeht die Zeit. Seid wachsam!”

 

Berlin Berlin – Kunst und Aktion 1

Unterwegs in Berlin 2006:

Was mich in Berlin vor allem auch begeistert hat, ist, dass es dort keine Ungewöhnlichkeit darstellt, an den unerwartesten Orten plötzlich mit Dingen, Kunst und Aktionen konfrontiert zu werden, mit denen man nicht gerechnet hätte, nicht hätte rechnen können.

So z.B. mitten in den Gängen der U-Bahnstation Alexanderplatz.

Plötzlich, im hektischen Hin und Her der Fahrgäste, erlebt man sich konfrontiert mit einem regelrechten Altar, wie man ihn im Fernsehen gelegentlich sieht, wenn ein unerwarteter Todesfall, vor allem eines Kindes, Menschen dazu bewegt, Blumen, Kerzen, Spielzeug, Stofftiere etc. zum Gedenken zusammenzulegen.
Kitschig, bunt, sentimental, übersteigert – aber auch anrührend, so dass man stehenbleibt und schaut, worum es geht.
Genau so.

Dieser Altar, so stellt man allerdings überrascht fest, gilt jemandem, der schon lange tot ist, einer Künstlerin, die sicherlich kaum mehr eine Rolle im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit spielt: Ingeborg Bachmann.

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Es geht eine eigentümliche Faszination von dieser unterirdischen Szenerie aus. Die gewollte Verfremdung durch die Konfrontation von Dingen, die so gar nicht zusammenpassen, macht aufmerksam: eine solch kitschig-bunte Altarinstallation für eine so spröde Schriftstellerin wie Ingeborg Bachmann – das reizt zum erstaunten Lachen, zum Einspruch, aber macht auch neugierig.

Menschen, die sicherlich von nie von Ingeborg Bachmann gehört haben, halten inne, nehmen sich einige Minuten Zeit, um sich ihren Lebenslauf anzusehen, einem Video zu lauschen, in dem sie mit ihrer extrem monotonen und ausdruckslosen Stimme einen ihrer Texte rezitiert, ein Gedicht zu lesen oder einfach dieses quietschbunte Ensemble zu bestaunen und zu schmunzeln.

In diesem Altar kommt auch Ingeborg Bachmanns berühmestes Gedicht zu Ehren:

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wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsere fragen und den schauer aller jahre
in die traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn totenstille
eintritt

Eindeutig: die Menschen, die einen Blick auf diese Kunstinstallation geworfen haben – oder auch mehrere -, gehen anders weiter, als sie zuvor gegangen sind.

Etwas ist geschehen.

Nichts Schönres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein.

Vielleicht haben sie ja diesen Satz gelesen und mitgenommen…

 

Prekariat

Abgesehen davon, dass dieses Wort, Prekariat, alle Chancen hat, Karriere als „Unwort des Jahres 2006“ zu machen, ist es so prägnant und provokativ, dass ich mich dazu motiviert fühle, es einmal in ganz anderem Sinne als dem momentan aktuellen anzuschauen.

Wir alle sind mittlerweile „Prekariat“, Menschen in problematisch-prekärer Situation – einfach in unserem Mensch-Sein, einfach dadurch, dass wir Menschen sind und die Welt so ist, wie sie ist.

Eigentlich, von unserem Ursprung her, sind wir das natürlich nicht, Prekariat. Da sind wir lebendige Wesen, ein jedes in seiner eigenen Würde, dazu berufen, zu wachsen, zu werden, eine je eigene Individualität zu entwickeln.

Eigentlich!

Prekär wird die Situation eines jeden von uns durch die immer weiter fortschreitende, perfid-selbstverständliche
ÖKONOMISIERUNG DES MENSCHEN.

Durch die Reduzierung des Menschen auf einen Wirtschaftsfaktor, ja, auf ein Wirtschaftsrisiko, wird ihm die eigene Existenzberechtigung genommen in seinem Eigen-Sein, in seiner Würde.
Der Mensch wird degradiert zu einem Objekt eines wirtschaftlich-technokratischen Denkens mittels einer Sprache und eines Handelns, die ihn in seinem Mensch-Sein entwürdigen zu einem Wachstums-Risiko bzw. einem Mittel zur Gewinn-Maximierung. Was geschieht, ist eine psychisch/geistige Verelendung und Entmenschlichung des Individuums.

Kinder sind „Armutsrisiko“; wenn sie Glück haben, sind sie „Humankapital“. Später dann werden sie zur „vielversprechenden Zielgruppe“ kommerzieller Anbieter, zum „Quotenpotenzial“ unsäglicher Fernsehsendungen.
Wenn sie Pech haben, gehören sie zum problematischen „Selektionsrest“, für den es eine Lösung zu finden gilt durch einen „Casemanager“ beim Jugendamt.

Ist der Mensch erwachsen und arbeitsfähig, ist die Gefahr sehr groß, schnell zu den „Belegschaftsaltlasten“ eines Konzerns zu gehören, ein „überkapazitäres Belegschaftsmitglied“ zu sein, das, um die beachtlichen Gewinne des Konzern noch weiter zu steigern, flugs zum „Globalisierungsopfer“ gemacht wird im Rahmen einer generellen „Personalentsorgung“, aus der sich dann ganz schnell eine spürbare „Entlassungsproduktivität“ für den Konzern ergibt, was durch die Aktienkurse prompt honoriert wird.
Immerhin gibt es in der Arbeitslosigkeit, als „Kunde“ einer Arbeitsagentur, die Möglichkeit, „Ich-AG“ zu werden. Gelingt dem Arbeitslosen keinerlei Reintegration in den „Markt“, so kommt schon einmal ein Manager auf die Idee, von „Wohlstandsmüll“ zu reden.

Bei gesundheitlichem Ausfall ist man im Krankenhaus nur als „Fallpauschale“ etwas wert.

Wird er älter, so droht der Mensch zum Teil der bedrohlichen „Rentnerschwemme“ zu werden mit einem „Langlebigkeitsrisiko“ für Versicherungen, denen ein „sozialverträgliches Ableben“ durchaus genehm wäre.
Im Altenheim oder als „Klient“ der Mobilen Pflege hat der Mensch Anrecht auf eine Pflege, die ihm – als Rollstuhlfahrer! – insgesamt acht Minuten für den Klogang bewilligt, inklusive An- und Abfahrt, Aus- und Anziehen. Mehr kann nicht abgerechnet werden.

Für die Entsorgung von „Sozialleichen“ muss leider die Stadt aufkommen.

Unsere Situation ist prekär.
Wer einen “Werteverlust” in der Gesellschaft beklagt, mit dem Finger auf Verrohung, Verwahrlosung und psychische Verelendung zeigt und gleichzeitig den Blick starr auf Aktienkurse und Gewinnprognosen gerichtet hält, ist ein Heuchler und Teil des Problems.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“….

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Nachtrag (22.10.): Im Blog Epiphanius’ Wortbruch fand ich eben interessante weitere Gedanken zu diesem Thema….

 

Auf, auf!

Ganz häufig erlebe ich, dass vor allem Frauen weit weit unter ihren Möglichkeiten bleiben, sich über alle Gebühr zurücknehmen, zu allem Ja und Amen sagen – und sich und die ganze Welt mit ziemlich melancholischen Augen sehen.

Meist stagnieren sie in ihrer Entwicklung, gehen keinen Weg nirgendwohin und erleben in Abwandlungen immer wieder dasselbe Dilemma, immer wieder dieselben Enttäuschungen – und fühlen sich dann natürlich darin bestärkt, dass sie in ihrem Leben nicht wirklich glücklich werden können.
Oft sind sie überfürsorgliche Mütter, die nicht loslassen können.
Oft seufzen sie und nörgeln, klagen. Klagen vor allem an.

Wirklich ändern wollen sie – trotz anderslautender Bekundungen – meist nichts.
Ihr Unglücklichsein, ihr selbstgewähltes Gefängnis, ist immerhin bekanntes Terrain, die Freiheit furchterregend unbekannte Weite….
Ihre Sätze lauten häufig: “Wenn die Situation (nicht) so und so wäre, dann würde ich…”.
Ihre Sätze beginnen mit: “Ich kann doch nicht…” und vor allem mit “Ja, aber…”

Natürlich ist die Atmosphäre um sie herum dadurch recht negativ getönt; deshalb ist oft der Teufelkreis von weiteren, immer ähnlich gelagerten, Enttäuschungen und Klagen und Seufzern und negativen Bestätigungen perfekt.

Stillstand.
Depression.

All denen seien die Worten von Nelson Mandela gewidmet

Nelson MandelaAuszug aus der Antrittsrede als Präsident von Südafrika 1994

Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes,
die in jedem Mensch von uns ist,
zu offenbaren.

Unsere tiefste Angst ist nicht,
dass wir unzulänglich sind.
Unsere tiefste Angst ist,
dass wir grenzenlose Kraft in uns haben.

Es ist unser Licht und nicht unsere Dunkelheit,
vor dem wir uns am meisten fürchten.

Unsere tiefste Angst ist nicht,
dass wir unzulänglich sind.
Unsere tiefste Angst ist,
dass wir grenzenlose Kraft in uns haben.

Wer bin ich schon, fragen wir uns,
dass ich hervorragend, talentiert
und fabelhaft sein soll?
Aber ich frage dich,
wer bist du,
dies alles nicht zu sein?

Du bist ein Kind Gottes.

Dich kleiner zu machen, dient unserer Welt nicht.
Es ist nichts Erleuchtendes dabei,
sich zurückzuziehen und zu schrumpfen,
damit andere Leute nicht unsicher werden,
wenn sie in deiner Nähe sind.

Wir sind geboren worden,
um den Glanz Gottes, der in uns ist, zu verwirklichen.
Er ist nicht in einigen von uns,
er ist in jedem einzelnen Menschen auf der Welt.

Wenn wir unser eigenes Licht strahlen lassen,
geben wir unbewusst unseren Mitmenschen
die Erlaubnis, dasselbe zu tun.

Wenn wir uns von unserer eigenen Angst trennen,
befreit unsere Gegenwart uns selbst und unsere Mitmenschen.

Also: Auf, Auf!

 

Berlin Berlin – Stelenfeld

Unterwegs in Berlin 2006:

Jahrelang andauernd. Unendlich die Diskussion der Argumente pro und kontra:

2005 wurde dann doch das Stelenfeld des Architekten Peter Eisenmann eingeweiht: das Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Es handelt sich um ein Labyrinth aus 2711 grauen Betonstelen unterschiedlicher Höhe: 0,20 m – 4,70 m. Von oben sieht es aus wie ein graues Wellenfeld.

S1Je nachdem, von wo aus man das Feld betrachtet, schaut man über es hinweg auf die futuristische Anlage des Potsdamer Platzes oder aber über die Rückseite des exklusiven Hotels Adlon hin zum Brandenburger Tor und Reichstag.


Ein bemerkenswert fremder Ort in bemerkenswert prominenter Lage.

Verfremdung von Wahrnehmung ist Ziel und Zweck der ungewöhnlichen Anlage, um, jenseits aller informationslastiger Aufklärung, ein Gefühl zu erzeugen, das jenseits aller Normalität liegt: ein Gefühl von Ausgeliefert-Sein, Fremdheit, Isolation, Bedrohung. Der Versuch, für die Augenblicke des Begehens dieses Feldes eine Emotion zu wecken, Stille zu erzeugen und durch die Fremdheit des Erlebens ein Gedenken zu erzwingen an das Unvorstellbare, das 6 Millionen Juden in Europa während des Dritten Reiches erlebt haben.

Beim Besuch des Stelenfeldes soll der Besucher die Stimmen der Opfer hören, das ist Eisenmanns Absicht.

Lässt man sich ein und begibt sich in das Innere des Stelenfeldes, so fühlt man sich schnell verloren, so übermächtig groß werden die grauen Betonmonster. So eng stehen sie beieinander. So dunkel ist es dort trotz des hellen Sonnenscheins außerhalb. Man verliert sich schnell aus den Augen, ist man zu mehreren. Ist schnell allein. Verirrt. Beklommen. Grau. Nebeneinander zu gehen, ist unmöglich. Jeder ist allein. Der Boden ist uneben und erzeugt beim Gehen zusätzlich das Gefühl von Unsicherheit. Trägt er?

Eisenmann hatte eine Vision bei der Gestaltung dieses Mahnmals – und ihm ist es damit gelungen, etwas spürbar zu machen, das reiner Informationsvermittlung nicht gelingen kann, nämlich eine Erlebnisqualität zu erzwingen, die durch die Verfremdung der Wahrnehmung ahnen lässt – wenn natürlich nur von sehr sehr ferne – , was es bedeutet, ausgeliefert zu sein, allein, entfremdet und existentiell bedroht in einer Wirklichkeit, in der die bekannten menschlichen Gesetze keine Gültigkeit mehr haben.

 

Berlin Berlin – Raum der Stille

Unterwegs in Berlin 2006:

Das Brandenburger Tor bildet zusammen mit dem Reichstag das Zentrum Berlins, in gewisser Hinsicht auch das Zentrum Deutschlands. Dieser historisch und symbolisch bedeutsame Bereich ist umgeben und geprägt von ziemlich viel lauter Betriebsamkeit, touristischer und alltäglicher Art.

Umso bemerkenswerter ist es, dass es schon 1988 die Idee zu einem offenen und überkonfessionellen Raum der Stille gab, der dann nach der Wende tatsächlich realisiert werden konnte.
Dabei war es ein Glücksfall, diesen Raum direkt in einem Seitenflügel des Brandenburger Tores anlegen zu können.

Vorbild zu diesem Raum der Stille war ein heute noch existierender entsprechender Raum im Gebäude der Vereinten Nationen in New York, den der ehemalige UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld dort 1954 für die Mitarbeiter der UNO einrichtete.

Zweck des Raumes der Stille ist, Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, Religion, Weltanschauung, Hautfarbe etc. die Möglichkeit zu einem Moment des Rückzuges zu geben, um Kraft zu schöpfen, um an diesem geschichtsträchtigen Ort nachzudenken, sich zu besinnen, zu beten, zu meditieren. Die Offenheit und Überkonfessionalität des Raumes ist damit auch eine permanente Aufforderung zu Toleranz und Geschwisterlichkeit.

Die Gestaltung des Raumes ist gemäß seines Charakters der Überkonfessionalität klar und schlicht gehalten und verzichtet auf jedes spezifische religiöse oder weltanschauliche Symbol. Einziger Schmuck ist ein Wandteppich, dessen Mitte kreishaft angeleuchtet ist. So wird symbolhaft-abstrakt Licht, das die Finsternis durchdringt, angedeutet.
Auf dem Boden vor dem Wandteppich liegen einige schöne Steine.

Die Stille in diesem Raum ist sehr dicht – ein Geschenk für jeden, der vermag, sie zu hören…

Es liegt im Stillesein
eine wunderbare Macht
der Klärung,
der Reinigung,
der Sammlung auf das Wesentliche
Dietrich Bonhoeffer

(z.T. Quelle: Broschüre des Förderkreises Raum der Stille e.V.)

 

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