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Deko – Schein statt Sein

Unterwegs im Blumencenter:

Es sollte nur ein kleiner Blumenstrauß anlässlich eines Besuches werden, als ich einen großen Blumenmarkt betrat und mich umschaute.

Der Eingang zu einem Weihnachtsmarkt lockte einladend.

Ich folgte dem “Ruf” – und war völlig perplex angesichts dessen, was mich dort erwartete. Ich muss zugeben, so etwas hatte ich wirklich bisher noch nicht erlebt:
Die Ausmaße des Angebotes und der Raumdimensionen für diesen Weihnachtsmarkt übertraf alles, was ich jemals gesehen hatte; man hatte wohl für diesen Zweck mit Fertigbauteilen flugs angebaut.
Ich schlenderte durch Riesenräume – ein jeder ausgestattet nur mit Dingen einer einzigen Farbe. Weihnachtsrausch in Rot, Blau, Silber, Gold, Orange, Violett, sogar in Grün und Braun und Schwarz. Jeder Winkel der Räume war genutzt, selbst die Decken: Ungeheure Mengen von durchaus reizvollen, ja schönen und ungewöhnlichen Dekorationsartikeln, blinkende Lichter überall, weihnachtliche Musik und betörende Gerüche nach Zimt, Tanne und Lebkuchen.
Oberfläche, alles und noch viel mehr für die glanzvolle Oberfläche – eine alle Sinne überfordernde Explosion an Reizen, ein berauschendes Gesamtkunstwerk, ein ungeheures Konsum-Oratorium.

Ich ging durch die Räume mit offenem Mund wie ein staunendes Kind.

Überfülle an Deko statt Fülle des Lebens, statt Intensität der Erwartung.
Je weniger Sein, desto mehr Schein.
Warten? Erwartung?
Hier war kein Platz mehr für Erwartung.
What you see is what you get.
Advent und Weihnachten als Anlass für eine Dekorations-Orgie.
Tod des Gemeinten unter den Menschen…

Aber:
Unberührt davon bleibt das Geheimnis. Das Geheimnis der Heiligen Nacht, das sich jedem offenbart, der sich bereit und in Stille nähert und öffnet. Zeitlos. Gestern, heute und immerdar.

“… und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.
In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.
Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.”

 

Memento

Heute früh:

Tief im feuchten, in der Kälte schon blau-grün scheinenden Gras,
inmitten der Buntheit von in betörender Schönheit vergehender Blätter:
Erdbeeren – Mengen von runden, kleinen, reifen, leuchtend roten Walderbeeren, schimmernd im Tau.

Was auch immer dagegen anzuführen sein mag:

Das Leben ist eine Herrlichkeit!

 

Alter und Beginn

“Jetzt ist es soweit!”, dachte ich letztens, als ich in einer der großen Elektronikketten im CD-Bereich “Indipendent” nach einer meiner Lieblingsgruppen schaute.
“Sie haben sich doch sicher verlaufen. Kann ich Ihnen helfen?”, fragte mich einer der Verkäufer, ein netter gepiercter Youngster, freundlich.
Ich verstand: Ich war die falsche Zielgruppe für die CDs im Indie-Regal, vor dem ich stand. Er wollte mich alte Frau sicherlich zu den deutschen Schlagern führen oder zu dem volksdümmlichen Zeug, zu dem Millionen im Takt klatschen.
Sehr fürsorglich! Ich blieb freundlich; er konnte nichts dazu.

Nein, verflixt, ich habe mich nicht verlaufen. Ich liebe “Nightwish” und noch alles mögliche andere, auch natürlich Klassik und Besinnliches, und immer wieder auch noch etwas Neues. Und auch Lautes und Kreatives.
Und ich bin trotzdem 50 und finde das völlig in Ordnung.

Was heißt das überhaupt, Alter?

Einerseits will es niemand haben.
Andererseits gibt es eine immer gigantischere und mittlerweile unüberschaubare Industrie, die mich und meinesgleichen über 50 davon überzeugen will, dass es sich lohne, unendlich viel Geld in unendlich überflüssige Kosmetika, Nahrungsergänzungsmittel, Operationen, “Aktivreisen”, Rheumadecken und Vergnügungsartikel zu stecken, weil das alles zu einem “erfüllten Alter” gehöre.

Alt werden?
“Erfülltes Alter”?
Früher einmal hieß das auch: Reifen. Weise werden.

Heute scheint es damit schlecht bestellt.

Immer häufiger erlebe ich Menschen meines Altersbereiches, gesund, aktiv, berufstätig, in der ganzen Welt herumreisend und sich vergnügend, als psychisch und geistig konservierte, eingefrorene Ausgaben ihrer selbst vor 20 Jahren.
Immer dieselben Sprüche, immer dieselben Meinungen, immer dieselben Abfolgen der immer selben Handlungsstränge.
Sich verselbstständigt habende Rituale.
Begleitet von immer derselben Musik vergangener Jugendzeiten.
“Oldies”.

Ist das nicht traurig?
Da ist oft keine Bewegung mehr. Keine Veränderung. Kein Wandel. Keine Entwicklung. Kein Reifen.

Viele Menschen werden nur noch alt; sie reifen nicht mehr.

Dabei ist dies die wunderbare Möglichkeit des Menschen:
“Die Geburt ist nicht ein augenblickliches Ereignis, sondern ein dauernder Vorgang. Das Ziel des Lebens ist es, ganz geboren zu werden, und seine Tragödie, dass die meisten von uns sterben, bevor sie ganz geboren sind. Zu leben bedeutet, jede Minute geboren zu werden. Der Tod tritt ein, wenn die Geburt aufhört.”
(Zen-Buddhismus und Psychoanalyse”, Suhrkamp Tb)

Ich will alt werden! Geboren werden in jedem Moment. Jedes Einatmen, jedes Ausatmen: frisch, neu – wie nie.
Immer neues Leben von Atemzug zu Atemzug. Immer wieder Leben. Neues, unverbrauchtes Leben, weil es Leben JETZT ist, unschuldig neugeboren, unendlich.
Immerwährender Beginn.
Und wunderbar.

Fast zu bekannt, dieses Gedicht von Hermann Hesse, so oft gelesen, so oft vergessen – und so schön, so wahr:

Stufen

Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and’re, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten!
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt,
so droht Erschlaffen!
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewohnheit sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden:
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

Ersatzhandlung? – Pilgern als Trend

Nachdem uns auch noch Hape Kerkeling mit seinen Erfahrungen als Pilger auf dem Jakobsweg beglückt hat, gibt es kein Halten mehr: Allenthalben wird gepilgert, am liebsten nach Santiago de Compostela.

Motivation, sich in den Pilgerstrom einzureihen, ist häufig eine eher vage Sehnsucht nach Selbsterfahrung oder irgendeiner Art von religiösem Erleben und nach Begegnung mit anderen Wanderern, immer häufiger jedoch auch das Bedürfnis, Anteil zu haben an einer IN-Strömung dieser Zeit. Selbst auf Tupper-Partys und gemütlichen Spätsommer-Grillabenden wird mit einem wohligen Seufzen dem Wunsch Ausdruck gegeben, einmal den Jakobsweg zu gehen, zumindest ein kleines Stückchen.

Nach den Happenings bei den Papstbesuchen der letzten Jahre zeichnet sich hier ein weiterer Trend ab, der natürlich zwar grundsätzlich wirkliches spirituelles Potenzial beinhaltet und fruchtbar werden lassen kann. Im Pilgern als Event, das man sich quasi als Alternativurlaub gönnt, wird jedoch kaum eine bleibende bereichernde und verändernde innere Entwicklung zu finden sein.

Es gibt keinen Automatismus, der einen jeden, der ein paar Schritte gen Santiago de Compostela tut, mit erleuchtenden Einsichten und spiritueller Kraft erfüllt.

Dazu ist ein anderer Weg notwendig.

Natürlich kann ein Pilgern nach Santiago de Compostela Teil eines solchen Weges sein.
Für den einen oder anderen ist pilgerndes Wandern der Weg.
Diesen Weg gehen, das kann man aber auch zu Hause.

Was daran hindert und so das Laufen durch Spanien attraktiver erscheinen lässt als einen Weg treuer, spiritueller “Alltagsarbeit”, das kommt in folgendem Witz punktgenau zum Ausdruck:

Sagt der Hans zum Franz: “Mein Leben ist so unbefriedigend!
Sagt der Franz zum Hans: “Dann musst Du halt in dich gehen!
Sagt der Hans zum Franz: “Das ist mir zu weit!

Dag Hammarskjöld: “Die längste Reise ist die Reise nach innen.”

Das ist so.

 

Berlin Berlin – Kunst und Aktion 2

Noch einmal unterwegs in Berlin 2006:

Eine weitere, völlig unerwartete und verblüffende Kunstbegegnung erlebte ich in der Nähe der Oranienburger Straße.

Auf dem Weg zu den Hackeschen Höfen kam ich an einer Kirche vorbei und warf eher zufällig einen Blick hinein, weil das Portal offen und der Innenraum erleuchtet war.

Ich erstarrte…

… und blickte frontal in die offenen Augenhöhlen eines überdimensional großen, grinsenden Totenschädels.

Sofort trat ich in das Innere des Gebäudes ein und befand mich in einem schönen, sehr sorgfältig restaurierten Kirchenraum, der vollständig leer war – bis auf ein riesiges, 17 m langes, horizontal ausgerichtetes Skelett.

Es war der blanke Schädel dieses Skelettes, der, nach außen grinsend, mich so unerwartet begrüßt hatte und mit offenen Armen empfing.
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Von einem Moment zum anderen war ich völlig herausgerissen aus meinem touristischen Programm und hineinkatapultiert in die existentielle Frage nach Leben und Tod.
Genau das war und ist wohl die Zielrichtung dieser Aktion. Wirklich gelungen!

Interessant war, zu beobachten, wie sich die Besucher, meist genau so durch den Überraschngseffekt an der Tür eingefangen wie ich, in der unerwarteten Situation im Raum mit dem Skelett verhielten. Die meisten verharrten zunächst im Türbereich, wohl um sich erst einmal zu orientieren. Dann begannen sie, sich in den Raum hineinzubewegen und gingen – immer nur um das Skelett herum. Vorsichtige Annäherung – doch die Distanz blieb.

Berührungsangst mit dem Tod

Dabei war es gar kein Problem, sich in die offenen Arme des Gerippes hineinzubewegen, sich in sein Inneres zu begeben, dort zu verharren oder umherzustreunen, mit einem ernsten Grinsen im Gesicht die Rippen des Skeletts zu zählen und sich mit einem kosmischen Lachen dem Memento Mori hinzugeben…

“Hört, hört! Leben und Tod sind ernste Dinge. Schnell vergeht die Zeit. Seid wachsam!”

 

Auf, auf!

Ganz häufig erlebe ich, dass vor allem Frauen weit weit unter ihren Möglichkeiten bleiben, sich über alle Gebühr zurücknehmen, zu allem Ja und Amen sagen – und sich und die ganze Welt mit ziemlich melancholischen Augen sehen.

Meist stagnieren sie in ihrer Entwicklung, gehen keinen Weg nirgendwohin und erleben in Abwandlungen immer wieder dasselbe Dilemma, immer wieder dieselben Enttäuschungen – und fühlen sich dann natürlich darin bestärkt, dass sie in ihrem Leben nicht wirklich glücklich werden können.
Oft sind sie überfürsorgliche Mütter, die nicht loslassen können.
Oft seufzen sie und nörgeln, klagen. Klagen vor allem an.

Wirklich ändern wollen sie – trotz anderslautender Bekundungen – meist nichts.
Ihr Unglücklichsein, ihr selbstgewähltes Gefängnis, ist immerhin bekanntes Terrain, die Freiheit furchterregend unbekannte Weite….
Ihre Sätze lauten häufig: “Wenn die Situation (nicht) so und so wäre, dann würde ich…”.
Ihre Sätze beginnen mit: “Ich kann doch nicht…” und vor allem mit “Ja, aber…”

Natürlich ist die Atmosphäre um sie herum dadurch recht negativ getönt; deshalb ist oft der Teufelkreis von weiteren, immer ähnlich gelagerten, Enttäuschungen und Klagen und Seufzern und negativen Bestätigungen perfekt.

Stillstand.
Depression.

All denen seien die Worten von Nelson Mandela gewidmet

Nelson MandelaAuszug aus der Antrittsrede als Präsident von Südafrika 1994

Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes,
die in jedem Mensch von uns ist,
zu offenbaren.

Unsere tiefste Angst ist nicht,
dass wir unzulänglich sind.
Unsere tiefste Angst ist,
dass wir grenzenlose Kraft in uns haben.

Es ist unser Licht und nicht unsere Dunkelheit,
vor dem wir uns am meisten fürchten.

Unsere tiefste Angst ist nicht,
dass wir unzulänglich sind.
Unsere tiefste Angst ist,
dass wir grenzenlose Kraft in uns haben.

Wer bin ich schon, fragen wir uns,
dass ich hervorragend, talentiert
und fabelhaft sein soll?
Aber ich frage dich,
wer bist du,
dies alles nicht zu sein?

Du bist ein Kind Gottes.

Dich kleiner zu machen, dient unserer Welt nicht.
Es ist nichts Erleuchtendes dabei,
sich zurückzuziehen und zu schrumpfen,
damit andere Leute nicht unsicher werden,
wenn sie in deiner Nähe sind.

Wir sind geboren worden,
um den Glanz Gottes, der in uns ist, zu verwirklichen.
Er ist nicht in einigen von uns,
er ist in jedem einzelnen Menschen auf der Welt.

Wenn wir unser eigenes Licht strahlen lassen,
geben wir unbewusst unseren Mitmenschen
die Erlaubnis, dasselbe zu tun.

Wenn wir uns von unserer eigenen Angst trennen,
befreit unsere Gegenwart uns selbst und unsere Mitmenschen.

Also: Auf, Auf!

 

Dag Hammarskjöld

Dieser Beitrag soll in ehrendem Gedenken an Dag Hammarskjöld erinnern, der heute vor 45 Jahren, am 18.9.1961 unter nie geklärten Umständen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist. Er war damals im Rahmen der Kongo-Krise in einer UN-Mission unterwegs. Heute ist es so gut wie erwiesen, es gibt Augenzeugen, dass er einem Attentat zum Opfer gefallen ist.

Bekannt wurde Dag Hammarskjöld als Generalsekretär der Vereinten Nationen (1953–1961), einem Amt, in dem er sich durch sein erfolgreiches und umsichtiges Handeln in etlichen Krisen (Nachwehen des Koreakrieges, Kalter Krieg, Konflikt um den Suezkanal, Ungarnaufstand etc.) höchsten Respekt verdiente.
Hammarskjöld war aber z.B. auch Mitglied der Kommission zur Vergabe des jährlichen Literaturnobelpreises.
Nach seinem Tod wurde ihm 1961 posthum der Friedensnobelpreis verliehen.

Bei einem Menschen, der eine solch nach außen gerichtete, glänzende politisch-diplomatische Karriere vor den Augen der Weltöffentlichkeit ausfüllt, geht man nicht davon aus, dass er gleichzeitig ein ganz verborgenes Leben führt. Bei Dag Hammarskjöld war das jedoch der Fall. Er war ein Mystiker, jemand, dessen sehr persönlich geprägtes religiöses Leben in große Tiefen reichte in authentischer Gottes-Erfahrung jenseits jedes Glaubens “an”.
Ausdruck seines inneren Lebens ist sein spirituelles Tagebuch, das man nach seinem Tod fand: „Zeichen am Weg“. (Droemer/Knaur, 1974)

Hammarskjölds tiefe Religiösität stand nicht im Kontrast zu seinem öffentlichen Leben, seiner politischen Aufgabe. Er erlebte Gott lebendig in sich und sich lebendig in Gott. Er wusste sein In-Sein im Alltag zu bewahren und zu realisieren:
Mitten im Gelärm das innere Schweigen bewahren. Offen, still, feuchter Humus im fruchtbaren Dunkel bleiben, wo Regen fällt und Saat wächst – stapfen auch noch so viele im trockenen Tageslicht über die Erde in wirbelndem Staub.“  (ebd. S. 50)

Selbst weltweit nach allen Regeln der Vernunft konkret handelnd, wusste er doch um die existentielle Bedeutung des Verwurzelt-Seins in der Tiefe. Die spirituelle Sinn- und Gotteskrise unserer Zeit vorwegnehmend, schreibt er:
„Gott stirbt nicht an dem Tag, an dem wir nicht länger an eine persönliche Gottheit glauben, aber wir sterben an dem Tag, an dem das Leben für uns nicht länger vom stets wiedergeschenkten Glanz des Wunders durchstrahlt wird, von Lichtquellen jenseits aller Vernunft.“ (ebd. S. 37)

Auf dem Stein an seiner Gedenkstätte steht geschrieben: „Nicht ich, sondern Gott in mir“.

Dieser radikale Satz bedeutet nicht das Aufgeben des Ichs mit seinen Möglichkeiten, sondern ist Ausdruck dessen Vollendung in einem tatkräftigen Leben, das nicht sich selbst als Ich im Mittelpunkt des Seins erlebt.

Dag Hammarskjöld ist einer der Menschen, dem in seinem Leben dieses In-Eins-Gehen von Außen und Innen in vollendeter Weise geglückt ist.

 

Aufbruch

Wenn man Menschen fragt, warum sie mit Religion nichts zu schaffen haben wollen, hört man von den katholischen immer dieselben Argumente: Papst, Unfehlbarkeit, Empfängnisverhütung, Rolle der Frau, Verbot der Heirat von Priestern etc. etc.

Natürlich gibt es da viele, viele ganz schwierige, ungeklärte Punkte, niemand kann und wird das abstreiten – aber ich bin mir sicher: das alles gibt nicht den Ausschlag für die Vermeidung der Annäherung an das, was als Schatz im Zentrum übrigens aller Religionen steht.

Die katholische Kirche ist durch die erwähnten Punkte einfach nur leichter angreifbar:
Bei den evangelischen Kirchen, im Anglikanismus in Großbritannien etc, dort existieren diese im Mittelpunkt der Kritik stehenden Aspekte überall nicht – und trotzdem leiden diese Kirchen an genau denselben Schwierigkeiten wie die katholische: leere Kirchen, viele gleichgültige Mitglieder, die höchstens zu den üblichen Events aufzuwecken sind wie Weihnachten, Heirat, Beerdigung, Kirchentagen mit Pep und Pop.
Dies alles hat natürlich seine Berechtigung – aber mit Religiösität und Wachstum hat das Ganze wenig zu tun.
Nicht kalt, nicht heiß.

Papst Benedikt gestern in seiner Predigt in München:
“Dieser Vorgang, das Sakrament der Taufe, hat nichts Magisches an sich. Die Taufe eröffnet einen Weg. … Der Weg des Getauft-Seins muss ein Prozess des Wachstums werden…”

Taufe ist Beginn. Religiöses Leben aber ist eine Sache der immer neuen persönlichen Entscheidung. Da gibt es keinen Automatismus, da läuft kein Fließband, das einen ungefragt in eine bestimmte Richtung transportiert. Was ansteht, ist, sich selbst auf den Weg zu machen, einen Weg zu gehen, zu erleben und zuzulassen, dass sich mit und mit Innenräume öffnen – und eine Welt sich zeigt, eine Wirklichkeit sich offenbart, in der und für die man nur in schweigendem Staunen danken kann.

Es geht um Wachstum des Menschen. Um so etwas Unmodernes wie inneres Reifen.

Mit unserer Vernunftbegabung, unseren rationalen Kräften haben wir Unglaubliches geschaffen und erreicht. Ohne eine Entwicklung auch unserer inneren Dimensionen und in sie hinein wird sich die Welt des Technischen und des Machbaren – so segensreich sie, sinnvoll genutzt, sein kann und ist – aber immer mehr verselbstständigen, verabsolutieren, mit unabsehbaren Folgen.

In seiner Ansprache gestern brachte Papst Benedikt genau das auf den Punkt:
“Die Völker Afrikas und Asiens bewundern zwar unsere technischen Leistungen und unsere Wissenschaft, aber sie erschrecken zugleich vor einer Art von Vernünftigkeit, die Gott total aus dem Blickfeld des Menschen ausgrenzt und dies für die höchste Art von Vernunft ansieht, die man auch ihren Kulturen aufdrängen will.
Nicht im christlichen Glauben sehen sie die eigentliche Bedrohung ihrer Identität, sondern in der Verachtung Gottes und in dem Zynismus, der die Verspottung des Heiligen als Freiheitsrecht ansieht und Nutzen für zukünftige Erfolge der Forschung zum letzten ethischen Maßstab erhebt.”

 

Nicht kalt, nicht heiß

Nun kommt also Papst Benedikt nach Bayern.
Nach dem Weltjugendtag im letzten Jahr werden wir zum zweiten Mal in Deutschland ein hochkarätiges Event mit ihm erleben – und Kameras überall, Reportagen ohne Ende, Jubelrufe und fähnchenschwenkende, begeisterte Mengen.

Es stellt sich nur die Frage, was das Interesse an ihm, Benedikt, Benedetto, mit einem Wiederaufleben von Religiösität zu tun hat. Hat es das überhaupt?

Erhellend zu dieser Frage fand ich ein Interview mit dem politischen Theologen Jean Baptist Metz, das anlässlich des Weltjugendtages in der Süddeutschen Zeitung (Mai 05) zu finden war:

SZ: Ihr bekanntestes Wort ist wohl jenes von der “Gotteskrise”. Heute spricht man oft von einer Renaissance des Glaubens. Ist die Gotteskrise Geschichte?

Metz: Die Gotteskrise ist nicht identisch mit einer Religionskrise; sie ist sogar oft in eine religionsfreundliche Atmosphäre getaucht:
Religion als Stimmung wird bejaht, Gott als Anspruch aber verneint.
Auch diese Verneinung ist dann aber nicht kategorisch gemeint wie noch im Sinne der großen, leidenschaftlichen Atheismen. Der Atheismus in Zeiten der Gotteskrise ist banal geworden.

 

Wesen

In den letzten zwei Tagen ist mir mehrfach, in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen, ein ja nun wirklich nicht besonders bekanntes Gedicht über den Weg gelaufen, das mich sehr an eines der Epigramme von Angelus Silesius, den ich sehr schätze, erinnert.
Deshalb hier und heute – und ohne Kommentar meinerseits – beide Texte:

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Mensch werde wesentlich: denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.

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In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe,
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tore trüge,
Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!

(Angelus Silesius: Cherubinischer Wandersmann, 1657; Ernst Stadler: Der Spruch, Reclam 1968)