Archiv für den Juni, 2007

Hochbegabung, eine Herausforderung

Auf den Seiten des Goethe-Instituts fand ich eben ein Interview mit Christian Fischer vom ICBF in Münster (Internationales Centrum für Begabungsforschung) über Hochbegabung – mit sinnvollen Grundinformationen zum Thema.

 

Gesamtkunstwerk

Es ist immer noch keine Selbstverständlichkeit, dass Hochbegabung bei Kindern im (Schul-) Alltag erkannt wird. Verkompliziert wird diese Situation manchmal noch deutlich dadurch, dass Hochbegabung alle möglichen anderen vorkommenden Komplikationen bei Kindern natürlich nicht ausschließt. Heraus kommt dann möglicherweise ein schwierig zu durchschauendes und aufzulösendes Bündel an Symptomen bei Kindern, das oft erst durch eine aufwändige Diagnostik aufgeschlüsselt werden kann.

So gibt es jedwede denkbare Kombination: Hochbegabung und Legasthenie und Linkshändigkeit und ADS/ADHS und körperliche Behinderung und Autismus und minimale cerebrale Dysfunktionen und Asperger und Magersucht und und und.
Natürlich gibt es auch die Kombination Hochbegabung und Dyskalkulie. Über die Problematik, kein Gefühl für Zahlen zu bekommen, so dass die Additionsaufgabe “e plus k” genau so schwierig zu lösen ist wie “14 + 23”, davon berichtet heute die WAZ.

 

Pressewirksam

Ein hochbegabtes zweijähriges Mädchen, Georgia Brown, in England mit Rekord-IQ eingetreten in die Hochbegabten-Organisation Mensa – das ist spektakulär und pressewirksam und befriedigt ein gewisses Sensationsbedürfnis.
Ein 12jähriger hochbegabter Junge, elendiglich zugrundegegangen in einer deutschen Realschule, hat Schwierigkeiten, überhaupt wahrgenommen zu werden.

So ist das nun mal.

Dass übrigens in England nur etwa 30 Kinder unter 10 Jahren bei Mensa Mitglied sind, liegt schlicht daran, dass die Zielgruppe dieser Hochbegabten-Organisation, auch in Deutschland, eher hochbegabte Erwachsene sind. Unterstützung für Eltern mit hochbegabten Kindern gibt es in der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK). Jugendliche finden Kontakt im Kubus.

 

Charisma

Die eine hat’s, der andere nicht… 
Charisma, diese besondere, geheimnisvolle Strahlkraft einiger Menschen, ist Thema eines interessanten Artikels im SZ-Magazin.

 

Hier darf’s ein bisschen mehr sein

So etwas gibt es: eine Ganztagsschule für Hochbegabte.
In Kaiserslautern.
Näheres ist zu finden unter diesem Link.

 

Eine Schule für alle

Lesenswert: ein Artikel bzw. eine “Position” im Tagesspiegel zum deutschen Schulsystem und dem Bewusstseinswandel der nötig ist – nötiger als eine Reform und noch eine und noch eine – bei Beibehaltung des alten Systems im alten Bewusstssein.

Wir müssen weg vom dreigliederigen Schulsystem, dem “Festhalten an der Ständeschule des Kaiserreiches” und uns entwickeln hin zur Umsetzung dieser Vision, deren Umsetzung aber gar nicht unrealistisch ist, wie etliche ausgezeichnete Schulen heute schon zeigen:

Wir brauchen also eine Pädagogik, die jedes Kind, jeden Jugendlichen anerkennt, wertschätzt, respektiert, unterstützt und bestärkt, nicht beschämt oder demütigt. Eine Pädagogik, die in jedem Kind eine Hochbegabung vermutet und ihm hohe Leistungen zutraut.
Wie verträgt sich aber diese Pädagogik mit Sitzenlassen, Probehalbjahr, Abschulen, Abstufen im leistungsdifferenzierten Unterricht oder mit Bemerkungen wie, dass ein Schüler „hier wohl nicht hingehört“?
Wir brauchen eine Schule, in der genau das nicht stattfindet. Als Konsequenz darf es keine ungleichwertigen Bildungsgänge und erst recht keine ungleichwertigen Schularten geben.
Eine anerkennende Pädagogik muss das Lernen des einzelnen Schülers in den Vordergrund stellen.
Lernerfolg entsteht nur, wenn jeder Schüler die Möglichkeit der selbstständigen, aktiven Auseinandersetzung mit den Gegenständen hat in einer Atmosphäre, die ihn ermutigt und in der Lernfreude und Leistungswille entstehen. Dafür müssen individuelle Lernwege zugelassen werden. Das Unterrichten und Belehren als Tätigkeit des Lehrers muss zurücktreten zugunsten seiner Tätigkeit als Lernbegleiter, Lernberater und Gestalter von Lernmöglichkeiten.

Wie wahr, wie wahr!

 

Schicksal der Superhirne…

… betitelt die WELT einen Artikel über Hochbegabung.
Die Neigung, komplexe Zusammenhänge auf einen reißerischen Kurztitel zu reduzieren, ist zwar auch eine Begabung, aber für das Thema keine hilfreiche. Die WELT – als seriös auftretende Zeitung – sollte etwas differenzierter mit den Dingen umgehen können.

Immerhin werden in diesem Artikel auch Lebensläufe hochbegabter Erwachsener geschildet. Das Thema Hochbegabung ist, was Kinder angeht, mittlerweile durchaus eben das: Thema. Hochbegabte Erwachsene, die ihre Kindheit zu einer Zeit hatten, in der das Wort “Hochbegabung” leider mindestens so tabuisiert war wie die Syphilis, haben heute immer noch Schwierigkeiten, an Material zu diesem Thema zu kommen. Dabei ist es gerade auch für sie wichtig, zu ihrer Identiät zu finden – für sie selbst natürlich, aber auch für ihre Kinder, oft auch hochbegabt, mit denen sie klarer, verständnisvoller und konstruktiver umgehen könnten, wenn sie die Möglichkeit hätten, ihre eigene Hochbegabung zu erkennen, aufzuarbeiten und zu integrieren.

 

Klassenkampf

“Offen bleibt die Frage, ob es nötig ist, bereits zehnjährige Kinder
unter Druck zu setzen, um sie dann in Gewinner und Verlierer zu
sortieren.” …

Drei Monate lang wurde eine normale vierte Grundschulklasse in München begleitet – um die Zeit herum, in der es sich entscheidet, wer welche Schulform besuchen wird.

Das ist in Deutschland die Zeit, in der sich häufig schon das Leben der Kinder entscheidet.
Im Alter von 10 Jahren.

Man lese im SZ-Magazin.

 

Lebensunfähig durch Überbehütung

“Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um!” Ein paradox erscheinender Satz von Wolf Biermann – aber er ist wahr und aktueller denn je.

Einen lesenswerten Artikel zu Elternparanoia und überbehüteten Kindern, die gerade deswegen in Gefahr geraten, weil sie nicht mehr üben können, wie man sich in Situationen verhält, die nicht mehr leben lernen können, weil jeder ihrer Schritte entweder überwacht oder ihnen abgenommen wird, gibt es zu lesen in der SZ: Big Mother is watching you und hier.

 

Kinderzimmer – entzaubert

Immer häufiger werden schon Kleinkinder vor dem Fernseher “geparkt”. War das abendliche Fernsehen früher immerhin noch Teil eines Familienrituals, werden heutzutage Isolation und Vereinzelung durch die vielfältigen Möglichkeiten der Medienwelt immer weiter forciert.

Es entstehen keine “Lebens-Welten” mehr.
Reifung bleibt aus.

Kinder werden, alleingelassen, unverständlichen Bilderwelten ausgesetzt, von denen sie aufgesaugt werden, die sie prägen, denen sie hilflos gegenüberstehen und für deren Verständnis und Einordnung ihnen häufig niemand Hilfen anbietet.

Die sehenswerte Ausstellung in Berlin “Ein entzaubertes Kinderzimmer” zeigt Fotografien von Kindern vor dem Fernseher.
Gerade die Wahl des unspektakulären, stillen, klassischen Brustbildes lässt die offensichtliche Einsamkeit der Kinder fast schmerzhaft deutlich werden.

Die WAZ berichtet.
Ebenso die Rheinische Post, die auch eine Bildstrecke anbietet.