Archiv für den September, 2006

Berlin Berlin – Erinnerung

Unterwegs in Berlin:

In ein paar Tagen geht’s nach Berlin. 10 ganze Tage werden wir Zeit haben, diese Stadt neu zu entdecken.

Für mich ist es der fünfte Besuch in Berlin:

1974 – zu wilden Jugendzeiten haben wir in einem Grüppchen irgendwo privat in einem Hobbyraum im Keller genächtigt und uns von Zigaretten und starkem Nescafé ernährt, sind nachts im Scheinwerferlicht der Grenz-Bewachungstürme im Wannsee baden gegangen und haben den Soldaten zugesehen, wie sie mit ihren Gewehren auf- und abgingen.
Ziemlich gruselig.

1975 – Berlin mit einem Jugendchor. Unser Chor und der Chor der St. Hedwigs-Kathedrale im Osten Berlins hatten im Vorfeld gemeinsam / getrennt Bach-Choräle und eine Mozart-Messe einstudiert. Konspirativ sind wir alle zu den gemeinsamen Proben und der Aufführung einzeln über die Grenze am Checkpoint Charlie, weil Gruppen ja nicht gemeinsam in den Osten einreisen durften. Mit beiden Chören und einem ostdeutschen Orchester haben wir dann im Ostteil Berlins in der Hedwigs-Kathedrale bei einer Bischofsweihe gesungen – und keiner durfte offiziell wissen, wer wir waren.
Spannend.
Heftig war dagegen, dass ich beim Rückweg in den Westteil fast 5 Stunden von den Grenzposten festgehalten und auch verhört wurde, weil ich von Freunden Bücher mitgenommen hatte, die die im Berliner Osten gekauft hatten – aber dummerweise nicht deren offiziellen Währungsumtauschquittungen besaß. Man warf mir Währungsbetrug vor, wollte von “Hintermännern” wissen, von weiteren “Plänen” etc. Das war schon angsterregend und gespenstisch; ich war allein und denen hilflos ausgeliefert. Um Mitternacht, als die Grenze geschlossen wurde, schmiss man mich einfach raus.
Das war ein linder Vorgeschmack dessen, was totalitäre Systeme mit Menschen tun können. Solche Erlebnissen verändern die Weltsicht, zumal, wenn man erst 19 ist und unbefangenes Kind des “freien Westens”.

1991 – Ein Tag Berlin. Zum erstenmal Schritte durch das Brandenburger Tor. Etliche Male bin ich hin- und hergegangen: Freude pur! Einen großen Stein aus der Mauer habe ich mir damals von einem der vielen Händler vor dem Tor auch gekauft. Einen echten! Auf einem Foto konnte ich die Stelle sehen, an der mein Stein in der Mauer war…

1995 – Der Verpackte Reichstag. Ein wunderbares Geschenk der Christos an die Stadt. Ich musste einfach dahin. Ein wunderbarer Tag – und das Gefühl, dass jetzt tatsächlich zusammenwachsen kann, was zusammengehört. Für mich war das Verpacken des Reichtstages wie eine symbolische “Reinigung” dieses Gebäudes, das ja nun auch eine wechselvolle und, im Dritten Reich, unrühmliche Geschichte hat. Nach diesem Akt konnte der Reichtstag dann wirklich Mittelpunkt der gesamtdeutschen Demokratie werden, Zentrum einer Hauptstadt, Vereinigungspunkt von Ost und West.

2006 – Ich bin gespannt…

 

Grausam, aber wahr!

Passend zum Vorbeitrag – und nicht zu fassen:

Der Sohn einer mir gut bekannten Familie, ich nenne ihn hier Simon, hochbegabt, geht mit seinen 11 Jahren in die 7. Klasse eines wirklich gut-bürgerlichen Gymnasiums. Er besucht dort die sog. D-Zug-Klasse, auch Profilklasse genannt. Ein stiller, freundlicher Junge.

Simon wurde letzte Woche aus dem Nichts heraus, Mitschüler bestätigen, dass es vorher überhaupt keinen Kontakt gegeben habe, von einem anderen Jungen von den Füßen gerissen und mit dem Kopf auf den Betonboden geknallt.

Simon leidet seither an Amnesie, ist unkonzentriert, merkt nicht, wenn er Dinge wiederholt, ist nicht belastungsfähig, sieht elendig schlecht aus.

Die medizinische Diagnostik läuft noch, aber es gibt Befürchtungen….

Auch eine Art, einen Hochbegabten auf Norm zu bringen.

 

Erfahrung

Geht schon an die Gänsehautgrenze, oder?

Hochbegabter Junge, 8 Jahre alt, auf die Frage, was denn Intelligenz sei:

„Intelligent ist jemand, der in manchen Sachen etwas klüger als klug ist… Noch intelligenter ist es aber, das nicht zu zeigen – es sei denn, jemand findet es selbst heraus, denn dann hat er Interesse an dir!“

Quelle: KiTa Unter den Weiden, Kempen

 

Dag Hammarskjöld

Dieser Beitrag soll in ehrendem Gedenken an Dag Hammarskjöld erinnern, der heute vor 45 Jahren, am 18.9.1961 unter nie geklärten Umständen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist. Er war damals im Rahmen der Kongo-Krise in einer UN-Mission unterwegs. Heute ist es so gut wie erwiesen, es gibt Augenzeugen, dass er einem Attentat zum Opfer gefallen ist.

Bekannt wurde Dag Hammarskjöld als Generalsekretär der Vereinten Nationen (1953–1961), einem Amt, in dem er sich durch sein erfolgreiches und umsichtiges Handeln in etlichen Krisen (Nachwehen des Koreakrieges, Kalter Krieg, Konflikt um den Suezkanal, Ungarnaufstand etc.) höchsten Respekt verdiente.
Hammarskjöld war aber z.B. auch Mitglied der Kommission zur Vergabe des jährlichen Literaturnobelpreises.
Nach seinem Tod wurde ihm 1961 posthum der Friedensnobelpreis verliehen.

Bei einem Menschen, der eine solch nach außen gerichtete, glänzende politisch-diplomatische Karriere vor den Augen der Weltöffentlichkeit ausfüllt, geht man nicht davon aus, dass er gleichzeitig ein ganz verborgenes Leben führt. Bei Dag Hammarskjöld war das jedoch der Fall. Er war ein Mystiker, jemand, dessen sehr persönlich geprägtes religiöses Leben in große Tiefen reichte in authentischer Gottes-Erfahrung jenseits jedes Glaubens “an”.
Ausdruck seines inneren Lebens ist sein spirituelles Tagebuch, das man nach seinem Tod fand: „Zeichen am Weg“. (Droemer/Knaur, 1974)

Hammarskjölds tiefe Religiösität stand nicht im Kontrast zu seinem öffentlichen Leben, seiner politischen Aufgabe. Er erlebte Gott lebendig in sich und sich lebendig in Gott. Er wusste sein In-Sein im Alltag zu bewahren und zu realisieren:
Mitten im Gelärm das innere Schweigen bewahren. Offen, still, feuchter Humus im fruchtbaren Dunkel bleiben, wo Regen fällt und Saat wächst – stapfen auch noch so viele im trockenen Tageslicht über die Erde in wirbelndem Staub.“  (ebd. S. 50)

Selbst weltweit nach allen Regeln der Vernunft konkret handelnd, wusste er doch um die existentielle Bedeutung des Verwurzelt-Seins in der Tiefe. Die spirituelle Sinn- und Gotteskrise unserer Zeit vorwegnehmend, schreibt er:
„Gott stirbt nicht an dem Tag, an dem wir nicht länger an eine persönliche Gottheit glauben, aber wir sterben an dem Tag, an dem das Leben für uns nicht länger vom stets wiedergeschenkten Glanz des Wunders durchstrahlt wird, von Lichtquellen jenseits aller Vernunft.“ (ebd. S. 37)

Auf dem Stein an seiner Gedenkstätte steht geschrieben: „Nicht ich, sondern Gott in mir“.

Dieser radikale Satz bedeutet nicht das Aufgeben des Ichs mit seinen Möglichkeiten, sondern ist Ausdruck dessen Vollendung in einem tatkräftigen Leben, das nicht sich selbst als Ich im Mittelpunkt des Seins erlebt.

Dag Hammarskjöld ist einer der Menschen, dem in seinem Leben dieses In-Eins-Gehen von Außen und Innen in vollendeter Weise geglückt ist.

 

Lernfreude? – Lebensfreude?

Passend zum gestrigen Beitrag fand ich heute Folgendes, das deutlich zeigt, dass die Zerstörung von Lern- und Leistungsfreude auch die Zerstörung des Entdeckungsdranges der Schüler, der Motivation und letztlich eines positiven, freudigen Lebensgefühls zur Folge hat:

Streber gibt es nicht, sie werden von ihren Mitschülern, ihren Eltern, ihren Lehrern und nicht zuletzt auch der Kultur, in der sie leben, dazu gemacht.

Eine Anekdote
Eine deutsche Familie hält sich für ein halbes Jahr in Kanada auf. Die jugendlichen Kinder (ein Junge, Klasse 10, ein Mädchen, Klasse 6) gehen in die kanadische Schule. Eines Tages kommt der Sohn nach Hause und erzählt, dass die Schüler am besagten Tag ein Essay über ihre Eindrücke von Kanada einreichen mussten, und da hätten doch viele Mitschüler das Deckblatt bunt ausgemalt, hätten alles mit dem Computer erstellt und sich total viel Mühe gegeben, ohne dass es hierzu Anweisungen gegeben hätte. Er habe nur handschriftlich versucht, seine Eindrücke zusammenzufassen und auch kein richtiges Deckblatt gehabt.
Fazit: “Da muss ich mich beim nächsten Mal irgendwie mehr reinhängen.”
Dann nach einem halben Jahr Rückkehr nach Deutschland. Derselbe Sohn hat im Musikunterricht seiner deutschen Schule ein Referat über Bob Marley zu halten. Angebot des Vaters: Du, da habe ich noch Material über Jamaika von meiner Reise dorthin vor 17 Jahren, das könntest Du vielleicht mitnehmen.
Antwort des Sohnes: “Papa, ich bin doch kein Streber…”

Wie kommt es zu diesem Einstellungsunterschied? Was macht Schüler in Deutschland so anfällig für den Strebervorwurf? Anscheinend ist es in unserem Land unter Schülern verpönt, besonders gute Leistungen zu zeigen. Insbesondere zwischen dem Eintritt in die weiterführende Schule und dem Beginn der gymnasialen Oberstufe traktieren sich deutsche Schüler untereinander mit dem Vorwurf des Strebertums.
(Quelle: www.familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Schule/s_1472.html)

 

Lernfreude – Lebensfreude


Gestern wieder ging durch die Medien, dass das Bildungsniveau der Deutschen im Verhältnis zu anderen Staaten noch wieder gesunken sei.

Wen wundert’s.

Bei der jährlichen Lehrlingsauswahl für eine Ausbildung zum Bürokaufmann war ein erschreckendes Erlebnis, dass wirklich von Jahr zu Jahr das Niveau der Anwärter dramatisch sank. Besonders beunruhigend zu beobachten war dabei weniger das tatsächliche Absinken der Noten (bis hin zu schlechten Noten in sonst sicheren Fächern wie Sport, Religion, Kunst), sondern vor allem das Verschwinden an grundsätzlicher Motivation, ja: das Verschwinden an Lebensinteresse. Es existierte dabei kaum ein erwähnenswerter Unterschied zwischen Hauptschülern und Gymnasiasten.
Da gab es keine wirklichen Hobbys mehr, keine Teilnahme an irgendwelchen Aktivitäten, kein (ehrenamtliches) Engagement, keine Vereinszugehörigkeit, keine individuellen Besonderheiten: “Computer, Musikhören” war die Standardangabe zu den Hobbys – und zwar zu fast 100%. Nichts weiter! Da war noch nicht einmal ein emotional trotziges “Null-Bock” zu spüren, sondern nur gähnende, schwarze Öde, Leere.
Eine erschreckende Lethargie bei jungen Menschen, die doch eigentlich gerade erst anfingen, das Leben zu entdecken, aber von vorneherein keine Lust daran zu zeigen schienen, sich im Geben und Nehmen dem offen zuzuwenden, was das Leben an Möglichkeiten für sie bereitstellt.

Alle Reformen, so begrüßenswert sie sein mögen, greifen so lange nicht, wie die Atmosphäre in Schulen, in Elternhäusern – ja überall – nicht lernfreudig, nicht lebensfreudig ist.

Reformen innerhalb eines toten Systems bringen nicht weiter.

“Wann sollen wir das denn alles auch noch machen!”, stöhnen die Lehrer, und sie haben insofern Recht, als sie individuelle Förderung innerhalb des alten Rahmens des in 45 Minuten eingepressten Frontalunterrichtes vor über 30, zum Teil schwierigen, sprach- und/oder verhaltensgestörten, Schülern wirklich nicht leisten können.

Diese starre System ist es, was verändert werden muss. Vor allem im Grundschulbereich hat der Gesetzgeber – jedenfalls in NRW – schon vor etlichen Jahren alle Möglichkeiten dazu eröffnet. Dort geht eine Menge. Es wird nur nicht wirklich genutzt, weil meist der Mut zu Neuem fehlt.

Lehrer, die in Schulen arbeiten, in denen projektabhängige Zeitschienen existieren, in denen Schüler, angeleitet, jahrgangsübergreifend frei an Themen arbeiten und Lernen lernen können, erzählen unisono, dass all dies weniger Arbeit bedeutet, dass mehr Zeit bleibt für die individuelle Beobachtung und Unterstützung der Schüler, dass all dies befriedigender sei für Lehrer und Schüler – und die gesamte Atmosphäre sich gewandelt habe hin zu einem sachbezogenen kommunikativen Miteinander.

Dafür aber sind neue Strukturen nötig, die gar nicht mehr kosten müssen als es die ständige “Reparatur” und Aufrechterhaltung des alten Systems tut, ohne effektiv zu sein.

Lehrer zu sein, bedeutet nicht vordringlich, alles zu wissen und “Stoff” zu vermitteln. Es bedeutet, in Beziehung zu treten, den Schülern dabei zu helfen, lernen zu lernen, leben zu lernen.
Eigentlich: Was für ein wunderbarer Beruf!

 

Aufbruch

Wenn man Menschen fragt, warum sie mit Religion nichts zu schaffen haben wollen, hört man von den katholischen immer dieselben Argumente: Papst, Unfehlbarkeit, Empfängnisverhütung, Rolle der Frau, Verbot der Heirat von Priestern etc. etc.

Natürlich gibt es da viele, viele ganz schwierige, ungeklärte Punkte, niemand kann und wird das abstreiten – aber ich bin mir sicher: das alles gibt nicht den Ausschlag für die Vermeidung der Annäherung an das, was als Schatz im Zentrum übrigens aller Religionen steht.

Die katholische Kirche ist durch die erwähnten Punkte einfach nur leichter angreifbar:
Bei den evangelischen Kirchen, im Anglikanismus in Großbritannien etc, dort existieren diese im Mittelpunkt der Kritik stehenden Aspekte überall nicht – und trotzdem leiden diese Kirchen an genau denselben Schwierigkeiten wie die katholische: leere Kirchen, viele gleichgültige Mitglieder, die höchstens zu den üblichen Events aufzuwecken sind wie Weihnachten, Heirat, Beerdigung, Kirchentagen mit Pep und Pop.
Dies alles hat natürlich seine Berechtigung – aber mit Religiösität und Wachstum hat das Ganze wenig zu tun.
Nicht kalt, nicht heiß.

Papst Benedikt gestern in seiner Predigt in München:
“Dieser Vorgang, das Sakrament der Taufe, hat nichts Magisches an sich. Die Taufe eröffnet einen Weg. … Der Weg des Getauft-Seins muss ein Prozess des Wachstums werden…”

Taufe ist Beginn. Religiöses Leben aber ist eine Sache der immer neuen persönlichen Entscheidung. Da gibt es keinen Automatismus, da läuft kein Fließband, das einen ungefragt in eine bestimmte Richtung transportiert. Was ansteht, ist, sich selbst auf den Weg zu machen, einen Weg zu gehen, zu erleben und zuzulassen, dass sich mit und mit Innenräume öffnen – und eine Welt sich zeigt, eine Wirklichkeit sich offenbart, in der und für die man nur in schweigendem Staunen danken kann.

Es geht um Wachstum des Menschen. Um so etwas Unmodernes wie inneres Reifen.

Mit unserer Vernunftbegabung, unseren rationalen Kräften haben wir Unglaubliches geschaffen und erreicht. Ohne eine Entwicklung auch unserer inneren Dimensionen und in sie hinein wird sich die Welt des Technischen und des Machbaren – so segensreich sie, sinnvoll genutzt, sein kann und ist – aber immer mehr verselbstständigen, verabsolutieren, mit unabsehbaren Folgen.

In seiner Ansprache gestern brachte Papst Benedikt genau das auf den Punkt:
“Die Völker Afrikas und Asiens bewundern zwar unsere technischen Leistungen und unsere Wissenschaft, aber sie erschrecken zugleich vor einer Art von Vernünftigkeit, die Gott total aus dem Blickfeld des Menschen ausgrenzt und dies für die höchste Art von Vernunft ansieht, die man auch ihren Kulturen aufdrängen will.
Nicht im christlichen Glauben sehen sie die eigentliche Bedrohung ihrer Identität, sondern in der Verachtung Gottes und in dem Zynismus, der die Verspottung des Heiligen als Freiheitsrecht ansieht und Nutzen für zukünftige Erfolge der Forschung zum letzten ethischen Maßstab erhebt.”

 

Last Night of the Proms

Gestern Abend war im NDR-Fernsehen die Übertragung des berühmten zweiten Teils der “Last Night of the Proms” aus der Royal-Albert-Hall in London zu sehen.

Es war wieder bewegend, mitzubekommen, wie diese Veranstaltung – sehr ritualisiert in ihrem Ablauf, in ihrem Repertoire, und doch immer wieder spielerisch neu und selbstironisch inszeniert – die Briten eint, sie zusammenschweißt, wo auch immer sie leben.

Zehntausende waren in Parks in London/England, Glasgow/Schottland, Swansea/Wales und Belfast/Nordirland vor riesigen Leinwänden zusammengekommen und sangen zusammen und zur selben Zeit dieselben Lieder, vereint in einem Geschehen, das – über alle Gegensätze und Unabhängigkeitsbestrebungen hinweg – für sie zutiefst sinn- und identitätsstiftend ist.

Eins-Werden im Singen von “Rule Britannia”, “Land of Hope and Glory”, “Jerusalem”, das interessanterweise auch ein Kirchenlied ist, der Nationalhymne und vor allem der “Auld Laing”, das unserem “Nehmt Abschied Brüder” entspricht.

Bewegende Bilder aus den Parks: Singen mit ganzem Körper, aus ganzem Herzen. Das Ganze eine kollektive Herzberührung. Da war so etwas wie eine authentische Liebe zur eigenen Tradition, der man ja ansonsten nun auch nicht unkritisch gegenübersteht, zu spüren. Da sah man, man verzeihe mir das Wort, wirklich die “Volksseele”.

Wir haben hier in Deutschland nichts Vergleichbares.
Vielleicht gab es bei der WM im Sommer zum ersten Mal flüchtige Ansätze in diese Richtung: Momente, Glücksmomente, in denen die Menschen sich eins fühlten mit sich und ihrem Land, ohne dass dabei ein merkwürdiger Beigeschmack entstand.
Vielleicht können wir da vorsichtig, vorsichtig weitermachen. Von der Innigkeit, mit der die “verrückten” Engländer im Grunde ihres Herzens an ihrem Land hängen, sind wir chronisch unzufriedenen Deutschen allerdings noch weit entfernt.

 

Nicht kalt, nicht heiß

Nun kommt also Papst Benedikt nach Bayern.
Nach dem Weltjugendtag im letzten Jahr werden wir zum zweiten Mal in Deutschland ein hochkarätiges Event mit ihm erleben – und Kameras überall, Reportagen ohne Ende, Jubelrufe und fähnchenschwenkende, begeisterte Mengen.

Es stellt sich nur die Frage, was das Interesse an ihm, Benedikt, Benedetto, mit einem Wiederaufleben von Religiösität zu tun hat. Hat es das überhaupt?

Erhellend zu dieser Frage fand ich ein Interview mit dem politischen Theologen Jean Baptist Metz, das anlässlich des Weltjugendtages in der Süddeutschen Zeitung (Mai 05) zu finden war:

SZ: Ihr bekanntestes Wort ist wohl jenes von der “Gotteskrise”. Heute spricht man oft von einer Renaissance des Glaubens. Ist die Gotteskrise Geschichte?

Metz: Die Gotteskrise ist nicht identisch mit einer Religionskrise; sie ist sogar oft in eine religionsfreundliche Atmosphäre getaucht:
Religion als Stimmung wird bejaht, Gott als Anspruch aber verneint.
Auch diese Verneinung ist dann aber nicht kategorisch gemeint wie noch im Sinne der großen, leidenschaftlichen Atheismen. Der Atheismus in Zeiten der Gotteskrise ist banal geworden.

 

Mad Cow

Unterwegs im Supermarkt

Manchmal schenkt einem das Leben die Teilhabe an Situationen von einer Schönheit, die den dunkelsten Tag erhellt:

Ein wirklich uraltes Ehepaar, beide sicherlich deutlich über 80 – sie mit einem Gehwagen, er gebeugt am Stock – steht vor der Kühltheke mit dem abgepacken Fleisch. Er greift einen schönen Rinderbraten heraus und versucht, ihn mit Mühe und etwas zitternden Händen in den Einkaufswagen zu legen.
“Nein!”, sagt sie darauf, mit brüchiger, aber entschiedener Stimme: “Das ist von einer verrückten Kuh. Das kaufen wir nicht! Davon bekommen wir Alzheimer!”