Archiv für den September, 2006

Wesen

In den letzten zwei Tagen ist mir mehrfach, in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen, ein ja nun wirklich nicht besonders bekanntes Gedicht über den Weg gelaufen, das mich sehr an eines der Epigramme von Angelus Silesius, den ich sehr schätze, erinnert.
Deshalb hier und heute – und ohne Kommentar meinerseits – beide Texte:

————————————

Mensch werde wesentlich: denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.

————————————

In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe,
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tore trüge,
Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!

(Angelus Silesius: Cherubinischer Wandersmann, 1657; Ernst Stadler: Der Spruch, Reclam 1968)

 

Pille gegen Tennis

Seit vielen Jahren gehe ich nun mit dem Thema Hochbegabung um. Es gibt doch immer wieder noch etwas, worüber ich nur den Kopf schütteln kann:

Mutter: “Mein Sohn hatte Schwierigkeiten. Da haben wir ihn vor ein paar Jahren testen lassen. Er war hochbegabt. … Jetzt ist er immer noch hochbegabt. Können Sie mir nicht ein Medikament nennen, damit das endlich verschwindet?”

Man stelle sich vor: Die Mutter von Boris Becker geht zum Arzt: “Herr Doktor, können Sie mir nicht für mein Bobbele

 

(Mutter-) Liebe

Unterwegs in Devon, Süd-West-England, Ende Oktober

Kalt, nass, neblig – es ist deutlich: der Herbst ist schon fast ein Spätherbst, entwickelt sich schleichend zum Winter. Die Fremdenverkehrsorte am Meer sind nur noch spärlich besucht.

Auf der feucht-kalten Wiese, ein paar Meter vom Wasser entfernt, zwei Möwen: Mutter und Kind.

Nach bewährter und erfolgreich erprobter Weise hat Kind Möwe den Schnabel aufgerissen, tanzt aufgeregt vor Mutter Möwe hin und her, schreit herzzerreißend, und es ist absolut eindeutig: “Hunger! Futter her! Und zwar sofort!” Mutter Möwe beeindruckt das allerdings nicht im Geringsten: Sie dreht sich, sie wendet sich, sie geht ihrem Kind auf jede nur mögliche Weise aus dem Weg.

Das Geschrei von Kind Möwe, enttäuscht in seinen Erwartungen, wie gewohnt sein Futter schluckgerecht in den Schlund geschoben zu bekommen, wird entschiedener, lauter, jämmerlicher. Kaum zum Aushalten.
Dieses Kind hat definitiv grausamen Hunger!
Mutter Möwe dagegen zeigt sich weiterhin völlig unbeeindruckt, ja genervt, hüpft weg, fliegt sogar ein paar Meter weiter. Sie zeigt absolut kein Anzeichen dafür, dass sie gewillt sein könnte, den Hunger ihres Kindes zu stillen.

So vergehen 30 Minuten. Es ist Abend. Es wird kalt. Nebel wabert.

Nichts hat sich verändert am Geschehen in dieser Zeit: Kind Möwe schreit erbärmlich seinen Hunger in die Welt und drängt sich laut und penetrant und unaufhörlich seiner Mutter mit weitgeöffnetem Schlund auf.
Mein Gott, hat dieser Vogel Hunger!
Mutter Möwe bleibt standhaft in ihrer Verweigerung, ihrem Nein, das Hungerbedürfnis ihres Kinders zu stillen. Sie denkt gar nicht daran. Nichts wird sie umstimmen, das ist eindeutig.

————————————–

Bald ist Winter. Höchste Zeit. Es ist wirklich höchste Zeit, dass Kind Möwe lernt, sich selbst zu ernähren, aus eigenem Antrieb aktiv zu werden und für sich Futter zu suchen. Kommt erst einmal die Kälte, kommt erst einmal der erste Frost, dann wird es schnell zu spät sein. Instinktsicher – jenseits jeder menschlichen Sentimentalität – weiß Mutter Möwe das. Und sie tut das einzig Richtige: Sie verweigert sich jetzt konsequent in ihrer nährenden Rolle dem Kind gegenüber. Das Kind weiter zu füttern, würde sich nun nicht mehr behütend und erhaltend auswirken, sondern im Gegenteil das Leben des kleinen Vogels gefährden. Mutter Möwe lässt das Kind bis zum Unerträglichen schreien. Sie hält das aus. In ihrem Instinkt ist klar gegenwärtig: Entweder das Kind schafft es aus eigenem Antrieb – oder es wird den Winter nicht überleben.

(Mutter-) Liebe hat viele Gesichter.

 

Hochbegabte Kinder

Ich werde oft gefragt – und das meist mit negativem Unterton – , warum, um alles in der Welt, ich meine kostbare Zeit und mein Engagement schon so lange Jahre lang in den Dienst der Unterstützung hochbegabter Kinder einsetzen würde. Und dann kommen, mit untrüglicher Sicherheit, Argumente dagegen, z.B., dass es ja nun genug Menschen gebe, die weit dringender der Unterstützung bedürften, dass ‘Eliten’ nicht auch noch gefördert werden müssten und dass diese Kinder es ja nun wirklich gut hätten, weil sie ja doch so klug seien etc. etc.

Ich muss dann immer seufzen.

Man stelle sich ‘Petra Mustermann’ vor, die Prototypin aller Deutschen, mit einem Durchschnitts-IQ von 100.
‘Petra Mustermann’ hat kein Problem. Sie ist “normal”.

Kinder, die einen IQ von ca. 70 haben, die haben natürlich ein Problem. Keiner bezweifelt das. Aber für diese Kinder gibt es: eine eigene Pädagogik, eigene Schulen, eigene Studiengänge für ihre Lehrer, eigene Lehrpläne, eigene Materialien und eigene Schulbücher – und das gebündelte Verständnis der gesamten Nation dafür, dass man sich um diese Kinder besonders kümmern muss. Das ist ja auch richtig.

Kinder, die einen IQ von ca. 130 haben, von denen erwartet man jedoch, dass sie mit ‘Petra Mustermann’ alles teilen, zufrieden sind mit dem, womit auch ‘Petra Mustermann’ zufrieden ist.

Diese Kinder mit einem IQ von 130, die sind von ihrem IQ her von ‘Petra Mustermann’ genau so weit entfernt wie die Kinder mit einem IQ von 70. Bei ihnen aber wird vorausgesetzt und erwartet, dass sie genau so sind wie ‘Petra Mustermann’ – und sich dann auch noch gut benehmen.

Wenn Kinder gute Schwimmer sind – akzeptiert dann irgend jemand, dass sie die ganze Zeit im Nichtschwimmerbecken verbringen sollen, weil die anderen halt nicht schwimmen können?

Niemand tut das.

Bei hochbegabten Kindern erwartet man aber genau das. Wie soll das gutgehen?

Das kann nicht gutgehen: Weder für die Kinder noch für unsere Gesellschaft, die gut geschulte und menschliche reife Intelligenz so dringend braucht.

Diese Kinder haben so großes Potenzial! Aber viele von ihnen leiden – meist unter der Ignoranz derjenigen, die glauben, die Normalität für sich gepachtet zu haben, unter Mobbing, Unverständnis, Ausgrenzung, allen möglichen Arten psychischer Verletzungen und nicht zuletzt unter der nicht endenwollenden Unterforderung.

Leiden hat viele Gesichter – und immer ein individuelles. Ist das Leiden hochbegabter Kinder weniger wert als das Leiden minderbegabter oder weniger wert als anderes Leiden? Wer will daüber urteilen?

 

Beginn

Heute ist der 1. September. Ein guter Tag für einen Beginn. Dabei ist natürlich jeder Tag ein guter Tag für einen Beginn. Nicht nur jeder Tag: jeder Atemzug ist Beginn. Wir wissen das nur meist nicht mehr. Der letzte Atemzug ist Vergangenheit, nur derjenige JETZT existiert. Das Leben beginnt neu und IST. Ob wir einen nächsten Atemzug haben werden, wissen wir nicht.

Speybridge – das ist die Brücke über den Fluss Spey in Schottland bei Grantown-on-Spey. Diese Brücke nehme ich als Symbol für den Brückenschlag, den ich hier in diesem Blog versuchen will, nämlich, in einem großen Bogen, scheinbar unvereinbare Themen zu verbinden, einander anzunähern, in eins zu bringen. Zusammengehalten werden all diese Themen, Aspekte und Meinungen letztlich durch mich.

Ich bin Speybridge.