Archiv für die Kategorie Bildung und Erziehung

Gutachten

Am Freitag wird es nach der neuen Schulordnung in NRW zum erstenmal verbindliche Gutachten für den Übergang auf eine weiterführende Schule geben.

Das bedeutet, dass die Grundschullehrer eine Empfehlung abgeben – und diese ist dann verbindlich! Da gibt’s keine Diskussion. Dabei ist eine eingeschränkte Zweitempfehlung möglich, also in der Art: “Empfehlung Hauptschule, mit Einschränkung Realschule”. Diese Zweitempfehlung, die etwas mehr Luft nach oben ließe, liegt aber im Ermessen der Lehrer.

Es ist also ab jetzt mehr so, dass die Eltern das letzte Wort bei der Wahl der Art der weiterführenden Schule für ihre Kinder haben.

Bei Unstimmigkeiten wird es dann so sein, dass ein Probeunterricht von drei Tagen für das Kind (“Prognoseunterricht”) an der gewünschten Schulform beantragt und durchgeführt werden muss und ein dreiköpfiges Gremium dann entscheidet, ob das Kind für diese Art der weiterführenden Schule geeignet ist. Die Entscheidung dieses Gremiums ist dann das letzte Wort in dieser Angelegenheit.

Um zunächst das Positive an dieser Art von verbindlichem Gutachten herauszustellen:
Gewinner dieser Entscheidungsverlagerung auf die Lehrer beim Übergang in die weiterführenden Schulen könnten vor allem Mädchen mit Migrationshintergrund sein, vor allem islamisch geprägte Mädchen. Diese Mädchen drohen z.T. heute immer noch standardmäßig in einer Schulform zu landen, die unter ihren Möglichkeiten liegt, weil die Eltern sich für ihre Mädchen nichts anderes vorstellen können – unabhängig von ihren Fähigkeiten. Das wird so nicht mehr möglich sein.
Manche Schüler, für die das von den Eltern her nicht vorgesehen war, werden also von diesem verbindlichen Gutachten profitieren und eine Chance bekommen, das Gymnasium zu besuchen.

Es gibt natürlich auch eine Kehrseite dieser ab jetzt verbindlichen Grundschulgutachten – und hochbegabte Schüler könnten in negativer Weise von der neuen Regelung betroffen sein:

Hochbegabte Kinder, die jahrelang durch ständige Unterforderung demotiviert den Unterricht mehr oder weniger ertragen, ohne besondere Leistungen zu zeigen, verträumt aus dem Fenster schauen oder auch die Teilnahme am Klassengeschehen boykottieren und stören, könnten Gefahr laufen, nur eine Empfehlung für die Real- oder gar Hauptschule zu bekommen.
Falls diese Entscheidung nicht noch geändert wird, so kann das oft eine ziemliche Katastrophe bedeuten, da auch weiterhin mit sich in der falschen Schulform sogar verschärfender Unterforderung der besagten Schüler gerechnet werden muss. Bei Hochbegabung die Haupt-, Real- und z.T. auch die Gesamtschule besuchen zu müssen, bedeutet in den meisten Fällen eine fatal falsche Weichenstellung: Der Teufelskreis von Unterforderung und falschen Entscheidungen kann unter Umständen zum kompletten Schulversagen der Hochbegabten führen, oft kombiniert mit sozialen Auffälligkeiten, gravierenden psychischen Problen etc.

Man muss die Entwicklung diese Gutachten betreffend genau beobachten. Es wird schon gemunkelt, dass es in absehbarer Zeit viele juristische Auseinandersetzungen in dieser Sache geben wird.

Viel wird davon abhängen, ob Lehrer tatsächlich in der Lage sind, ihre
Schüler kompetent, klar und individuell in ihrer Eigenart wahrzunehmen;
ihre Prognosen und Entscheidungen sind für die Kinder wichtig und zukunftsentscheidend.
Die Gutachten sollten zutreffen.

 

Zurück in die Zukunft – Kopfnoten

Nun wird es also in NRW laut der neuen Ausbildungsordnung für die Sekundarstufe 1 ab dem nächsten Schuljahr wieder Kopfnoten geben – und zwar gleich sechs Stück!

Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit/Sorgfalt, Verantwortungsbereit- schaft, Selbstständigkeit, Konfliktverhalten und Kooperationsfähigkeit werden dann also zweimal im Jahr pro Schüler mit einer Note (sehr gut, gut, befriedigend, unbefriedigend) bewertet.

Diese in höchstem Maße zweifelhafte “Neuerung” ist an sich schon extrem kritisch zu bewerten. Bei Kindern mit Hochbegabung, so ist zu vermuten, wird es durch diese Regelung wahrscheinlich zu besonders gravierenden Ungerechtigkeiten kommen.

Nehmen wir also zunächst die “Leistungsbereitschaft“: Hochbegabte Kinder sind leistungsbereit, sogar in hohem Maße. Sollen sie aber über lange Zeit hinweg sie völlig unterfordernde kleinschrittige Wiederholungsaufgaben erledigen und nichts weiter, so werden sie sich dort sicherlich nicht hervortun. Sie bekommen oft gar keine Möglichkeit, ihre Leistungsbereitschaft unter Beweis zu stellen – und werden in dieser Kopfnote häufig nicht gut bewertet werden. Sind sie deswegen also weniger leistungsbereit???
Schon in den Fachnoten erlebt man deutliche Ungerechtigkeiten bei der Benotung Hochbegabter: ein mir bekannter Junge wurde im Physikunterricht gar nicht mehr aufgerufen mit der Begründung des Lehrers: “Ich frage dich nicht mehr; ich weiß ja, dass du das weißt.” Der Junge zeigte daraufhin logischerweise nicht mehr auf, bekam aber auch keine andere Möglichkeit, sein Wissen zu zeigen. Am Ende des Schuljahres sollte er gerade noch knapp eine 4 in Physik bekommen – wegen mangelnder mündlicher Beteiligung! Bei dieser konkreten Situation konnte man noch einschreiten, es gab ja auch Zeugen für die Aussage des Lehrers, aber bei einer “weichen” Note wie dieser Kopfnote “Leistungsbereitschaft” wird das schwieriger.

Zuverlässigkeit/Sorgfalt: Hochbegabte Kinder, die, wie alle anderen auch, hunderte von Rechenpäckchen zu einer mathematischen Lächerlichkeit schreiben oder wochenlang Lückentexte zu immer demselben sprachlichen “Problem” ausfüllen müssen, werden diese Aufgaben schnell nicht mehr mit der “nötigen” Sorgfalt erledigen, da sie einfach nur noch eine Qual darstellen. Noch eine schlechte Note.

Selbstständigkeit/Verantwortungsbereitschaft: Dabei wird meist verstanden, sich eigenständig im vorgegebenen Rahmen zu bewegen und dort evtl. auch Verantwortung zu übernehmen. Hochbegabte Kinder sprengen diesen Rahmen aber gerne durch Fragen, weitergehende inhaltliche Beiträge oder/und andersartige Arbeitswege. Dies wird dann gerne eher als unangemessen denn als gewünschte Selbstständigkeit bewertet. Notenmäßig zumindest kritisch für diese Kinder.
Dasselbe gilt für die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen: Hochbegabte Kinder sind dazu schon sehr früh in der Lage. Dies aber in einer evtl. dauerhaft als nicht erträglich empfundenen Situation tun zu sollen, kann für sie problematisch sein.

Konfliktverhalten: Ständige Unterforderung führt, vor allem bei Jungen, oft irgendwann zu auffälligem Verhalten im Unterricht. Bekannte Phänomene sind das Spielen des Klassenclowns, aktives Stören des als öde empfundenen Unterrichts und anderes.
Um wieder einmal das, meiner Meinung nach, sehr ausdrucksvolle und sprechende Bild des Schwimmers ins Spiel zu bringen: ein guter Schwimmer, der sich ewig mit Nichtschwimmern im Nichtschwimmerbecken mit Schwimmübungen beschäftigen muss, wird aus Frust und Unterforderung sehr schnell randalieren, andere untertauchen, bespritzen etc. Jeder wird das verstehen und dem Schwimmer die Möglichkeit geben, nach seinen Fähigkeiten trainieren zu können. Von hochbegabten “intellektuellen Schwimmern” aber wird erwartet, sich auf Jahre hin im “geistigen Nichtschwimmerbecken” gut zu benehmen, sich dabei auch noch zurückzuhalten und gute Miene zum öden Spiel zu machen. Das geht oft nicht gut, denn das ist eine Zumutung (die man einem guten Schwimmer definitiv ersparen würde)
Eine schlechte Note in “Konfliktverhalten” ist also häufig vorprogrammiert.

Kooperationsfähigkeit kann ein (hochbegabtes) Kind nur entwickeln, wenn mit ihm auch tatsächlich kooperiert wird, d.h., wenn es ernstgenommen und entsprechend seinen Möglichkeiten in die Pflicht genommen wird. Dann wird es dort kaum Schwierigkeiten geben. Teamarbeit mit Mitschülern, die letztlich mit den Beiträgen des hochbegabten Schülers nicht viel anfangen können, ist nur dann erfolgreich möglich, wenn diesem auch die Möglichkeit gegeben wird, Beiträge zu leisten, die ihm entsprechen. Wenn Kooperationsfähigkeit aber nur bedeutet, dass der/die Hochbegabte sich selbst ständig reduzieren muss, um in der Gruppe irgendwie zu überleben, kann es auch in diesem Notenbereich Probleme geben, weil das auf Dauer nicht auszuhalten ist.

Kopfnoten –
Zurück in die Zukunft?
Oder eher: Vorwärts in die Vergangenheit?

 

100 Jahre Montessori

1907 eröffnete die italienische Ärztin Maria Montessori in einem Armenviertel von Rom ihr erstes »Kinderhaus«.

Die Montessori-Pädagogik ist nicht “Hochbegabtenpädagogik”, zeigt aber in etlichen ihrer Elemente deutlich auf – und das schon seit 100 Jahren! -, wie Leistungsfreude, die Entwicklung sozialer Kompetenzen und auch Erfolg miteinander verbunden werden können.

Montessori beobachtete, “…dass sich Schüler auf eine Sache konzentrieren können, wenn man sie nur lässt. So erfand Montessori die ‘Freiarbeit’. In diesen Stunden können die Kinder selbst entscheiden, welches Wissen sie spielerisch erlernen möchten.” Unterstützung bekommen sie dabei nach dem Motto “Hilf mir, es selbst zu tun.”

Mit den von ihr entwickelten Materialien brachte sie sogar Kindern, die als schwachsinnig und unbeschulbar abqualifiziert worden waren, das Lesen und Schreiben bei.

Studien mit 12jährigen Jugendlichen in Amerika bestätigen zudem nachweisbar, dass die Montessori-Schüler mindestens genauso gut, in einigen Bereichen zudem nachweisbar besser abschnitten als “normal beschulte” Gleichaltrige.

Das Grundgeheimnis dieser Pädagogik ist wiederum – und in diesem Blog
schon zum wiederholten Male benannt: die Wertschätzung der Einmaligkeit
jedes einzelnen Schülers.
Diese lässt Lust am Leben entstehen – und so letztlich auch Lust, zu lernen.

Der Tenor dessen, was Kindern heute immer noch und immer noch wieder vor der Einschulung in die Regelschule gesagt bekommen, geht allerdings diametral in die andere Richtung: “Jetzt ist die Kindheit zu Ende”, “Jetzt beginnt der Ernst des Lebens”, “Jetzt darst du nicht mehr spielen, du musst jetzt still sitzen und lernen” etc. etc.
Hier wird Lernen quasi zur reglementierten, erdrückenden, freudlosen Pflicht, verbunden mit dem ständigen Druck der Möglichkeit, zu versagen.

Ein Klima der generellen Lust am Lernen zu schaffen – an Montessori könnte man sich in diesem Punkt (an etlichen anderen wahrscheinlich auch) sicherlich ein Beispiel nehmen.

 

Es ist überall möglich!

Deutschlands beste Schule liegt im “Nordviertel” Dortmunds. Es ist die Grundschule “Kleine Kielstraße”. 83% der Schüler dort weisen einen Migrationshintergrund auf.

Es ist überall möglich – und das Geheimnis des Erfolges heißt, wie nicht anders zu erwarten: Individualisierung von Unterricht. Ausnahmslos alle Kinder profitieren davon.

Das noch größere Geheimnis des Erfolges: Wertschätzung. Was für ein schönes Wort, was für eine wunderbare Haltung anderen Menschen gegenüber. Eigentlich eine menschliche Selbstverständlichkeit.
Eigentlich.

Gisela Schultebraucks-Burgkart, Leiterin der Grundschule Kleine Kielstraße “Ich freue mich für die exzellente Arbeit in der Nordstadt. Das ist ein schwieriges Umfeld, und das zeigt für mich, dass Qualität von Schule nicht abhängt vom Umfeld, sondern vom Engagement der Lehrerinnen und Lehrer.”

Gerhard Langemeyer, Oberbürgermeister “Diese Schule bekommt hin, was alle fordern: Kein Kind darf zurückbleiben, auch nicht das mit den größten Defiziten. Diese Schule nimmt Leistung ernst, fördert individuell, und es herrscht ein Klima tiefster Wertschätzung gegenüber Schülern.”

Und das geht überall!

 

Loblied der Normalität

Ich kam dann und dann zur Welt, wurde dort und dort erzogen, ging ordentlich zur Schule, bin das und das und heiße so und so und denke nicht viel. Von staateswegen bin ich ein guter Bürger und rangeshalber gehöre ich zur besseren Gesellschaft. Ich bin ein säuberliches, stilles nettes Mitglied der menschlichen Gesellschaft, ein sogenannter guter Bürger, trinke gern mein Glas Bier in aller Vernunft und denke nicht viel. Auf der Hand liegt, dass ich mit Vorliebe gut esse, und ebenso liegt auf der Hand, dass mir Ideen fern liegen. Scharfes Denken liegt mir nämlich fern; Ideen liegen mir vollständig fern, und deshalb bin ich ein guter Bürger, denn ein guter Bürger denkt nicht viel. Ein guter Bürger isst sein Essen… und damit basta! Den Kopf strenge ich nicht sonderlich an, ich überlasse das andern Leuten. Wer den Kopf anstrengt, macht sich verhasst; wer viel denkt, gilt als ungemütlicher Mensch. Schon Julius Cäsar deutete mit dem dicken Finger auf den mageren hohläugigen Cassius, vor dem er sich fürchtete, weil er Ideen bei ihm vermutete. Ein guter Bürger darf nicht Furcht und Verdacht einflößen; vieles Denken ist nicht seine Sache. Wer viel denkt, macht sich unbeliebt, und es ist vollständig überflüssig, sich beliebt zu machen. Schnarchen und Schlafen ist besser als Dichten und Denken. Ich kam dann und dann zur Welt, ging dort und dort zur Schule, lese gelegentlich die und die Zeitung, treibe den und den Beruf, bin so und so alt, scheine ein guter Bürger zu sein und scheine gern gut zu essen. Den Kopf strenge ich nicht sonderlich an, da ich das andern Leuten überlasse. Vieles Kopfzerbrechen ist nicht meine Sache, denn wer viel denkt, dem tut der Kopf weh, und Kopfweh ist vollständig überflüssig. Schlafen und Schnarchen ist besser als Kopfzerbrechen, und ein Glas Bier in aller Vernunft ist weitaus besser als Dichten und Denken. Ideen liegen mir vollständig fern, und den Kopf will ich mir unter keinen Umständen zerbrechen, ich überlasse das leitenden Staatsmännern. Dafür bin ich ja ein guter Bürger, damit ich Ruhe habe, damit ich den Kopf nicht anzustrengen brauche, damit mir Ideen völlig fern liegen und damit ich mich vor zu vielem Denken ängstlich fürchten darf. Vor scharfem Denken habe ich Angst. Wenn ich scharf denke, wird es mir ganz blau und grün vor den Augen. Ich trinke lieber ein gutes Glas Bier und überlasse jedwedes scharfes Denken leitenden Staatslenkern. Staatsmänner können meinetwegen so scharf denken wie sie wollen und so lang, bis ihnen die Köpfe brechen. Mir wird immer ganz blau und grün vor den Augen, wenn ich den Kopf anstrenge, und das ist nicht gut, und deshalb strenge ich den Kopf so wenig wie möglich an und bleibe hübsch kopflos und gedankenlos. Wenn nur leitende Staatsmänner denken, bis es ihnen grün und blau vor den Augen wird und bis ihnen der Kopf zerspringt, so ist alles in Ordnung, und unsereins kann ruhig sein Glas Bier in aller Vernunft trinken, mit Vorliebe gut essen und nachts sanft schlafen und schnarchen, in der Annahme, dass Schnarchen und Schlafen besser seien als Kopfzerbrechen und besser als Dichten und Denken. Wer den Kopf anstrengt, macht sich nur verhasst, und wer Absichten und Meinungen bekundet, gilt als ungemütlicher Mensch, aber ein guter Bürger soll kein ungemütlicher, sondern ein gemütlicher Mensch sein: Ich überlasse in aller Seelenruhe scharfes und kopfzerbrechendes Denken leitenden Staatsmännern, denn unsereins ist ja doch nur ein solides und unbedeutendes Mitglied der menschlichen Gesellschaft und ein sogenannter guter Bürger oder Spießbürger, der gern sein Glas Bier in aller Vernunft trinkt und gern sein möglichst gutes fettes nettes Essen isst und damit basta! Staatsmänner sollen denken, bis sie gestehen, dass es ihnen grün und blau vor den Augen ist und dass sie Kopfweh haben. Ein guter Bürger soll nie Kopfweh haben, vielmehr soll ihm immer sein gutes Glas Bier in aller gesunden Vernunft schmecken, und er soll des Nachts sanft schnarchen und schlafen. Ich heiße so und so, kam darin und dann zur Welt, wurde dort und dort ordentlich und pflichtgemäß in die Schule gejagt, lese gelegentlich die und die Zeitung, bin von Beruf das und das, zähle so und so viele Jahre und verzichte darauf, viel und angestrengt zu denken, weil ich Kopfanstrengung und Kopfzerbrechen mit Vergnügen leitenden und lenkenden Köpfen überlasse, die sich verantwortlich fühlen. Unsereins fühlt weder hinten noch vorn Verantwortung, denn unsereins trinkt sein Glas Bier in aller Vernunft und denkt nicht viel, sondern überlässt dieses sehr eigenartige Vergnügen Köpfen, die die Verantwortung tragen. Ich ging da und da zur Schule, wo ich genötigt wurde, den Kopf anzustrengen, den ich seither nie mehr wieder einigermaßen angestrengt und in Anspruch genommen habe. Geboren bin ich dann und dann, trage den und den Namen, habe keine Verantwortung und bin keineswegs einzig in meiner Art. Glücklicherweise gibt es recht viele, die sich, wie ich, ihr Glas Bier in aller Vernunft schmecken lassen, die ebenso wenig denken und es ebenso wenig lieben, sich den Kopf zu zerbrechen wie ich, die das lieber andern Leuten, z.B. Staatsmännern freudig überlassen. Scharfes Denken liegt mir stillem Mitglied der menschlichen Gesellschaft gänzlich fern und glücklicherweise nicht nur mir, sondern Legionen von solchen, die, wie ich, mit Vorliebe gut essen und nicht viel denken, so und so viele Jahre alt sind, dort und dort erzogen worden sind, säuberliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft sind wie ich und gute Bürger sind wie ich, und denen scharfes Denken ebenso fern liegt wie mir und damit basta!
(Robert Walser, 1917)

Wie las ich letztens:
Ihr lacht über mich, weil ich anders bin als ihr.
Ich lache über euch, weil ihr alle gleich seid.

(Jonathan Davis)

 

Orientierungslos

In der Presse von heute wird ausführlich darüber berichtet, dass immer mehr Kinder und Jugendliche, es ist von einem Fünftel die Rede, unter psychischen Auffälligkeiten leiden.

Junge Menschen sind zunehmend orientierungslos. Sie leiden an Kontaktschwierigkeiten, Ess-Störungen oder Depressionen. Dies konstatieren Psychiater bei der Jahrestagung ihres Berufsverbandes.” Zunehmende Aggressivität, abgebrochene Ausbildungen und Drogenkonsum sind oft die problematische Folge.
Weiter wird berichtet, dass es keine Rollenvorbilder mehr gebe, Kinder und Jugendliche, allein gelassen, sich quasi selbst erziehen müssten, vor allem in der Pubertät keine konstruktive Begleitung mehr existiere, weil Eltern zunehmend Erziehungskompetenz fehle.

Wen wundert’s.

So gut wie jeder Rahmen ist zerbrochen, kein Grund scheint mehr zu tragen – die meisten Menschen fliegen freischwebend ohne Netz und doppelten Boden in einem diffusen “Freiheitsraum” und wissen nicht, wie ihnen geschieht.
Von außen gibt es keine Absicherung, keine verbindlichen Richtlinien, keinen festen Boden mehr – die Menschen, auf sich selbst zurückgeworfen, sind aber nicht in dem Maße gewachsen und gereift, dass sie in sich genügend Stabilität oder wirkliche Maßstäbe hätten, die tragfähig genug wären, mit sich selbst und den Anforderungen des Lebens konstruktiv, befriedigend und sinnfüllend umzugehen.

Nicht nur die Kinder haben zunehmend mit psychischen Problemen zu kämpfen.

– Die traditionellen Religionen spielen fast keine Rolle mehr; in ihrem Bezugssystem bewegt sich kaum noch jemand.
– Rollen(vor)bilder sind bis zur Unkenntlichkeit aufgeweicht: Mutter, Vater, Frau, Mann, Lehrer, Priester, Ärzte, Psychologen, Politiker, Unternehmer – demontieren sich selbst oder werden demontiert. Wer hat da noch eine wirkliche Prägnanz, Präsenz oder gar ein unbestechliches Charisma? Kaum mehr jemand ist wirklich mehr das, was er er ist oder sein sollte.
– Familiensysteme funktionieren nicht mehr wirklich – fast jede 2. Ehe wird geschieden. Alleinerziehende versuchen, sich über Wasser zu halten; “Patchworkfamilien” sind an der Tagesordnung, die nur selten Vertrauen in Dauer rechtfertigen.
– Arbeitnehmer können beruflich nicht mehr langfristig, oft nicht einmal mehr mittelfristig, planen. Die gut ausgebildete “Generation Praktikum” kommt, ausgebeutet und ihrer Zukunftsaussichten beraubt, gar nicht mehr erst zu einer festen beruflichen Basis.
– Die zunehmend verlangte Mobilität schickt den einen hierhin, den anderen dorthin. “Heute hier, morgen dort…”
– Vertrauen in gesellschaftliche und politische Abläufe ist nicht mehr geraten, weil jeder nur noch sich selbst der Nächste zu sein scheint.

Orientierung Fehlanzeige.

Was wird aus diesen Kindern, wenn sie erwachsen sind?

Der Mensch kommt sich selbst abhanden.
Der Verlust der geistig-spirituellen Dimension spielt dabei eine zentrale Rolle.

Psychische und geistige Verelendung, Prekariat – mit unabsehbaren menschlichen Konsequenzen.

 

Lernfreude? – Lebensfreude?

Passend zum gestrigen Beitrag fand ich heute Folgendes, das deutlich zeigt, dass die Zerstörung von Lern- und Leistungsfreude auch die Zerstörung des Entdeckungsdranges der Schüler, der Motivation und letztlich eines positiven, freudigen Lebensgefühls zur Folge hat:

Streber gibt es nicht, sie werden von ihren Mitschülern, ihren Eltern, ihren Lehrern und nicht zuletzt auch der Kultur, in der sie leben, dazu gemacht.

Eine Anekdote
Eine deutsche Familie hält sich für ein halbes Jahr in Kanada auf. Die jugendlichen Kinder (ein Junge, Klasse 10, ein Mädchen, Klasse 6) gehen in die kanadische Schule. Eines Tages kommt der Sohn nach Hause und erzählt, dass die Schüler am besagten Tag ein Essay über ihre Eindrücke von Kanada einreichen mussten, und da hätten doch viele Mitschüler das Deckblatt bunt ausgemalt, hätten alles mit dem Computer erstellt und sich total viel Mühe gegeben, ohne dass es hierzu Anweisungen gegeben hätte. Er habe nur handschriftlich versucht, seine Eindrücke zusammenzufassen und auch kein richtiges Deckblatt gehabt.
Fazit: “Da muss ich mich beim nächsten Mal irgendwie mehr reinhängen.”
Dann nach einem halben Jahr Rückkehr nach Deutschland. Derselbe Sohn hat im Musikunterricht seiner deutschen Schule ein Referat über Bob Marley zu halten. Angebot des Vaters: Du, da habe ich noch Material über Jamaika von meiner Reise dorthin vor 17 Jahren, das könntest Du vielleicht mitnehmen.
Antwort des Sohnes: “Papa, ich bin doch kein Streber…”

Wie kommt es zu diesem Einstellungsunterschied? Was macht Schüler in Deutschland so anfällig für den Strebervorwurf? Anscheinend ist es in unserem Land unter Schülern verpönt, besonders gute Leistungen zu zeigen. Insbesondere zwischen dem Eintritt in die weiterführende Schule und dem Beginn der gymnasialen Oberstufe traktieren sich deutsche Schüler untereinander mit dem Vorwurf des Strebertums.
(Quelle: www.familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Schule/s_1472.html)

 

Lernfreude – Lebensfreude


Gestern wieder ging durch die Medien, dass das Bildungsniveau der Deutschen im Verhältnis zu anderen Staaten noch wieder gesunken sei.

Wen wundert’s.

Bei der jährlichen Lehrlingsauswahl für eine Ausbildung zum Bürokaufmann war ein erschreckendes Erlebnis, dass wirklich von Jahr zu Jahr das Niveau der Anwärter dramatisch sank. Besonders beunruhigend zu beobachten war dabei weniger das tatsächliche Absinken der Noten (bis hin zu schlechten Noten in sonst sicheren Fächern wie Sport, Religion, Kunst), sondern vor allem das Verschwinden an grundsätzlicher Motivation, ja: das Verschwinden an Lebensinteresse. Es existierte dabei kaum ein erwähnenswerter Unterschied zwischen Hauptschülern und Gymnasiasten.
Da gab es keine wirklichen Hobbys mehr, keine Teilnahme an irgendwelchen Aktivitäten, kein (ehrenamtliches) Engagement, keine Vereinszugehörigkeit, keine individuellen Besonderheiten: “Computer, Musikhören” war die Standardangabe zu den Hobbys – und zwar zu fast 100%. Nichts weiter! Da war noch nicht einmal ein emotional trotziges “Null-Bock” zu spüren, sondern nur gähnende, schwarze Öde, Leere.
Eine erschreckende Lethargie bei jungen Menschen, die doch eigentlich gerade erst anfingen, das Leben zu entdecken, aber von vorneherein keine Lust daran zu zeigen schienen, sich im Geben und Nehmen dem offen zuzuwenden, was das Leben an Möglichkeiten für sie bereitstellt.

Alle Reformen, so begrüßenswert sie sein mögen, greifen so lange nicht, wie die Atmosphäre in Schulen, in Elternhäusern – ja überall – nicht lernfreudig, nicht lebensfreudig ist.

Reformen innerhalb eines toten Systems bringen nicht weiter.

“Wann sollen wir das denn alles auch noch machen!”, stöhnen die Lehrer, und sie haben insofern Recht, als sie individuelle Förderung innerhalb des alten Rahmens des in 45 Minuten eingepressten Frontalunterrichtes vor über 30, zum Teil schwierigen, sprach- und/oder verhaltensgestörten, Schülern wirklich nicht leisten können.

Diese starre System ist es, was verändert werden muss. Vor allem im Grundschulbereich hat der Gesetzgeber – jedenfalls in NRW – schon vor etlichen Jahren alle Möglichkeiten dazu eröffnet. Dort geht eine Menge. Es wird nur nicht wirklich genutzt, weil meist der Mut zu Neuem fehlt.

Lehrer, die in Schulen arbeiten, in denen projektabhängige Zeitschienen existieren, in denen Schüler, angeleitet, jahrgangsübergreifend frei an Themen arbeiten und Lernen lernen können, erzählen unisono, dass all dies weniger Arbeit bedeutet, dass mehr Zeit bleibt für die individuelle Beobachtung und Unterstützung der Schüler, dass all dies befriedigender sei für Lehrer und Schüler – und die gesamte Atmosphäre sich gewandelt habe hin zu einem sachbezogenen kommunikativen Miteinander.

Dafür aber sind neue Strukturen nötig, die gar nicht mehr kosten müssen als es die ständige “Reparatur” und Aufrechterhaltung des alten Systems tut, ohne effektiv zu sein.

Lehrer zu sein, bedeutet nicht vordringlich, alles zu wissen und “Stoff” zu vermitteln. Es bedeutet, in Beziehung zu treten, den Schülern dabei zu helfen, lernen zu lernen, leben zu lernen.
Eigentlich: Was für ein wunderbarer Beruf!