Archiv für den August, 2007

Irgendwo und nirgendwo

Unterwegs….

Tatsächlich? Und wohin eigentlich?

Heute war wieder so ein Tag, an dem Unterwegs-Sein etwas Virtuelles an sich zu haben scheint:
Ich habe mich – nicht zum ersten Mal – per Auto hunderte von Kilometern in die eine und dann hunderte Kilometer in die andere Richtung bewegt.
260 Kilometer hin und 260 Kilometer zurück – und wo bin ich gewesen?

In einem Büro.

In einem Büro, das fast so aussieht wie mein eigenes, wenige Kilometer von meiner Wohnung entfernt.
Nach gefahrenen 260 Kilometern habe ich im Innenhof eines großen Gebäudekomplexes geparkt. Dann habe ich drei Stockwerke erklommen, bin zwei lange Gänge entlanggelaufen, habe mich in einem Raum auf einen Stuhl gesetzt, drei Stunden lang an einer Besprechung teilgenommen – und dann das alles rückwärts abgewickelt.
Das war’s.

Das Ganze hatte irgendwie etwas Irreales. Je öfter ich solche Touren mache, desto verrückter kommen sie mir vor. Virtueller.
Wo war ich eigentlich???

Mit Unverständnis reagiere ich auch immer öfter, wenn ich von Urlauben höre, 7 Flugstunden entfernt, 12 Flugstunden entfernt oder wieviel auch immer – und Urlaubsziel ist einmal wieder einer der meist identisch aussehenden Hotelkomplexe an einem Strand mit Swimmingpool und “all inclusive”. Erinnert wird sich nach einem solchen Urlaub später oft nicht an eine Landschaft, an Sehenswürdigkeiten oder spezifische kulturelle Dinge, sondern an Fakten wie: “Das war doch das Hotel, in dem es so oft Nudeln gab” oder “Der Swimmingpool dort hatte eine wirklich tolle Rutsche”. Ob das jetzt in Thailand war oder in Tunesien, hat man dagegen oft schon vergessen

Sinnlose Bewegung.
Bewegung ohne wirkliche Ereignisse.
Bewegung ohne wirkliche Bewegung.

Ach ja, ich war heute übrigens in Darmstadt. Oder war es Frankfurt? Oder vielleicht …?

 

Deutliche Worte

“Kleinere Klassen! Mehr Lehrer!”: Gut gefallen hat mir heute ein Interview der WAZ mit Hans Schippmann, Vorsitzender des Schulausschusses in Essen und Direktor eines Gymnasiums.
Schippmann nimmt kein Blatt vor den Mund, auch nicht gegenüber der Politik seiner eigenen Partei, bedauert den Mangel an Schulhausmeistern und -Sekretärinnen und wettert gegen “Lackaffen in Nadelstreifen”.
Sein unkomplizierter Pragmatismus gefällt mir immer noch: Vor vielen Jahren war Hans Schippman einer meiner Deutsch-Fachlehrer in meiner Referendariatsausbildung… Von hier aus also ein freundliches “Hallo!”

 

Quod erat demonstrandum

Jetzt ist es Gott sei Dank an einer Schule in Bayern bewiesen worden:
Weniger Stunden, weniger Stofffülle, freierer Umgang mit den Lerninhalten – dabei deutlich bessere Noten als “normal” beschulte Schüler bei identischen (!) Abituraufgaben.

Das “Geheimnis”: kleinere Klassen, freierer, kreativer Umgang mit dem Lehrplan, dabei deutlicher Schwerpunkt auf Kernkompetenzen in den Hauptfächern. Voilá!

Es ist tatsächlich das Grundproblem des Bildungswesens, vor allem, wenn es um das Abitur nach 12 Jahren geht, rein von der Quantität her zu denken in der Panik, jetzt unendlich viel Lernstoff in viel kürzere Zeit packen zu müssen.

Was aber ist schon Masse? Oft nur eine Menge Zeugs!
Qualität muss her!!!
 
Wenn man etwas mehr in Qualität investierte, ein bisschen weniger alles kontrollierte und festlegte, könnte man die Quantität reduzieren, hätte bessere Ergebnisse – und billiger wär’s letztlich auch noch.

Es geht: Gutes Abi mit weniger Unterricht!

Man lese in der SZ – und nehme sich ein Beispiel an Herrn Weinzierl vom Münchner Gisela-Gymnasium, dem ich einen langen Atem wünsche.

 

Dramatische Zuspitzung 3

Das wahre Leben bringt sie in Serie, die Zuspitzungen:
In einer großen Ruhrgebietsstadt rief die Mutter eines wiederum akut psychisch gefährdeten Kindes wiederum den psychologischen Dienst ihrer Stadt an.
Sie bekam die Antwort, man könne weder ihr noch dem Kind helfen und gab ihr – die Telefonnummer der ehrenamtlichen (!) Beraterin der DGhK dieser Stadt.

 

Dramatische Zuspitzung 2

Wenn jemand bei meinem letzten Blog-Eintrag geglaubt haben sollte, dass ich nun doch übertreibe – hier prompt die Zuspitzung der Zuspitzung:
Eine Mutter rief bei einem städtischen psychologischen Dienst an, in Panik, eben weil ihre Tochter akut (!) suizidgefährdet war und sie als Mutter sich absolut überfordert fühlte und nicht mehr weiter wusste.
Die Reaktion der Angestellten dieses Dienstes: “Rufen Sie in drei Tagen wieder an!”

Eine gute Idee.

 

Dramatische Zuspitzung

In den letzten Monaten erlebe ich zunehmend im Kontakt mit hochbegabten Kindern und ihren Eltern, dass es wohl immer schwieriger wird, mit Problemen der Hochbegabung in therapeutischen Einrichtungen bzw. städtischen Ämtern gehört oder gar ernstgenommen zu werden und einen Termin zu bekommen.

Die psychische Belastung eines Teils der Bevölkerung muss so elementar dramatisch geworden sein, dass das Personal von Psychologen / Psychotherapeuten etc. bzw. die Angestellten in Ämtern nicht selten in Hohngelächter ausbrechen, wenn man nach einem Termin fragt. Häufig taucht dann die Frage auf: “Ist es dringend?” Wenn diese Frage bejaht wird, weil die psychische Situation des Kindes durchaus nach Hilfe schreit, dann wird weiter nachgefragt: “Ist das Kind suizidgefährdet?” Auf die Antwort “Nein, das nicht.”, ertönt dann ein hässliches Lachen gepaart mit dem Kommentar: “Dann ist es auch nicht dringend! Was glauben Sie, was hier los ist?!”

In meiner Ohren klingt das nach nach einer gefährlichen Verrohung des
Sprechstundenpersonals bzw. der Angestellten in den Ämtern. Wahrscheinlich ist diese ausgelöst durch Überforderung in Anbetracht des Kontaktes mit so vielen Menschen in psychischen Ausnahmesituationen – was das Ganze allerdings nicht erträglicher macht.

 

Die Zusammenlegung von Schulformen …

… wird notwendig. Und zwar bundesweit.
Warum nicht so, wie Klaus Hurrelmann, Leiter der Shell-Jugendstudien, in diesem Artikel der SZ vorschlägt…

 

Heigeratet

Ich bin bekennender Fan der wöchentlichen Kolumne von Axel Hacke im SZ-Magazin “Das Beste aus meinem Leben”.

In dieser Woche besonders schön ist die Kontrastierung der Ergebnisse der Lernforschung von Manfred Spitzer – bezogen auf das Lernen und die Anwendung grammatikalischer Prinzipien – mit der konkret aktuellen Sprachentwicklung von Hackes kleiner Tochter Sophie.
Ich bin viel Spaß habt und lacht :-) .

 

Die Selber-Lerner

WOW! Das nenne ich Initiative und Lust am Lernen:
In Freiburg haben sich 12 Schüler/innen der Jahrgangsstufe 12 von ihrer Schule abgemeldet und wollen ihren weiteren Lernweg bis zum Abitur selbst organisieren: motivierte Lehrer als Lernbegleiter sollen engagiert werden zur Lernkontrolle. Die Schüler/innen wollen an sechs Tagen in der Woche je sieben Stunden arbeiten.
Die zuständige Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg hat übrigens sofort grünes Licht für diesen unkonventionellen Weg gegeben. Schau an!

Auch von hier aus: Alles Gute!

Mehr dazu in der SZ.

 

Richtige Richtung – falsche Richtung

Die Lehrerausbildung in NRW soll neu ausgerichtet werden. Die Westdeutsche Zeitung berichtet heute darüber.

Die Entscheidung darüber, wie sie denn nun sein soll, die neue Lehrerausbildung, verzögert sich noch; die Landesregierung ringt noch um den richtigen Weg. Das finde ich, ehrlich gesagt, nicht unsympathisch, denn es geht nicht um Schnellschüsse, um Aktionismus, sondern um eine langfristig angelegte Veränderung, die auf dem Weg der Lehrerausbildung letztlich ja Rückwirkungen auf das gesamte Schulsystem haben wird.

Im Grunde wird sich in der neuen Lehrerausbildung eine Bewusstseinsveränderung manifestieren, denn die Richtung, in die das Ganze gehen soll, nimmt doch Bedürfnisse, Notwendigkeiten und Umgebungsvariablen in Bezug auf die Kinder ganz neu und individueller als bisher in den Blick. Deswegen ist Sorgfalt nicht die schlechteste Haltung in Bezug auf eine Entscheidung hin auf die fällige Neuorientierung.

Vielleicht bleibt uns dann ein Schuss in die falsche Richtung erspart, wie sie der nun wieder mögliche regelmäßige Samstagsunterricht in NRW meiner Meinung nach darstellt.

Samstagsunterricht hat unabsehbaren Konsequenzen auf das Familienleben, und die sind heutzutage noch viel schlimmer als früher: immer mehr Alleinerziehende müssen ihre Kinder hin- und herfahren, Eltern sind sehr häufig beide berufstätig und die gemeinsame Zeit ist daher eh’ extrem reduziert etc. Außerdem finden viele Förderangebote, vor allem auch für Hochbegabte, am Wochenende statt. Die Möglichkeit, solche Termine wahrzunehmen und zumindest ab und an mit “Gleichgestrickten” Dinge zusammen machen zu können, entfiele – oft die einzigen “Fluchten” aus dem langweiligen Schuleinerlei für Hochbegabte.

Ich habe früher selbst noch Samstagsunterricht erlebt – als Schülerin und auch als Lehrerin:  Samstagsunterricht ist enorm lästig – und außerdem: Er bringt wirklich nicht viel. Ich wage zu behaupten, dass eine Stunde mehr nachmittags in der Woche immer noch effektiver ist als die Samstagsquälerei.

Die Einführung des Samstagsunterichts halte ich für ein falsch gesetztes Signal. Vielleicht wurde noch nicht richtig verstanden, dass die Tatsache, dass das Abitur jetzt nach 8 statt bisher 9 Jahren gemacht wird, nicht bedeutet, den Lernstoff des eingesparten Jahres in die gebliebene Zeit quetschen zu müssen.
Lehrpläne müssen endlich entschlackt und modernisiert werden – ein Stück weit weg von Faktenlernen und Klein-Klein. Dann kommt man auch mit einer vernünftigen Stundenzahl hin – ohne Samstagsunterricht.