Archiv für den November, 2006

Deko – Schein statt Sein

Unterwegs im Blumencenter:

Es sollte nur ein kleiner Blumenstrauß anlässlich eines Besuches werden, als ich einen großen Blumenmarkt betrat und mich umschaute.

Der Eingang zu einem Weihnachtsmarkt lockte einladend.

Ich folgte dem “Ruf” – und war völlig perplex angesichts dessen, was mich dort erwartete. Ich muss zugeben, so etwas hatte ich wirklich bisher noch nicht erlebt:
Die Ausmaße des Angebotes und der Raumdimensionen für diesen Weihnachtsmarkt übertraf alles, was ich jemals gesehen hatte; man hatte wohl für diesen Zweck mit Fertigbauteilen flugs angebaut.
Ich schlenderte durch Riesenräume – ein jeder ausgestattet nur mit Dingen einer einzigen Farbe. Weihnachtsrausch in Rot, Blau, Silber, Gold, Orange, Violett, sogar in Grün und Braun und Schwarz. Jeder Winkel der Räume war genutzt, selbst die Decken: Ungeheure Mengen von durchaus reizvollen, ja schönen und ungewöhnlichen Dekorationsartikeln, blinkende Lichter überall, weihnachtliche Musik und betörende Gerüche nach Zimt, Tanne und Lebkuchen.
Oberfläche, alles und noch viel mehr für die glanzvolle Oberfläche – eine alle Sinne überfordernde Explosion an Reizen, ein berauschendes Gesamtkunstwerk, ein ungeheures Konsum-Oratorium.

Ich ging durch die Räume mit offenem Mund wie ein staunendes Kind.

Überfülle an Deko statt Fülle des Lebens, statt Intensität der Erwartung.
Je weniger Sein, desto mehr Schein.
Warten? Erwartung?
Hier war kein Platz mehr für Erwartung.
What you see is what you get.
Advent und Weihnachten als Anlass für eine Dekorations-Orgie.
Tod des Gemeinten unter den Menschen…

Aber:
Unberührt davon bleibt das Geheimnis. Das Geheimnis der Heiligen Nacht, das sich jedem offenbart, der sich bereit und in Stille nähert und öffnet. Zeitlos. Gestern, heute und immerdar.

“… und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.
In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.
Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.”

 

Entwarnung

Simon, der hochbegabte Junge, der grundlos auf dem Schulhof mit dem Kopf auf den Betonboden geknallt wurde, hat sich mittlerweile ganz gut erholt.

Die Ausfallerscheinungen haben fast aufgehört, seine Amnesie ist Vergangenheit. Allerdings hat sich auch ein Heer von Spezialisten (Neurochirurgen etc.) seiner angenommen.

Dass er sich erholen würde, musste zwischenzeitlich ernsthaft bezweifelt werden.

Simon hat Glück im Unglück gehabt.

 

Memento

Heute früh:

Tief im feuchten, in der Kälte schon blau-grün scheinenden Gras,
inmitten der Buntheit von in betörender Schönheit vergehender Blätter:
Erdbeeren – Mengen von runden, kleinen, reifen, leuchtend roten Walderbeeren, schimmernd im Tau.

Was auch immer dagegen anzuführen sein mag:

Das Leben ist eine Herrlichkeit!

 

Im Verein

Wenn viele Menschen guten Willens, die sich einst zusammengeschlossen haben, um sich gemeinsam und stark für ein wirklich menschenfreundliches Ziel einzusetzen – ehrenamtlich und mit viel Engagement über viele Jahre hinweg und sogar erfolgreich … dann sollte man doch annehmen, dass, wenn diese Menschen für ein ganzes Wochenende zusammentreffen, um die gemeinsame Sache voranzutreiben, dies ein Grund zu ungetrübter Freude sei.

Mitnichten, so muss man immer wieder voller Staunen feststellen.

Mitnichten.

Das Mitglied

In mein’ Verein bin ich hineingetreten,
weil mich ein alter Freund darum gebeten, ich war allein.
Jetzt bin ich Mitglied, Kamerad, Kollege –
das kleine Band, das ich ins Knopfloch lege, ist der Verein.
Wir haben einen Vorstandspräsidenten
und einen Kassenwart und Referenten und obendrein
den mächtigen Krach der oppositionellen
Minorität, doch die wird glatt zerschellen
in mein’ Verein.

Ich bin Verwaltungsbeirat seit drei Wochen.
Ich will ja nicht auf meine Würde pochen –
ich bild mir gar nichts ein …
Und doch ist das Gefühl so schön, zu wissen:
sie können mich ja gar nicht missen in mein’ Verein.
Da draußen bin ich nur ein armes Luder.
Hier bin ich ich – und Mann und Bundesbruder
in vollen Reihn.
Hoch über uns, da schweben die Statuten.
Die Abendstunden schwinden wie Minuten
in mein’ Verein.

In mein’ Verein werd ich erst richtig munter.
Auf die, wo nicht drin sind, seh ich hinunter
was kann mit denen sein?
Stolz weht die Fahne, die wir mutig tragen.
Auf mich könn’ Sie ja ruhig »Ochse« sagen,
da werd ich mich bestimmt nicht erst verteidigen.
Doch wenn Sie mich als Mitglied so beleidigen … !
Dann steigt mein deutscher Gruppenstolz!
Hoch Stolze-Schrey! Freiheil! Gut Holz!
Hier lebe ich.
Und will auch einst begraben sein
in mein’ Verein.

Theobald Tiger (Kurt Tucholski), Die Weltbühne, 1926

 

Orientierungslos

In der Presse von heute wird ausführlich darüber berichtet, dass immer mehr Kinder und Jugendliche, es ist von einem Fünftel die Rede, unter psychischen Auffälligkeiten leiden.

Junge Menschen sind zunehmend orientierungslos. Sie leiden an Kontaktschwierigkeiten, Ess-Störungen oder Depressionen. Dies konstatieren Psychiater bei der Jahrestagung ihres Berufsverbandes.” Zunehmende Aggressivität, abgebrochene Ausbildungen und Drogenkonsum sind oft die problematische Folge.
Weiter wird berichtet, dass es keine Rollenvorbilder mehr gebe, Kinder und Jugendliche, allein gelassen, sich quasi selbst erziehen müssten, vor allem in der Pubertät keine konstruktive Begleitung mehr existiere, weil Eltern zunehmend Erziehungskompetenz fehle.

Wen wundert’s.

So gut wie jeder Rahmen ist zerbrochen, kein Grund scheint mehr zu tragen – die meisten Menschen fliegen freischwebend ohne Netz und doppelten Boden in einem diffusen “Freiheitsraum” und wissen nicht, wie ihnen geschieht.
Von außen gibt es keine Absicherung, keine verbindlichen Richtlinien, keinen festen Boden mehr – die Menschen, auf sich selbst zurückgeworfen, sind aber nicht in dem Maße gewachsen und gereift, dass sie in sich genügend Stabilität oder wirkliche Maßstäbe hätten, die tragfähig genug wären, mit sich selbst und den Anforderungen des Lebens konstruktiv, befriedigend und sinnfüllend umzugehen.

Nicht nur die Kinder haben zunehmend mit psychischen Problemen zu kämpfen.

– Die traditionellen Religionen spielen fast keine Rolle mehr; in ihrem Bezugssystem bewegt sich kaum noch jemand.
– Rollen(vor)bilder sind bis zur Unkenntlichkeit aufgeweicht: Mutter, Vater, Frau, Mann, Lehrer, Priester, Ärzte, Psychologen, Politiker, Unternehmer – demontieren sich selbst oder werden demontiert. Wer hat da noch eine wirkliche Prägnanz, Präsenz oder gar ein unbestechliches Charisma? Kaum mehr jemand ist wirklich mehr das, was er er ist oder sein sollte.
– Familiensysteme funktionieren nicht mehr wirklich – fast jede 2. Ehe wird geschieden. Alleinerziehende versuchen, sich über Wasser zu halten; “Patchworkfamilien” sind an der Tagesordnung, die nur selten Vertrauen in Dauer rechtfertigen.
– Arbeitnehmer können beruflich nicht mehr langfristig, oft nicht einmal mehr mittelfristig, planen. Die gut ausgebildete “Generation Praktikum” kommt, ausgebeutet und ihrer Zukunftsaussichten beraubt, gar nicht mehr erst zu einer festen beruflichen Basis.
– Die zunehmend verlangte Mobilität schickt den einen hierhin, den anderen dorthin. “Heute hier, morgen dort…”
– Vertrauen in gesellschaftliche und politische Abläufe ist nicht mehr geraten, weil jeder nur noch sich selbst der Nächste zu sein scheint.

Orientierung Fehlanzeige.

Was wird aus diesen Kindern, wenn sie erwachsen sind?

Der Mensch kommt sich selbst abhanden.
Der Verlust der geistig-spirituellen Dimension spielt dabei eine zentrale Rolle.

Psychische und geistige Verelendung, Prekariat – mit unabsehbaren menschlichen Konsequenzen.

 

Alter und Beginn

“Jetzt ist es soweit!”, dachte ich letztens, als ich in einer der großen Elektronikketten im CD-Bereich “Indipendent” nach einer meiner Lieblingsgruppen schaute.
“Sie haben sich doch sicher verlaufen. Kann ich Ihnen helfen?”, fragte mich einer der Verkäufer, ein netter gepiercter Youngster, freundlich.
Ich verstand: Ich war die falsche Zielgruppe für die CDs im Indie-Regal, vor dem ich stand. Er wollte mich alte Frau sicherlich zu den deutschen Schlagern führen oder zu dem volksdümmlichen Zeug, zu dem Millionen im Takt klatschen.
Sehr fürsorglich! Ich blieb freundlich; er konnte nichts dazu.

Nein, verflixt, ich habe mich nicht verlaufen. Ich liebe “Nightwish” und noch alles mögliche andere, auch natürlich Klassik und Besinnliches, und immer wieder auch noch etwas Neues. Und auch Lautes und Kreatives.
Und ich bin trotzdem 50 und finde das völlig in Ordnung.

Was heißt das überhaupt, Alter?

Einerseits will es niemand haben.
Andererseits gibt es eine immer gigantischere und mittlerweile unüberschaubare Industrie, die mich und meinesgleichen über 50 davon überzeugen will, dass es sich lohne, unendlich viel Geld in unendlich überflüssige Kosmetika, Nahrungsergänzungsmittel, Operationen, “Aktivreisen”, Rheumadecken und Vergnügungsartikel zu stecken, weil das alles zu einem “erfüllten Alter” gehöre.

Alt werden?
“Erfülltes Alter”?
Früher einmal hieß das auch: Reifen. Weise werden.

Heute scheint es damit schlecht bestellt.

Immer häufiger erlebe ich Menschen meines Altersbereiches, gesund, aktiv, berufstätig, in der ganzen Welt herumreisend und sich vergnügend, als psychisch und geistig konservierte, eingefrorene Ausgaben ihrer selbst vor 20 Jahren.
Immer dieselben Sprüche, immer dieselben Meinungen, immer dieselben Abfolgen der immer selben Handlungsstränge.
Sich verselbstständigt habende Rituale.
Begleitet von immer derselben Musik vergangener Jugendzeiten.
“Oldies”.

Ist das nicht traurig?
Da ist oft keine Bewegung mehr. Keine Veränderung. Kein Wandel. Keine Entwicklung. Kein Reifen.

Viele Menschen werden nur noch alt; sie reifen nicht mehr.

Dabei ist dies die wunderbare Möglichkeit des Menschen:
“Die Geburt ist nicht ein augenblickliches Ereignis, sondern ein dauernder Vorgang. Das Ziel des Lebens ist es, ganz geboren zu werden, und seine Tragödie, dass die meisten von uns sterben, bevor sie ganz geboren sind. Zu leben bedeutet, jede Minute geboren zu werden. Der Tod tritt ein, wenn die Geburt aufhört.”
(Zen-Buddhismus und Psychoanalyse”, Suhrkamp Tb)

Ich will alt werden! Geboren werden in jedem Moment. Jedes Einatmen, jedes Ausatmen: frisch, neu – wie nie.
Immer neues Leben von Atemzug zu Atemzug. Immer wieder Leben. Neues, unverbrauchtes Leben, weil es Leben JETZT ist, unschuldig neugeboren, unendlich.
Immerwährender Beginn.
Und wunderbar.

Fast zu bekannt, dieses Gedicht von Hermann Hesse, so oft gelesen, so oft vergessen – und so schön, so wahr:

Stufen

Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and’re, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten!
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt,
so droht Erschlaffen!
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewohnheit sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden:
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom

Nachdem es in der Öffentlichkeit in der letzten Zeit viel über die Vernachlässigung und Misshandlung oder gar Tötung von Kindern in eher “prekärer Situation” zu hören und lesen gab, möchte ich an dieser Stelle das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom vorstellen, eine Form der Kindesmisshandlung, die eher von äußerst besorgt und engagiert erscheinenden Müttern ausgeht.

Das Stellvertreter-Syndrom ist die erweiterte Form des Münchhausen-Syndroms, einer Selbstschädigung durch Manipulation am eigenen Körper, die ihren Namen vom Lügenbaron Münchhausen ableitet. Durch Überdosierung von Medikamenten, Einreiben von Schmutz oder Säuren in selbstzugefügten Wunden, um Abzesse zu schaffen, Manipulation an Gelenken, Urin, Blutwerten etc. wird ein Krankheitsbild erzeugt, das zumindest ärztliche, wenn nicht gar klinische Betreuung bis hin zu Operationen notwendig werden lässt. Der Krankheitsgewinn liegt in der Aufmerksamkeit, die dem zum Patienten Gewordenen zuteil wird.

Beim Stellvertreter-Syndrom nun werden die Manipulationen nicht am eigenen, sondern am Körper des Kindes vorgenommen. Täterinnen sind fast zu 100% Mütter, die zudem besonders fürsorglich erscheinen und nicht vom Krankenbett des Kindes weichen, wobei die Symptome des Kindes meist aufrechterhalten werden und es nicht wirklich zur Genesung kommt.

Für die Mütter ist die Aufmerksamkeit und das Mitgefühl, das sie für ein so krankes Kind bekommen – oder auch die lobende Anerkennung für ihre aufopferungsvolle Pflege des Kindes – der eigentliche Gewinn.
Vermutlich sind diese Mütter aus egoistisch/symbiotischen Gründen auch daran interessiert, das Kind durch Vorspiegelung einer Krankheit in einer extremen Abhängigkeit an sich zu binden, d.h. das Kind “aus Krankheitsgründen”, weil es “zu krank und zu schwach” sei, nicht in den Kindergarten zu schicken, nicht mit anderen spielen zu lassen etc.

“Solche Mütter erscheinen – nach außen – erst einmal besonders fürsorglich und besorgt. In Wirklichkeit liegt hier eine krankhafte Identifikation vor, also eine in gemütsmäßiger Hinsicht krankhafte Gleichsetzung mit einer anderen Person: in diesem Fall zwischen jemand mit Münchhausen-Syndrom, der dieses Leiden auch noch auf sein Kind überträgt. Dabei fällt zuerst einmal die überaus enge Beziehung zwischen beiden auf. Und dann der sonderbare Umstand, dass dieses Kind selbst schmerzhafte Eingriffe geduldig über sich ergehen lässt, wenn sie von der Mutter in die Wege geleitet wurden.
T
atsächlich “gewinnen” dabei nur die Mütter, falls man überhaupt von einem “Krankheits-Gewinn” sprechen kann. Sie scheinen durch diese Manipulationen an ihrem Kind eigene schwere seelische Krisen abwehren zu können. Und wenn dies durch eine aufgeschreckte Umgebung verhindert wird, dann geraten sie in eine ernste seelische Krise, d. h. dekompensieren psychotisch oder legen sogar Hand an sich.
Hier zeigt sich dann deutlich, dass zwischen fremd-aggressiven (d. h. zu Lasten des eigenen Kindes) und selbst-aggressiven Regungen bzw. Handlungen mitunter kaum ein Unterschied besteht, bzw. das eine rasch ins andere umkippen kann.
Dazu trägt vor allem das erwähnte Phänomen bei, dass bei solchen Müttern das Kind nicht als eigenes Individuum, sondern als ein Teil des eigenen Lebens und der eigenen Person empfunden und entsprechend behandelt wird. Will sich also die Mutter psychologisch durch Selbstmanipulationen entlasten, kann sie das beim erweiterten Münchhausen-Syndrom auch dadurch, dass sie ihr Kind in nutzlose medizinische Manipulationen schickt. Und wird ihr das verwehrt, so ist ihr damit eine Art “selbst-therapeutische Behandlungsschiene” genommen, und sie gerät in eine schwere psychische Notsituation.” (Quelle:
http://www.psychosoziale-gesundheit.net/seele/muenchhausen.html)

 

Ersatzhandlung? – Pilgern als Trend

Nachdem uns auch noch Hape Kerkeling mit seinen Erfahrungen als Pilger auf dem Jakobsweg beglückt hat, gibt es kein Halten mehr: Allenthalben wird gepilgert, am liebsten nach Santiago de Compostela.

Motivation, sich in den Pilgerstrom einzureihen, ist häufig eine eher vage Sehnsucht nach Selbsterfahrung oder irgendeiner Art von religiösem Erleben und nach Begegnung mit anderen Wanderern, immer häufiger jedoch auch das Bedürfnis, Anteil zu haben an einer IN-Strömung dieser Zeit. Selbst auf Tupper-Partys und gemütlichen Spätsommer-Grillabenden wird mit einem wohligen Seufzen dem Wunsch Ausdruck gegeben, einmal den Jakobsweg zu gehen, zumindest ein kleines Stückchen.

Nach den Happenings bei den Papstbesuchen der letzten Jahre zeichnet sich hier ein weiterer Trend ab, der natürlich zwar grundsätzlich wirkliches spirituelles Potenzial beinhaltet und fruchtbar werden lassen kann. Im Pilgern als Event, das man sich quasi als Alternativurlaub gönnt, wird jedoch kaum eine bleibende bereichernde und verändernde innere Entwicklung zu finden sein.

Es gibt keinen Automatismus, der einen jeden, der ein paar Schritte gen Santiago de Compostela tut, mit erleuchtenden Einsichten und spiritueller Kraft erfüllt.

Dazu ist ein anderer Weg notwendig.

Natürlich kann ein Pilgern nach Santiago de Compostela Teil eines solchen Weges sein.
Für den einen oder anderen ist pilgerndes Wandern der Weg.
Diesen Weg gehen, das kann man aber auch zu Hause.

Was daran hindert und so das Laufen durch Spanien attraktiver erscheinen lässt als einen Weg treuer, spiritueller “Alltagsarbeit”, das kommt in folgendem Witz punktgenau zum Ausdruck:

Sagt der Hans zum Franz: “Mein Leben ist so unbefriedigend!
Sagt der Franz zum Hans: “Dann musst Du halt in dich gehen!
Sagt der Hans zum Franz: “Das ist mir zu weit!

Dag Hammarskjöld: “Die längste Reise ist die Reise nach innen.”

Das ist so.

 

Freiheit, die ich meine

Ich vermute, dass das Wort Freiheit einer der missbrauchtesten Begriffe überhaupt ist.

Das Missverständnis, das zu diesem bedauernswerten Effekt geführt hat, besteht sicherlich darin, Freiheit quasi gleichzusetzen mit einem generellen, individuellen oder kollektiven Anspruch im Sinne von: “Recht auf…. “, bzw. “Freiheit in meinem Sinne“.

Eine Selbstverständlichkeit ist in diesem Zusammenhang dann gleichzeitig das Recht, dieses Recht, diese Freiheit auch vehement durchzusetzen und gegen die Interessen anderer zu verteidigen, oft gleichgültig, ob diese berechtigt sind oder nicht.

Am deutlichsten zeigt sich dieser Missbrauch seit geraumer Zeit in der oft bis zum absolut Irrationalen verteidigten Meinungsfreiheit.

Jeder hat das Recht, zu jeder Zeit, an jedem Ort, alles zu sagen, zu berichten, zu veröffentlichen.
Ohne Grenzen.
Gnadenlos.

Verstanden als Freibrief zur lückenlosen Veröffentlichung der absurdesten, intimsten, kontroversesten, brisantesten Details eines jeden Winkels eines jeden Themas, einer jeden Person, ohne Skrupel, ohne Rücksichtnahme auf egal was, wird die Meinungsfreiheit pervertiert und degradiert zu einem Instrument zur Umsetzung von Ego-Interessen der am Ergebnis Verdienenden, gleich ob dieser Gewinn im Geldwert, in der Manipulation von Meinungen, im politischen Aufruhr, in der Selbstprofilierung oder im Gewinnen von öffentlich geführten Wettbewerbs- oder Machtkämpfen etc. zu finden ist.

Jeder Einwand, jede noch so zaghafte Begrenzung der hemmungslosen Veröffentlichungs- und Öffentlichkeitsucht wird mit der Waffe des Argumentes, dass in unserer Demokratie die Öffentlichkeit ja ein Recht auf totale Information habe und dass es deshalb geradezu ein Pflicht sei, alles aufzudecken und zu verbreiten, lautstark niedergestreckt.

Im Magazin der Süddeutschen Zeitung ist nun ein Artikel zu finden, der genau diesem Sachverhalt auf persönliche und streitbare Weise nachgeht.

Zitat: “Ich bin nämlich zu dem Schluss gekommen, dass Meinungsfreiheit durchaus auch die Freiheit ist, manchmal den Mund zu halten. Und etwas – selbst für den Fall, dass es absolut wahr sein sollte – nicht zu sagen.”

“Zucht des Herzens” ist auch einer der bedenkenswerten Begriffe dieses Artikels, auf den ich an dieser Stelle neugierig machen möchte.