Startseite

Tabu Hochbegabung in der Familie

Zu den Beratungsgesprächen mit Eltern hochbegabter Kinder, die am längsten in mir nachhallen, gehören die Gespräche, in denen ich irgendwann eindeutig Witterung der Spur eines Phänomens aufnehme und verfolge, das für mich zu den verstörendsten und zerstörendsten von (Familien-) Beziehungssystemen gehört: Das ist das Tabu.

Es gab und gibt diese Gespräche immer wieder, in denen sich nicht die Hochbegabung an sich als “des Pudels Kern” der Problematik eines Kindes erweist, sondern das Tabu, dem die Hochbegabung innerhalb der Familie unterliegt – aller Aufklärung und Diskussion zum Thema zum Trotz. Gerade im letzten Monat musste ich wieder zwei solcher Gespräche erleben.

So gut wie immer sind es in diesen Fällen meiner Erfahrung nach die Mütter, die das Tabu errichten, aufrechterhalten, bewachen und gegen jedes Anrühren vehement schützen und abschotten.
Fast immer sind die Kinder, um die es dabei geht, Mädchen, schon älter, oft in der Pubertät. Viele dieser Kinder/Jugendlichen haben schon einschlägige psychiatrische Diagnosen, sie haben oft bereits mehrere Therapien und z.T. auch Aufenthalte in kinderpsychiatrischen Kliniken hinter sich, nehmen Antidepressiva oder andere Medikamente – und all das, ohne dass sich je irgend etwas an ihren Problemen zum Guten verändert hätte. Alles wurde immer nur noch schlimmer und schlimmer.

Es wurde immer an der falschen Stelle gesucht.
Und das mit System.
Weil alles an (Krankheits-) Diagnosen sein durfte – nur Hochbegabung nicht.

Wenn dann irgendwann gar nichts mehr geht, das Kind endgültig unterzugehen droht und das Klima in der Familie einen Grad der Unerträglichkeit erreicht hat, der wirklich nicht mehr weiter auszuhalten ist – dann, erst dann, wenn überhaupt, dann dann -, greift die Mutter – und es ist IMMER die Mutter – zum Telefon und fragt zögerlich, ob ihr Kind nicht vielleicht hochbegabt sein könne – oder sagt, sehr erstaunt, dass ein Test jetzt unvorstellbarerweise eine Hochbegabung ergeben habe und das könne doch wohl gar nicht sein. Und nein, man habe vorher wirklich noch nie einen Verdacht in diese Richtung gehabt …
Das spätestens ist der Moment, in dem ich hellhörig werde …

Was ich in diesen Fällen dann erzählt bekomme, gehört in den “ersten Kreis der Hölle”. Alles ist katastrophal verfahren, das Kind in einer desaströsen psychischen Verfassung, schulisch alles gegen alle Wände gefahren, das Familienleben am Ende, die Therapeuten ratlos.
Kein Ausweg nirgends.

Ich beginne, nachzuhaken: Ja, das Mädchen sei immer schon sehr aufgeweckt gewesen, darauf habe auch der Kinderarzt hingewiesen, habe sehr früh sehr gut gesprochen, sei an allem interessiert gewesen, habe vor der Schule, was man zu verhindern versucht habe, schon lesen und rechnen gekonnt, habe immer über Langeweile im Unterricht geklagt, keine Freunde gehabt, höchstens viel ältere und das habe man als Mutter dann unterbunden, habe sich falsch gefühlt, über Selbstmord gesprochen … Aber es habe sich nie jemand etwas dabei gedacht!

Dieser Satz kommt in diesen Fällen irgendwann IMMER: “Ich habe mir nie etwas dabei gedacht!” Und danach auch – in Variation: “Naja, Schule ist ja auch oft langweilig, da muss man sich eben zusammenreißen”, “Es ist doch normal, auch mal down zu sein”, “Freunde zu haben, ist eben nicht einfach, Einsamkeit ist doch irgendwie einfach normal.”, “Naja, jeder fühlt sich doch mal falsch oder schlecht oder allein.”, “Sich falsch und fremd fühlen, was soll’s?”, “Die anderen, die sind eben alle anders, da muss man mit leben und sich anpassen.” – und solche Aussagen mehr.

Es ist dann – IMMER – ein einziger Satz, im rechten Moment in die Welt gesetzt, der den Eispanzer aufsprengt: “Sie scheinen das ja alles selbst sehr gut zu kennen!”
Die Antwort darauf – oft nach einem langen Moment des Schweigens – ist auch IMMER:
“Ja, Sie haben Recht, und ich habe schrecklich darunter gelitten und aus mir ist ja auch gar nichts Vernünftiges geworden – und deshalb wollte ich meiner Tochter unter allen Umständen all das ersparen!”

Voilà!

Schweigen.
Tiefes Atmen.
Das ist der Moment der Krisis, von dem aus die Mütter – oft zum erstenmal in ihrem Leben – tastende Schritte in ein bisher vermintes Gelände wagen.

Was kann ich dazu noch schreiben, was nicht offensichtlich ist …

Vielleicht hier noch der Hinweis auf einen Zeitungsartikel zum Thema hochbegabte Erwachsene: “Wie von einem anderen Stern

 

Auf ein Neues (?)

Ach speybridge! Ich habe Dich wirklich sträflich vernachlässigt. Dafür kann ich mich nur bei Dir entschuldigen, aber es gibt etliche Gründe dafür, die es mir verleidet haben, zu schreiben.
Zum Ausgleich war ich allerdings auf speysight, meinem Fotoblog, weiter sehr aktiv. Durch z.T. ausführliche Texte zu meinen Bildern habe ich es wohl ein Stück weit kompensiert, dass hier auf speybridge nichts mehr los war.

Wird das nun wieder anders?
Mal sehen.

Erstaunlicherweise gibt es immer noch ordentliche Zugriffszahlen auf einige meiner Seiten, vor allem die, die Grundsätzliches zum Hauptthema dieses Blog, nämlich Hochbegabung, enthalten. Genau von diesem Thema musste ich aber aus Selbstschutz gut zwei Jahre lang Abstand halten, da der Verein, dem ich seit fast drei Jahrzehnten angehöre und für den ich seit über zwanzig Jahren in unterschiedlicher Art und Funktion aktiv bin, heftig schlingerte: Ein Bundesvorstand, hauptsächlich bestehend aus Geisterfahrern, spaltete den Verein zutiefst und verstörte alle, die freie Meinungsäußerung, eine offene Diskussionskultur und demokratische Vorgehensweisen für selbstverständlich halten. In dieser Zeit habe ich mich aus dem Thema Hochbegabung völlig zurückgezogen, weil mir die gesunde Höhe meines Blutdrucks wichtiger war, als mich an einem unappetitlichen Schlachtengetümmel zu beteiligen. Gott sei Dank gibt es immer noch Wahlen, so dass seit einigen Monaten Aufatmen angesagt ist.
Und wie das dann so ist: Ruckzuck steht man wieder mitten im Thema. “Würdest Du …?”, “Könntest Du nicht wieder …?” Da es diesmal hauptsächlich nicht um eine Funktion, sondern um die (Erst-) Beratung der Eltern hochbegabter Kinder geht – immer die von mir ganz klar favorisierte Arbeit -, habe ich zugesagt.
Wie das so ist …

 

 

Egon Bahr

Farewell Egon und danke für alles – und grüß’ Willy, Deinen Freund.

Ihr seid die einzigen Politiker ever, die ich wirklich geliebt habe.

Euch verdanke ich, dass ich mich auch in diesem Jahr wieder einfach so frei bewegen durfte …
”Westdeutschland – “Ostdeutschland” – Polen: grenzenlos! 
Für mich ist das bis heute hin immer noch und immer wieder ein Wunder, das Ihr möglich gemacht habt über alle Widerstände hinweg.

20150723_111538   20150723_110921

Danke!

Siehe auch hier und hier und überhaupt …

 

Und wieder: The Last Night of the Proms

Untenstehender Artikel stammt ursprünglich von 2006, aber es ist kein Problem, ihn ohne große Veränderung aktuell wieder zu übernehmen. Eben habe ich auf NDR die Last Night of the Proms 2014 gesehen – und meine Reaktion über die Jahre hinweg ist immer wieder dieselbe: Die Last Night – vor allem der zweite und letzte Teil – rühren mich. Sehr sogar. Ziemlich sehr.

Gerade jetzt, wo in der nächsten Woche die Abstimmung der Schotten darüber ansteht, sich als eigenen Staat etablieren zu wollen, kann die Last Night of the Proms – daran glaube ich – den Ausschlag geben, eben dies nicht zu tun, nämlich sich abzuspalten. Die Identitätskraft dieses Ereignisses der Last Night (naja: und die des gerade angekündigten neuen Babys von Kate und William) sollte nicht unterschätzt werden. Mit all dem wird etwas angesprochen in den Menschen, das sich letztlich als stärker herausstellen könnte als das politisches Wollen vieler Schotten, ein selbständiger Staat zu werden.

Die Last Night of the Proms vereint Menschen überall in England, in Wales, Schottland, Nord-Irland – allein Zehntausende in den Parks – und sie singen mit: Sie sind dabei eins mit sich, eins mit ihrem Körper, dem Gesang und ihrem United Kingdom. Eindeutig. Man spürt das beim Zusehen fast körperlich. Das alles ist wirklich stimmig und macht mir immer wieder neu eine Gänsehaut.

Hier nun mein Artikel von 2006:

Heute Abend war im NDR-Fernsehen die Übertragung des berühmten zweiten Teils der “Last Night of the Proms” aus der Royal-Albert-Hall in London zu sehen.

Es war wieder bewegend, mitzubekommen, wie diese Veranstaltung – sehr ritualisiert in ihrem Ablauf, in ihrem Repertoire, und doch immer wieder spielerisch neu und selbstironisch inszeniert – die Briten eint, sie zusammenschweißt, wo auch immer sie leben.

Zehntausende waren in Parks in London/England, Glasgow/Schottland, Swansea/Wales und Belfast/Nordirland vor riesigen Leinwänden zusammengekommen und sangen zusammen und zur selben Zeit dieselben Lieder, vereint in einem Geschehen, das – über alle Gegensätze und Unabhängigkeitsbestrebungen hinweg – für sie zutiefst sinn- und identitätsstiftend ist.

Eins-Werden im Singen von “Rule Britannia”, “Land of Hope and Glory”, “Jerusalem”, das interessanterweise auch ein Kirchenlied ist, der Nationalhymne und vor allem der “Auld Laing”, das unserem “Nehmt Abschied Brüder” entspricht.

Bewegende Bilder aus den Parks: Singen mit ganzem Körper, aus ganzem Herzen. Das Ganze eine kollektive Herzberührung. Da war so etwas wie eine authentische Liebe zur eigenen Tradition, der man ja ansonsten nun auch nicht unkritisch gegenübersteht, zu spüren. Da sah man, man verzeihe mir das Wort, wirklich die “Volksseele”.

Wir haben hier in Deutschland nichts Vergleichbares.
Vielleicht gab es bei der WM im Sommer zum ersten Mal flüchtige Ansätze in diese Richtung: Momente, Glücksmomente, in denen die Menschen sich eins fühlten mit sich und ihrem Land, ohne dass dabei ein merkwürdiger Beigeschmack entstand.
Vielleicht können wir da vorsichtig, vorsichtig weitermachen. Von der Innigkeit, mit der die “verrückten” Engländer im Grunde ihres Herzens an ihrem Land hängen, sind wir chronisch unzufriedenen Deutschen allerdings noch weit entfernt.

 

Narzisstische Borniertheit nach dem Unwetter – eine Wutrede

Wie allseits bekannt, hat ein unglaublich heftiges Unwetter am Pfingstmontag vor allem das Ruhrgebiet getroffen. Es ist wirklich fast irreal gewesen, wie es hier auf den Straßen und überall aussah. Auch unser Dach war betroffen.
Allein in Essen wurde wohl über 10% des Baumbestandes vernichtet, das sind zehntausende Bäume allein im Essener Stadtgebiet. Die Bilanz ist verheerend: Orkantief „Ela“ hat vermutlich allein in Essen einen vorläufig bezifferten finanziellen Schaden von rund 63,3 Millionen Euro angerichtet.

Was all die Helfer, seien es ehrenamtliche Nachbarschaftshelfer, sei es das THW und wer auch immer, geleistet haben in den letzten zwei Wochen, das ist unglaublich. Viele Helfer arbeiteten und arbeiten bei minimalem Schlaf fast durch bis hin zur totalen Erschöpfung. Ihnen allen ist es zu verdanken, dass die gröbsten Schäden beseitigt sind – und mehr als das.

Was bleibt, ist die Tatsache, dass hier noch alle Wälder und Parks, auch der Grugapark, gesperrt sind – und zwar, um die Bürger zu SCHÜTZEN! Die Gefahr, die von abbrechenden Ästen und auch jetzt noch umstürzenden Bäumen ausgeht, ist nämlich immer noch sehr groß!

Und was macht angesichts all dieser Fakten der allseits beliebte deutsche Zipfenmützen-Michel?
Er mosert, meckert und macht sein Ding trotz aller Verbote, trotz aller Gefahr.
Es gibt Leute – und gar nicht einmal so wenige –, die haben nur ihre Ansprüche, vermeintlichen Rechte und Routinen im Hirn, die durch das Unwetter empfindlich gestört worden sind.
Was für eine Frechheit, dass es so ein Unwetter gibt! Und was für eine Frechheit, dass es am nächsten und auch am übernächsten Tag tatsächlich immer noch Konsequenzen gibt, die Unbequemlichkeiten mit sich bringen.

-       Da werden Helfer behindert, beschimpft und bespuckt.
-     Da erstattet ein Rechtsanwalt Anzeige, weil Helfer ein im Sturm umgekipptes Baustellen-Klohäuschen erst einmal in seiner Einfahrt sicher abgestellt haben!!! Der Shitstorm gegen ihn muss wohl heftig gewesen sein: Er zog die Anzeige zwischenzeitlich zurück und will jetzt sogar noch spenden. AHHHH ja!!
-     Da gibt es Hasskommentare gegen die Bahn, weil die nicht mit Harry Potters Zauberstab mal kurz etliche hundert Kilometer Oberleitung in einer Stunde in Ordnung bringen kann.
-     Da gibt es Rentner, die auf Einhaltung ihrer täglichen Mittagsruhe pochen, während Helfer sich draußen damit plagen, umgestürzte Bäume von drei zerstörten Autos wegzuräumen.
-     Da laufen Leute einfach durch den abgesperrten Wald, weil sie glauben, dass es zu ihrem vom Grundgesetz garantierten Recht gehört, da zu joggen, wo sie wollen – mit versichertem Recht auf Unversehrtheit natürlich.
-     Da geht sogar eine Lehrerin mit einer ganzen Klasse trotz Absperrung in den Wald und meint, sie habe nicht gewusst, dass man das nicht darf.

Die WAZ in einem Kommentar: “Viele Bürger haben sich vom Schrecken der Sturmnacht erholt und wollen tun, was sie gewohnt sind: Mit dem Hund Gassi gehen, eine Runde joggen, mit der Familie grillen.”
Und weiter: “Für Feuerwehr und Forstbetriebe ist an Alltag noch nicht zu denken. Auch am Tag elf nach dem Sturm arbeiten Mitarbeiter gefühlte 24 Stunden. Obendrein müssen sie sich die Pöbeleien so mancher Bürger gefallen lassen – weil die Motorsäge zu laut ist oder der Hund seine gewohnte Gassirunde braucht.”
“’Der Hund muss raus’, sagen die Tierlieben. ‘Die Förster fahren hier ja auch lang’“, sagen die Spitzfindigen. Und ‘Ich wusste nicht, dass der Wald immer noch gesperrt ist’, sagt die Lehrerin, die samt Schulkindern in den gesperrten Gladbecker Stadtwald hineingeradelt ist . Von solchen Szenen berichten in diesen Wochen nach dem Orkantief ‘Ela’ die Forstmitarbeiter im Ruhrgebiet, wenn man sie fragt, wie die Revierbürger mit der Sperrung der Wälder umgehen. Kurzum: Viele ignorieren sie einfach. ‘Es sind kaum weniger Menschen im Wald als vor dem Sturm’, sagte der Duisburger Stadtförster Stefan Jeschke Mitte dieser Woche. Man stelle sich vor: Der Wald ist gesperrt – und jeder geht rein, um zu gucken warum.” (WAZ)

Wir reden hier von erwachsenen Menschen! Von sogenannten “mündigen Bürgern” – und zwar aus allen gesellschaftlichen Schichten! Borniertheit, Egozentrik und Verantwortungslosigkeit gibt es überall; sie treten übrigens auch völlig unabhängig von der Höhe des IQ auf.

Meine unmaßgebliche und hier gerne auch undifferenzierte Meinung:
-     Das sind die Erwachsenen, die ihren Kindern Vorbild sein sollen – und nur narzisstisch und komplett borniert die Erfüllung ihrer eigenen persönlichen Ansprüche im Hirn haben.
-     Das sind die Erwachsenen, die immer noch egozentrisch glauben, das Leben habe für sie ein Ponyhof zu sein und eine Aneinanderreihung von unterhaltsamen Events von Formel 1 übers Oktoberfest bis zum Papstbesuch – ohne jedes eigene Risiko oder persönliche Engagement ihrerseits natürlich.
-     Das sind die Erwachsenen, deren Kinder Lehrer chronisch nerven, weil sie nicht in der Lage sind, sich zu konzentrieren und auf eine Situation einzustellen, in der sie nicht im Mittelpunkt stehen.
-     Das sind die Erwachsenen, die, wenn sie denn in der entsprechenden Position sind, hinter vorgehaltener Hand flüstern oder aber auch lauthals damit angeben, dass sie wüssten, wie man den Mindestlohn elegant umgehen und viel Geld an der Steuer vorbeischleusen könne.
-     Das sind die Erwachsenen, die zusammenstehen, ihre leeren Pommesschälchen einfach so auf den Boden werden und gleichzeitig darüber palavern, dass die Jugend von heute eine Katastrophe sei, anspruchsvoll, verwöhnt, respektlos, vorlaut und dreckig.

AHHHH ja!!

Ich habe solche Leute so satt!

 

Gilt auch für Eltern: Respekt muss man sich verdienen!

Eben habe ich in der SZ einen Beitrag aus einem Lehrerblog gefunden, dessen Inhalt und Aussage ich nur voll und ganz bestätigen kann.

Aus dem Artikel "Ich kann die Frau nicht ernstnehmen":
”Neulich hatte ich ein Aha-Erlebnis: Elterngespräch mit der Mutter von Anton. Ich erzähle ihr, wie nett und umgänglich ihr Sohn in der Schule sei. Ich lobe, dass er gerne Zusatzarbeiten für die Klasse übernehme, das Klassenbuch führe, Tafel wische, Laufdienste erledige etc. Doch Antons Mutter freut sich nicht – sie ist fassungslos. Denn zuhause, so gesteht sie mir, den Tränen nahe, sei ihr Sohn ein unerträglicher Tyrann.”

Einen ausführlichen Artikel ähnlichen Inhalts zum Verlust der elterlichen Intuition bei der Kindererziehung findet man hier.

Ich mache ja immer noch recht viel Beratung in Fragen rund um Hochbegabung und stelle immer wieder fest, dass die Frage, die sich ebenfalls im besagten SZ-Artikel findet: “Wer erzieht hier eigentlich wen?” in vielen Familien mit sehr großer Berechtigung gestellt werden müsste – und häufig nur eine sehr unbefriedigende Antwort findet.

Also, liebe Eltern …

 

Kostenlose Autismus-App hilft Betroffenen zu sprechen

Ich könnte mir vorstellen, dass diese App sehr hilfreich sein kann. Näheres dazu ist zu finden auf zeit-online.

IN MEMORIAM
In diesem Zusammenhang: Mein vorletzter Beitrag kündigte eine WDR-Fernsehsendung zum Thema Autismus an, in der auch Sabine Kiefner zu Wort kam. Sabine habe ich vor Jahren kennengelernt, da sie sich auch im Themenbereich Hochbegabung bewegte. Wir haben uns über Jahre hinweg öfter getroffen und waren auch sonst in Kontakt. Als sich herausstellte, dass sowohl ihr Sohn als auch sie selbst betroffen waren, beschäftigte sie sich intensiv mit dem Thema Asperger-Syndrom und den Lebensbedingungen der Betroffenen. Ihr Blog “Ich bin Autistin – Asperger-Syndrom bei Frauen” ist wunderbar authentisch und lebendig und vermittelt in sehr nachvollziehbarer Weise das Lebensgefühl einer von Autismus Betroffenen. Aus diesem Blog ist das Buch “Freude ist wie ein Hüpfball in meinem Bauch” entstanden. Regelmäßig stellte Sabine sich für Lesungen und Diskussionen zum Thema zu Verfügung – immer wieder ein Kraftakt.
Durch ihren mutigen und unermütlichen Einsatz wurde sie zu einer wichtigen und bekannten Vermittlerin, die der nichtbetroffenen Öffentlichkeit anschaulich nahebringen konnte, was es heißt, vom Asperger-Syndrom betroffen zu sein und damit leben zu müssen – und dass eine ganz eigene Normalität damit verbunden sein kann, wenn bestimmte Grundvoraussetzungen gegeben sind. Respekt ist nicht die geringste dieser Voraussetzungen … So wehrte sich Sabine auch immer wieder öffentlich gegen diskriminierende Berichte der Presse.
Es ist wirklich traurig: Sabine Kiefner, 1962 in Köln geboren, ist nach ganz kurzer schwerer Krankheit – eigentlich plötzlich und unerwartet – im November des letzten Jahres verstorben.

 

Unterstützung für hochbegabte Muslime

Das Avicenna-Studienwerk und die Stiftung Mercator werden zum Wintersemester 2014/2015 damit beginnen, leistungsstarke muslimische Studierende und Promovierende mit Stipendien zu fördern.
Infos dazu gibt es hier.

 

WDR: “B. sucht” – Autismus aus der Sicht von Betroffenen

Heute, am Donnerstag, den 11. Juli 2013 zeigt der WDR um 22:00 Uhr im Rahmen der Serie „B. sucht“ mit Bettina Böttinger einen halbstündigen Beitrag zum Thema Autismus. 
Bettina Böttinger hat drei autistische Menschen zu Hause besucht, um zu zeigen, wie sie leben und wie ihr Alltag aussieht. Einer dieser Menschen ist Sabine Kiefner aus Köln, Autorin des Blogs Ich bin Autistin – Asperger-Syndrom bei Frauen – Autismus aus der Sicht einer Betroffenen, die ich auch persönlich kenne – ursprünglich aus dem Hochbegabtenbereich.
Sabine hat übrigens auch ein sehr anschaulich und lebendig geschriebenes Buch über ihre Erfahrungen und ihre Erlebniswelt herausgebracht: Freude ist wie ein großer Hüpfball in meinem Bauch: Aus dem Alltag einer Autistin.
Wiederholt wird die Sendung am Sa, 13.7. um 0.45 Uhr und am Di, 16.7. um 9:30 Uhr.
Außerdem ist die Folge über Autismus auch eine Woche in der WDR-Mediathek abrufbar.

 

Studien zum Verlust der Sprach- und Schreibfähigkeit

Ich liebe Sprache. Wirklich. Sehr.
Meine Freunde haben längst akzeptiert, dass ich unter E-Mails, Nachrichten und Twittermeldungen leide, die schlecht geschrieben sind und viele Fehler enthalten – und ich weiß es sehr zu schätzen, dass sie das respektieren und mir den Freundschaftsdienst erweisen, im schriftlichen Austausch mit mir darauf Rücksicht zu nehmen. Dafür bin ich dankbar.

Ich bin nicht etwa zwanghaft pingelig, sondern liebe und achte unsere Sprache mit ihren Möglichkeiten zur differenzierten Aussage, die sie uns – von albernstem Spott bis hin zu Reflexionen in tiefste Tiefen hinein – schenkt, wirklich von Herzen. Was man liebt, wünscht man sich von anderen zumindest respektiert.

Manchmal bewundere ich ehrfürchtig, was sie in welch großer Schönheit zu leisten vermag, manchmal taste ich mich an den Grenzen der Sprache entlang und versuche, ihr im Ausdrücken von eigentlich Unsagbarem noch einen erhellend stimmigen Satz abzuringen. Manchmal auch spiele ich mit ihr wie ein übermütiges Kind und reize sie aus in ironischen Kommentaren oder absurden Wortspielen. Nie aber ist sie mir gleichgültig, die Sprache, und wenn sie missachtet wird, tut mir das wirklich weh.

Was ich aus meiner persönlichen Sicht zutiefst bedaure, beklagen viele Ausbilder, Unternehmer und Personalchefs auch aus objektiv absolut nachvollziehbaren Gründen: Die Sprachfähigkeit, insbesondere die Schreibfähigkeit, der Schüler, Jugendlichen und dann auch der Erwachsenen nimmt rapide ab.

Dass das tatsächlich so ist, hat eine aufwändige und über 40 Jahre betriebene Studie belegt. Näheres findet sich im Artikel der ZEIT mit dem Titel: Wenn Freiheit überfordert.

Generelles Fazit der Studie: ”Die Fähigkeit der Schüler, Texte orthografisch korrekt und grammatikalisch normgerecht zu schreiben, hat im Durchschnitt stark abgenommen. … Besonders deutlich fallen die Befunde zur Rechtschreibung aus: Die Zahl der Fehler pro hundert Wörter stieg von durchschnittlich sieben im Jahr 1972 auf zwölf im Jahr 2002 an und dann noch einmal auf 17 Fehler im Jahr 2012.”
Interessant dabei ist, dass Schüler mit Migrationshintergrund nicht mehr Fehler produzieren als “ihre deutsch-monolingualen Klassenkameraden”.

Es geht aber nicht nur um Rechtschreibfehler und Grammatik, sondern auch um die zunehmende Unkenntnis von Strukturen und Textformen. In den letzten Jahren z. B. wurde der Aufgabe, eine Bildergeschichte in Worte zu fassen, also eine schlichte Nacherzählung anzufertigen, vermehrt nicht mehr im Sinne der Aufgabenstellung nachgegangen, sondern es fanden sich häufig Wertungen, Kommentare, Meinungsäußerungen und Fragen an den Autor im Stile von "Ich fant den Film gemein aber das Madchen ist auch selber schult daran das die anderen Kinder die Puppe wekgenommen haben." oder "Wie heisen die kinder???" – sowie Internetsymbole wie Smileys.

Diese Vermischung der “wertfreien”, schlichten Wiedergabe eines vorgegebenen Inhaltes mit launigen Meinungsäußerungen und Wertungen im Internetkommentarstil “Das ist voll blöd” halte ich noch für viel schlimmer als die stark gestiegene Zahl der Rechtschreib- und Grammatikfehler. Sie zeigt nämlich eine zunehmende Undifferenziertheit auch im Denken und die Tendenz zur narzisstischen Aneignung vorgegebener Wirklichkeit und ihrer Ausdrucksformen. Wie eng Sprache und Denken zusammenhängen, das zeigt die umfangreiche Literatur zu diesem Thema.

Sehr bedenklich finde ich dieses wachsende Unvermögen, Sachverhalt und eigene Meinung auseinanderzuhalten, auch in – im weitesten Sinne – politischer Hinsicht, da die sich hier zeigende Undifferenziertheit anfällig macht für Propaganda und jegliche Form von Manipulation. Diese werden oft einfach nicht mehr erkannt, weil das dazu notwendige “Werkzeug” nicht ausgebildet wurde. So wird es z. B. für viele immer schwieriger, zwischen der eventuellen Notwendigkeit einer (politischen) Sachentscheidung und dem eigenen “Das ist einfach Scheiße” zu unterscheiden. Schon heute zeigt sich selbst in wissenschaftlichen Arbeiten von Studenten eine erschreckende Vermischung von Fakten, Analyse und persönlicher Meinung.

Positiv an der Entwicklung der Schreibfähigkeit in den letzten 40 Jahren sind die gestiegene Lebendigkeit und Ausdrucksstärke der Texte und ein vergrößerter Wortschatz. Trotzdem aber sind auch diese positiven Tendenzen seit 2002 wieder rückläufig. Vor allem relativiert ein Faktum diesen an sich zu begrüßenden Fortschritt: Gestiegener Wortschatz und lebendigere Ausdrucksweise finden sich vornehmlich bei Schülern der oberen/unteren Mittelschicht.

Damit kommen wir zum eigentlichen Dilemma der Schreibentwicklung, das der Untertitel des ZEIT-Beitrages so zusammenfasst: “Eine Studie über die Schreibfähigkeit von Grundschülern zeigt: Zu lockerer Unterricht schadet den Schwachen”.

Erschreckend ist, dass die Liberalisierung des Sprachunterrichtes in den letzten Jahrzehnten mit dem damit verbundenen und immer konsequenter werdenden Wegfall verbindlicher Vorgaben gerade denjenigen schadet, die Unterstützung besonders benötigen: “Die soziale Schicht, der die Kinder entstammen, hat heute einen viel größeren Einfluss auf ihre Schreibfähigkeiten als vor 40 Jahren.”
Erschütternd!

Man verstehe mich nicht falsch: Keiner wünscht sich eine Rolle rückwärts zum Sprach-Drill vergangener Jahrzehnte. Freiere Ausdrucksweise und gestiegenen Wortschatz begrüße ich sehr, sind aber schon wieder rückläufig und waren zudem nur schichtspezifisch zu finden – und vor allem: Kinder bildungsfernerer Schichten gehen heute sprachlich deutlich schlechter ausgerüstet ins Leben als vor 40 Jahren. Vor diesem Hintergrund halte ich es für dringend geboten, Sprachunterricht umfassend zu reformieren. So, wie er heute ist, scheint er niemandem zu nutzen. Hier gibt es nur Verlierer – und die Sprache selbst gehört auch dazu.
Eine falsch verstandene Liberalisierung des Sprachunterrichtes scheint zum Irrweg geworden zu sein.

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
Ludwig Wittgenstein

Nachtrag:
Wie für diesen Beitrag bestellt, erschien heute auf SPIEGEL ONLINE auch noch ein Interview mit der Jura-Professorin Jantina Nord: Sprachtest für Jurastudenten: "Das Ergebnis war teils verheerend".

Auch hier das Fazit – in Wiederholung des Titels: “Leider war das Ergebnis teils verheerend.”. Man kann es erheiternd finden, dass angehende Juristen das Wort “verlustig gehen” von “lustig” ableiten oder “sich übervorteilt fühlten” mit “besonders günstig davongekommen” assoziieren, wenn man aber bedenkt, dass Sprache das wichtigste Werkzeug der Juristen ist und man im Ernstfall vor Gericht auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen ist, dass diese wissen, was sie tun, wird einem ganz schlecht.

Nord weist darauf hin, dass mangelnde Sprachkompetenz natürlich nicht nur bei Jurastudenten zu finden ist: “Kollegen aus allen Fachbereichen beklagen das Problem. Es gibt etwa Architekturstudierende, die hervorragende Entwürfe liefern, aber nicht beschreiben können, was sie gemacht haben. Viele Professoren winken dann ab und sagen, es sei ja nicht ihr Job, den Erstsemesterstudierenden Deutsch beizubringen. Wenn Maschinenbauer kein Mathe können, bekommen sie ein Propädeutikum Mathematik. Das ist beim Sprachthema anders.”

Im Übrigen macht die Juristin nicht die spezifische Fachsprach der Juristen für den mangelhaften Umgang mit Sprache verantwortlich: “Wir müssen … schon einen Schritt früher ansetzen, nämlich bei den ganz banalen Themen Rechtschreibung, Verständlichkeit und Grammatik.”