Archiv für den Oktober, 2009

Erkenntnis ohne Konsequenz

Der Weltenkreuzer machte mich dankenswerterweise auf folgendes Zitat aufmerksam:

Die aus ihrem Amt als Gesundheitsministerin scheidenende Ulla Schmidt warnt ihren Nachfolger Rösler vor dem großen Einfluss der Lobbyisten u.a. mit den Worten:

"Es zählt in der Politik nicht das, was wirklich fachlich in Ordnung wäre."

Weinen könnte man angesichts dieser Worte.

Leider werden sie keine Konsequenzen haben. Alles wird in der Tiefe bleiben, wie es ist. Veränderungen werden eher kosmetischer Natur sein – und eher zuungunsten  ehrlicher Politik und der Interessen der Wähler, denn: Die wirklichen Strippenzieher haben wir nicht gewählt…

Ich mag PolitikerInnen nicht wirklich wirklich in Schutz nehmen, aber ich glaube, dass man sich als “Normalbürger” allerdings auch keine Vorstellung davon macht, welchen Zwängen diese Leute ausgesetzt und unterworfen sind.

Lobbyisten haben keine demokratisch legitimierte politisch-gesetzgeberische Macht – sie haben aber die Möglichkeit, demokratisches Handeln von Regierungen (jedweder Couleur) in einem Maße zu beeinflussen, dass ich mich manchmal frage, ob das, was wir “Demokratie” nennen, diesen Namen eigentlich noch verdient hat.
Diese Lobbyisten interessiert es doch nur am Rande, wer gerade wen gewählt hat: Sie haben ihre Macht, ihren Einfluss – unabhängig vom Votum des Wählers – und betreiben unbeirrbar ihre jeweilige Interessens-Politik.
Koste es den Wähler – und die Demokratie – , was es wolle.

Ich finde es beachtlich, dass Ulla Schmidt dies zumindest einmal so öffentlich formuliert.
Leider aber ist (Selbst-) Erkenntnis nicht immer der erste Schritt zur Besserung.
Wenn es jemanden gibt, der absolut keinen Grund hat, an der normativen Kraft ihres faktischen Einflusses irgend etwas zu ändern, dann sind das die Lobbyisten.
Wer will sie zähmen?
Die Lobbyisten höhlen die Demokratie aus.

 

Für Hochbegabte und Behinderte

Immer wieder findet man in Ankündigungen von Veranstaltungen, Ärztekongressen, Vortragsreihen etc. Themen, die in einem Atemzug für “Hochbegabte und Behinderte” relevant sein sollen.

Jüngstes Beispiel:
Der Dortmunder Wissenschaftstag, mittlerweile eine feste Größe im Veranstaltungskalender, wie man selbst für sich wirbt, bietet interessante Veranstaltungen.
Eine davon:
”Das neue Orchesterzentrum NRW und das Institut für Rehabilitationswissenschaften sind die Ziele der Tour 9 mit dem Titel "Musik in Bewegung". Die Teilnehmer lernen hierbei die Bedeutung der Musik für Hochbegabte wie für Menschen mit Behinderungen kennen.

Wie gesagt: kein Einzelfall.

Immerhin hat man hier beide Gruppen noch getrennt erwähnt. Man findet aber durchaus auch Ankündigungen in folgendem Stil:
”Musik für Hochbegabte wie für Menschen mit anderen Behinderungen".

Mindestens einen wirklich sehr großen Unterschied gibt es jedoch zwischen Menschen mit Behinderungen und den Hochbegabten:
Menschen mit Behinderungen werden sicherlich eine Musiktherapie und vieles andere mehr, das sie brauchen, bezahlt bekommen von der Krankenkasse oder anderen Institutionen. Hochbegabte müssen immer alles selbst zahlen – völlig egal, wie ihre psychische und soziale Situation aussieht.
Ganz schwierig ist die Situation bei hochbegabten Kindern. Ganz ganz schwierig ist die Situation – was immer häufiger und häufiger der Fall ist – wenn alleinerziehende Mütter mit z.T. extrem wenig Geld ein hochbegabtes Kind mit einem besonderen Förderbedarf haben. Da geht oft gar nichts – und das interessiert niemanden.
In der Hinsicht – darf man das überhaupt sagen? – sind Mütter mit einem behinderten Kind besser dran!

 

Stiftungen

Immer wieder werde ich nach der Möglichkeit der finanziellen Unterstützung durch z. B. Stiftungen gefragt.
Folgende Adresse bietet gute Suchmöglichkeiten:

www.stiftungsindex.de

 

Stimmungsmachender Null-Journalismus

Heute ist Sonntag, eigentlich ein Tag des Ausspannens und nicht dazu da, sich zu ärgern. Genau das tue ich aber im Moment: Ich ärgere mich.

Ich ärgere mich über die immer mehr um sich greifende Un-Art des Journalismus, aus irgend etwas genau das zu machen: Irgend etwas.
Eine Nicht-Nachricht. Eine Nicht-Nachricht zudem, die möglichst viel Aufmerksamkeit aufwirbelt, durch einen fetzigen Titel vielleicht. Eine Nachricht, die sich scheinbar seriös auf eine scheinbar seriöse Studie bezieht und daraus scheinbar seriöse Schlüsse zieht und dabei geschickt mit des Volkes Meinungen und Vorurteile spielt und sie zu bestätigen scheint, sie sogar anheizt.
Genau im letzten Satz wird dann die Katze doch noch aus dem Sack gelassen – und der ganze Artikel entlarvt sich als das, was er ist: ein Beispiel des unseriösen Journalismus.
Es muss einfach irgend etwas geschrieben werden.
Hohl. Leer. Stimmungsmachend.
Ich halte das für kontraproduktiv: Ein die Sache verratender und gefährlicher Journalismus!

Besonders schlimm finde ich, dass mittlerweile auch so seriöse Zeitungen wie die Süddeutsche Zeitung genau solche Artikel produziert und veröffentlicht.

Jüngstes Beispiel:
Grundschule für Fünfjährige – Überforderte Kleine
“Die Einschulung mit fünf wird vielfach propagiert. Doch eine britische Studie weckt Zweifel am Sinn des frühen Schulbesuch. Leistungen und Psyche können darunter leiden.”
Undsoweiterundsoweiterundsoweiterundsoweiterundsoweiter.
Es wird gewarnt, gedroht und Böses prophezeit.

“Oh, ja, wusste ich’s doch”, schreit des Volkes um das Wohl des Kindes doch so ungemein besorgte Seele auf: “Die armen Kleinen! Man nimmt ihnen die Kindheit, verbietet ihnen das Spielen, setzt sie Stress und Mobbing aus und zerstört sie physisch und psychisch für ihr ganzes Leben. OGottoGottoGott!”

Die Stimmung ist also gesetzt: Vorzeitige Einschulung ist böse, böse, und die Briten, die das schon lange praktizieren, bestätigen das auch noch. Und das in einer Studie!!!! Die armen kleinen gequälten Wesen!

Die letzten zwei Sätze des Artikels entlarven dann das Ganze:

“Der Grundschulexperte Hans Brügelmann von der Universität Siegen nennt die englische Studie einen ‘ungemein wichtigen Beitrag’ zur bildungspolitischen Debatte. ‘Die Empfehlung, das Einschulungsalter anzuheben, dürfe aber nicht missverstanden werden. Ob die Schule mit fünf, sechs oder sieben Jahren beginnen sollte, lasse lässt sich nicht pauschal sagen’, betont Brügelmann: ‘Es hängt davon ab, was in dieser Eingangsstufe gemacht und wie dort gearbeitet wird.’"

Und jetzt kommt’s:
”Die aus England berichteten Probleme würden vor allem damit zusammenhängen, dass dort in der Ära von Premier Margaret Thatcher eine am Entwicklungsstand der Kinder orientierte Pädagogik aufgegeben worden sei.”

Also gibt es die geschilderten Probleme bei der vorzeitigen Einschulung generell als solche vermutlich gar nicht, sondern zeigen sich nur dann, wenn keine kindgerechte, sondern eine “Bims-Pädagogik” betrieben wird. Und die britische Studie, die die “Fakten” liefern soll, welch böse Folgen die vorzeitige Einschulung für Kinder haben soll, entlarvt sich als Studie über ein altes hausgemachtes länderspezifisch englisches Problem.

Wo also liegt jenseits von populistischer Stimmungsmache gegen die vorzeitige Einschulung, die aber doch für viele gut begabte und gar hochbegabte Kinder sehr wichtig und genau rechtzeitig sein kann, die Relevanz dieses Artikels?

Ach ja – übrigens:
Wenn “eine am Entwicklungsstand der Kinder orientierte Pädagogik aufgegeben” wird, liebe Journalisten, liebe Pädagogen, liebe um das Kindeswohl besorgte Seele des Volkes, dann ist ja wohl absolut JEDES Einschulalter zu früh!!!

 

Ist das Mittelmaß das Maß aller Dinge?

Eine wirklich gute Frage, diesmal gestellt in der Schweiz. In der Stadt Zug beschäftigte sich ein hochkarätig besetztes Podium mit dieser provokativen Fragestellung.

Die Aspekte, die dort in Zug auftauchten und besprochen wurden, sind allerdings nicht “typisch schweizerisch”, sondern können in fast identischer Weise hier  in Deutschland diskutiert werden:

“Welche Konzepte und Grundlagen müssen in der schweizerischen Bildungslandschaft geschaffen und welche Massnahmen getroffen werden, damit die Talente unserer Jugend und damit die Innovation unseres Landes im Sinne der Chancengleichheit konsequent gefördert und entwickelt werden können? Welche Grundhaltungen müssen wir unserer Jugend vorleben, damit Exzellenz und nicht Mittelmass Ziel unserer Gesellschaft wird? Und ist die ‘Gleichmacherei’ ein typisch schweizerisches Phänomen? Diese Fragen standen im Zentrum des Interesses.”

Bedauert wird eine Nivellierung zur Mitte:
“Was ist Talent? Die Diskussionsteilnehmenden definierten es als überdurchschnittliche Begabung, als Geschenk und als Bedürfnis, seine Fähigkeiten weiter zu entwickeln. Damit diese Talente aber nicht brachliegen, müssen sie erkannt, geweckt und gefördert werden. Leider vertritt in der Schweiz die Gesellschaft verbreitet die Haltung, dass alles Herausragende auf ein Mittelmass zurückgestutzt werden müsse. Margrit Stamm illustrierte dies plakativ anhand eines Rasenmäher-Bildes: alle Köpfe werden auf dieselbe Haarlänge zurechtgestutzt. Da braucht es viel Energie eines einzelnen, sich gegen diese Haltung zur Wehr zu setzen.
Mit dem Konzept der Integration hielt in den Schulstuben auch die Tendenz zum Mittelmass Einzug: Der Fokus wird eher auf die schulisch Schwächeren gelegt, während die Stärkeren weniger gefördert werden, hält Margrit Stamm fest, mit der Konsequenz, dass Gymnasiasten diese Haltung schon internalisiert hätten und mit einer Orientierung hin zur Durchschnittlichkeit an die Universitäten kämen.”

Kommt einem alles irgendwie bekannt vor…