Archiv für den September, 2009

Hochbegabung bei Kindern mit Migrationshintergrund

Ist es bei “deutschen” Kindern oft schon schwer, Hochbegabung zu erkennen und samt Kind in die richtigen Bahnen zu lenken, so steht man bei Kindern aus Migrantenfamilien vor noch viel höheren Hürden:

  • Sprachschwierigkeiten verschleiern oft das eigentliche Potenzial der Kinder
  • Eltern sind z. T. (sprachlich) kaum ansprechbar und oft auch nicht zu Mitarbeit und Unterstützung  bereit
  • Bei Mädchen wird Hochbegabung häufig von vorneherein von den Eltern ignoriert, ihre Förderung boykottiert
  • Bei Verhaltensauffälligkeiten von Kindern aus Migrantenfamilien erwartet man sehr viel seltener Unterforderung als Auslöser als bei “deutschen” Kindern
  • Kinder mit Migrationshintergrund – vor allem auch Mädchen – kommen erst gar nicht auf’s Gymnasium
  • Eltern, die Hochbegabung vermuten bei ihren Kindern, wissen sich oft keinen Rat, kennen keine Ansprechmöglichkeiten oder trauen sich nicht, einen Gesprächskreis zu besuchen
  • Lehrer/KinderGärtnerinnen glauben Eltern mit Migrationshintergrund oft noch weniger als “deutschen” Eltern, wenn sie von Hochbegabung und einer Unterforderung ihrer Kinder berichten
  • Mobbing hochbegabter Kinder aus Migrantenfamilien ist keine Seltenheit

Ein schwieriges Thema.

Immerhin hat die DGhK (Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind) auf ihrer Rhein-Ruhr-Seite Info-Flyer zu grundsätzlichen Fragen der Hochbegabung auf Türkisch und auf Russisch zum Downloaden: www.dghk.de/rhein-ruhr – Menüpunkt “Download”.

Auch hier gibt es etwas zum Thema zu lesen und auch hier.

Interessant fand ich die Initiative, von der ich aus der Pforzheimer Zeitung erfahren habe: Der Wirtschaftsrat Pforzheim plant ein bundesweites Pilotprojekt für hochbegabte Schüler aus Migrantenfamilien in Pforzheim:

“Verschiedene Studien haben laut Wirtschaftsrat gezeigt: Sehr begabte Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund werden an den deutschen Schulen meist nicht ausreichend gefördert. Vor allem durch Sprachdefizite und fehlende Unterstützung aus dem Elternhaus fehle ihnen oft eine adäquate Förderung. Der Weg an das Gymnasium sei ihnen damit meist verbaut. …Während nur sieben Prozent der Schüler an den Pforzheimer Gymnasien aus Migrantenfamilien stammen, betrage ihr Anteil an den Hauptschulen 44 Prozent. Viel zu wenige Schüler mit Migrationshintergrund schaffen den Übergang an das Gymnasium. … Ziel sei es daher, alle Grundschüler nach ihrer Einschulung auf ihre Begabung zu testen. Im Anschluss sollen dann für jene, die dem Bereich der ‘Hochbegabung’ zuzurechnen sind, individuelle Fördermaßnahmen entwickelt werden.”

Ich hoffe nur, dass die Beteiligten klug genug sind, nicht einfach IQ 130 als “Trennlinie” zwischen denen, die gefördert bzw. nicht gefördert werden sollen, zu ziehen…

 

Nicht zum Lachen

Die Folgen der Vergreisung der Deutschen sind z. T. so absurd und menschenverachtend, dass es jetzt schon einen Regierungsantrag braucht, um Folgendes durchzusetzen:

Kinderlachen soll grundsätzlich zumutbar sein!

Aus dem Artikel der WAZ:
“Auch in Wohngebieten müssten Kinderlachen und Kindergeschrei grundsätzlich als zumutbar gelten, heißt es in dem bisher unveröffentlichten Papier. ‘Es ist daher bedauerlich, dass es immer wieder zu Klagen kommt, weil sich Anwohner von spielenden Kindern belästigt und gestört fühlen.’ Anwohner sollen nicht länger gegen den Lärm spielender Kinder vor Gericht ziehen dürfen. Die Regierungsfraktionen unterstützen eine Bundesinitiative, Kindergärten, Kinderspielplätze und ähnliche Einrichtungen in reinen Wohngebieten generell zuzulassen. ‘Zukünftig soll dadurch Kinderlärm nicht mehr als schädliche Umweltauswirkung für die Nachbarschaft eingestuft werden können.’”

Nach der geplanten Gesetzesänderung im Herbst (nach der Wahl…) soll es doch tatsächlich so sein:

Kinderlärm ist künftig ein "natürliches Geräusch"

Es soll schwerer werden, gegen Kinderlärm, vor allem in KiTas, zu klagen.
”In Nordrhein-Westfalen reagierte Familienminister Armin Laschet (CDU) erfreut auf die Weichenstellung: ‘Es ist gut, dass Kitas endlich leichter in Wohngebieten entstehen können. Eine Gesellschaft, die Kitas wie Flugplätze und Autobahnen unter Lärmschutzemissionsregeln behandelt, hat schon verloren’, sagte er der WAZ. …
Noch unklar: wie in Zukunft mit der Einrichtung von Bolzplätzen umzugehen ist, auf denen Kinder Ball spielen möchten. Sie fallen unter die Vorschriften der Sportstätten-Verordnung, die nicht geändert wird. Im niederrheinischen Issum ist vor kurzem sogar diskutiert worden, einen Bolzplatz mit Lärmschutzwand zu bauen.”
Heute, dazu passend, ein weiterer Artikel, der in dieselbe Richtung geht: Bürgermeister verbietet Bolzen auf Spielplatz.

Mittlerweile glaube ich, dass es die Deutschen wirklich verdienen, langsam auszusterben! Sie schaufeln sich ja schon ihr eigenes Grab.
Gründlich – wie es ihre Art ist.

 

Jahrmarkt der Eitelkeiten

Gestern war ich auf einem Fachkongress, der insgesamt drei Tage dauert. Ich bin dorthin gefahren, um den Infostand der DGhK dort aufzubauen und den ersten Tag über zu betreuen.

Dieser Kongress ist mittlerweile so etwas wie ein “Must” in der Szene – und so tummelt sich dort alles, was Rang oder vielleicht doch keinen Namen hat.

Nichts gegen Fachkongresse – zu welchem Thema auch immer. Was mich aber völlig abtörnt, ist das Getue auf einem solchen Kongress. Diese aufgeregte Wichtigkeit, dieses geschäftige Eilen. Dieses geräuschvolle Geraschel mit Papers aller Art. Dieses Bussi-Bussi-Getue – wenn ich mich auch selbst aufrichtig gefreut habe, einige Menschen dort wieder zu treffen, die ich Jahre nicht gesehen habe.
Ganz eklig finde ich dieses Szene-Gehabe, bei dem es fast wichtiger ist, ganz laut bei der Begrüßung kundzutun, dass man den jungen, netten In-Professor duzen darf, als tatsächlich seinen Worten zu lauschen.
Dazugehören, gesehen werden, wichtig sein.

Oft gibt es auch gar nichts Neues zu hören. Alles ist versammelt, was glaubt, etwas zum Thema zu sagen zu haben, z. T. seit Jahrzehnten.
“Ach, zu XY gehe ich heute nicht, den habe ich doch letztes Jahr erst gehört.” Solche Sätze vernimmt man nicht selten.
“Professor YZ ist doch nur hier, damit er wieder vor Publikum über seine eigenen Anekdoten lachen kann.”
Auch dies zu hören.
Leider ist es vermutlich so, dass man bei der Versammlung von so vielen “bewährten” Kapazitäten die wirklichen Perlen übersieht, die vielleicht tatsächlich Innovatives zu sagen haben und nicht nur ihre Ideen und Bücher von vor Jahren zitieren, die um eine ewig alte These kreisen.

Eigentlich hätte ich Gelegenheit gehabt, auch einige der Fachvorträge zu besuchen. Ich habe darauf verzichtet. Mir war irgendwann nicht mehr danach. Ich habe beobachtet, mich gefreut, mit alten Bekannten ein paar Worte zu wechseln, meine Arbeit getan.

Ich habe mir gestern mitten auf einem Fachkongress einen Tag “bildungsfrei” gegönnt.
Ganz schön arrogant, nicht wahr?

 

Mal ganz was Neues

Deutschland spart Bildungssystem kaputt, so lautet der Titel eines SZ-Artikels.

“Zu wenig Akademiker, kaum Geld für Schulen und Universitäten – die OECD tadelt das Bildungssystem. Deutschland muss offenbar fürchten, den Anschluss zu verlieren.”

Wer hätte das gedacht?

Der Spiegel hat auch ne Meinung dazu.

Der Titel dazu in FR-online macht richtig an: Unter allem Durchschnitt.

Und auch die WAZ hat von dem bekannte Desaster schon gehört.

Und wenn jemand tatsächlich alle diese Artikel gelesen hat, dann weiß er jetzt richtig was Neues.

 

Goethe an Schiller und umgekehrt

Also, ich habe so einen großen Spaß daran, dass ich auf diesen ganz besonderen “Blog” aufmerksam machen möchte:

Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

“Diese Site veröffentlicht den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe aus den Jahren 1794 bis 1805 in Echtzeit, das heißt, die Briefe werden um 215 Jahre versetzt an dem Datum veröffentlicht, an dem sie geschrieben wurden. Beginn ist der 13. Juni 2009.”

Ein entsprechendes Buch hätte ich mir, obwohl ich halt auch Germanistin bin/war, wohl nie gekauft, aber so in Abständen von ein paar Tagen am Austausch der beiden Geistesgrößen Anteil zu haben, ist mir eine wirkliche Freude.

Vor allem bin ich überrascht von der vertrauten und vertrauensvollen Offenheit, in der Schiller und Goethe miteinander umgehen. Auch teilen sie sich in erstaunlicher Selbstwahrnehmung sehr differenziert ihre jeweiligen Stärken und Schwächen mit – und in anerkennender und schätzender Wahrnehmung des anderen auch dessen Vorzüge und Schwachstellen.

Ein Beispiel aus dem “heutigen” Brief von Schiller an Goethe auf dessen Einladung hin: 
“Mit Freuden nehme ich Ihre gütige Einladung nach W. an, doch mit der ernstlichen Bitte, daß Sie in keinem einzigen Stück Ihrer häuslichen Ordnung auf mich rechnen mögen, denn leider nöthigen mich meine Krämpfe gewöhnlich, den ganzen Morgen dem Schlaf zu widmen, weil sie mir des Nachts keine Ruhe lassen, und überhaupt wird es mir nie so gut, auch den Tag über auf eine bestimmte Stunde sicher zählen zu dürfen. Sie werden mir also erlauben, mich in Ihrem Hause als einen völlig Fremden zu betrachten, auf den nicht geachtet wird, und dadurch, daß ich mich ganz isolire, der Verlegenheit zu entgehen, jemand anders von meinem Befinden abhängen zu lassen. Die Ordnung, die jedem andern Menschen wohl macht, ist mein gefährlichster Feind, denn ich darf nur in einer bestimmten Zeit etwas Bestimmtes vornehmen müssen, so bin ich sicher, daß es mir nicht möglich seyn wird.
Entschuldigen Sie diese Präliminarien, die ich nothwendigerweise vorhergehen lassen mußte, um meine Existenz bei Ihnen auch nur möglich zu machen. Ich bitte bloß um die leidige Freiheit, bei Ihnen krank seyn zu dürfen.”

Ein wunderbarer Satz:
”Ich bitte bloß um die leidige Freiheit, bei Ihnen krank seyn zu dürfen.”

Wer traut sich denn heute noch, eine Einladung mit einer solchen “Zumutung” anzunehmen…

 

Früh gewöhne sich …

… am besten ein hochbegabtes Kind an Zurückweisungen.

Es sind oft die vordergründig unscheinbaren Sätze, die extrem brutal und schmerzhaft sind und einem Kind signalisieren, dass es “falsch” ist.
Sätze, die einem in ihrer schlichten Verständlichkeit den Atem rauben können, weil sie in einem Nichts nicht nur einen Kinderwunsch wegwischen – und damit das Kind, sondern zudem eine Haltung der Erziehenden ausdrücken, die verständlich macht, warum hochbegabte Kinder oft die Freude am Fragen und Lernen verlieren und manchmal so einsam sind.
Denn solche Sätze fallen millionenfach.
Jeden Tag.
Immer wieder.
Überall.

Im Vlothoer Anzeiger findet sich im Artikel Auffällig intelligent – hochbegabte Kinder ein solcher Satz, hier zitiert aus dem Mund einer Kinder-Gärtnerin:

“Wir haben leider nicht die Zeit, uns mit Ihrem Sohn Eiskristalle anzusehen.”

Nina braucht neue Pampers, Sven und Kevin streiten, Ahmed versteht gerade nur Bahnhof, Marie will ein Spiel erklärt, Carlo seine Gummistiefel, Klara etwas ausgeschnitten haben.

Alles kein Problem.

Aber:
“Wir haben leider nicht die Zeit, uns mit Ihrem Sohn Eiskristalle anzusehen.”

Noch Fragen?

 

Alles hat seine Zeit…

Es gibt sie wieder.

Ich habe sie gesehen.

Gestern.

Wirklich.

Alle wieder da.

Wie gut, dass in Deutschland alles so verlässlich pünktlich seinen Gang geht.

Frohes Weihnachtssüßigkeitenfuttern also – auf dass die Sachen allen im Dezember zu den Ohren herauswachsen mögen.

 

“Wir machen Schule schlau”

"Wir machen Schule schlau"
Begabung versus Schule – Schule versus Begabung
Begabungsfördernde Schule aus Schülersicht

Aufmerksam machen möchte ich auf einen Kongress, der ab dem 4.9. in Hamburg veranstaltet wird:

“Unter dem Motto "Wir machen Schule schlau" organisieren überdurchschnittlich begabte Schüler deshalb vom 4.- 6. September einen bundesweiten Kongress zum Thema "Begabung versus Schule? Schule versus Begabung?" auf dem Campus der Helmut-Schmidt-Universität. Mit Unterstützung des Hamburger Vereins Netzwerk Begabtenförderung diskutieren die Teilnehmer, darunter zahlreiche Fachleute, drei Tage unter anderem über die Chancen von Begabtenförderung, über begabungsfördernde Unterrichts- und Lernkonzepte und über Wege aus der Unterforderung. Abschließend soll ein bildungspolitischer Forderungskatalog präsentiert und auf einer öffentlichen Podiumsdiskussion unter anderen mit Staatsrat Ulrich Vieluf debattiert werden. Die Teilnahme ist kostenlos.”

Das Hamburger Abendblatt weist auch auf die Internetseite des Kongresses hin: Netzwerk Begabtenförderung Hamburg.