Archiv für den April, 2009

Sauber im Netz

Mittlerweile findet sich fast jeder Name im Internet. Man kann es gar nicht mehr vermeiden, dort aufzutauchen – und wozu auch? Auch ich schaue natürlich, wenn sich persönlich, beruflich oder auch im Ehrenamt etc. interessante Kontakte ergeben, nach, was ich so im Netz über die betreffende Person, den Verein, die Gruppierung etc. finde. Im Gegenzug, wenn ich selbst z.B. einen Verein vertrete oder einen Blog betreibe, bin ich doch auch daran interessiert, von anderen gefunden zu werden.

Nicht anders handeln Personalmenschen, die Bewerber abchecken.
Letztens hörte ich von jemandem, der häufig mit der Auswahl von Personal zu tun hat, dass er natürlich die Bewerber im Internet sucht und er es sogar für kein gutes Zeichen hält, wenn jemand – zumindest ab einem gewissen Ausbildungsstand – so ganz und gar nicht im Netz zu finden sei. Dann nämlich könnte man vermuten, dass eventuell etwas im Argen liegt: ein bewusstes Versteckspiel, ein Gefängnisaufenthalt vielleicht oder anderes mehr. So sei es völlig in Ordnung und ein gutes Zeichen, bei einem Sportturnier aufgelistet zu sein oder in sonstiger Weise vereinsmäßig gefunden zu werden. Natürlich sei dabei immer die Frage, wie sich die Ausrichtung dieses Vereins oder dieser Gruppierung zu den Interessen der Firma verhalte: Einen ausgewiesenen Tierschützer könne man z.B. nicht in einer Pelzfabrikation einstellen und einen überzeugten Zeugen Jehovas nicht in einem Elektro-Betrieb, der hauptsächlich Lichtinstallationen in Kirchen betreut (denn da wird er schlicht nicht reingehen).

Interessant fand ich die Haltung des Personalmenschen zu den berüchtigten “Saufbildern”, die viele, besonders junge User, oft unbedacht ins Netz einstellen und die dann ewig dort zu finden sind. Das mache nie einen guten Eindruck, aber er sehe wohl mittlerweile etwas differenzierter nach, ob das eine gewohnheitsmäßige Geschichte sei, die einen Bewerber in einem unguten Licht erscheinen lasse, oder ob es sich um einen jugendlichen Ausrutscher handele, bei dem auch mal Nachsicht geübt werden könne. Verlassen solle sich aber besser niemand auf das Verständnis potenzieller Arbeitgeber für unbedachte Bilder und allzu private Infos.

Fazit: Im Internet nicht zu finden zu sein, ist nicht gut – mit Falschem zu finden zu sein, auch nicht.

Bei jetzt.de der SZ findet man einen Artikel mit Tipps für eine “saubere Weste” im Internet Fünf Ratschläge zur Identität im Netz.

Also: Aus der “Not” eine “Tugend” machen…

 

Geister? Zombies? Mutanten?

Es ist zum Wahnsinnigwerden!

Es spricht sich nicht herum. Es ist nicht zu vermitteln. Keiner begreift es:

Hochbegabte sind auch nur Menschen!!!!

In der Süddeutschen Zeitung beschäftigt sich der Artikel Einmal verlieren mit einem Treffen der Hochbegabtenorganisation Mensa.
Der Untertitel des Berichtes lautet:
“Hochbegabte aus ganz Deutschland treffen sich derzeit in München. Beim Schafkopf-Kurs müssen sie sogar Niederlagen einstecken.”

Man stelle sich vor: Hochbegabte verlieren mal beim Schafkopfspielen. Ist das zu fassen??

Wo sie doch beim Skat nie verlieren. Sie versalzen auch niemals ein Essen. Verkehrsunfälle bauen, nein, nein, das tun sie nie. Sie verlieren nie ihren Arbeitsplatz, sind immer Klassenbeste, fahren die tollsten Autos. Hochbegabte haben den absoluten Platz an der Sonne.
Hochbegabte machen nie niemals auch nur einen Fehler.
Sie werden auch nie krank. Sterben, das tun nur alle anderen.

Alles Menschliche ist ihnen fremd.

Denn Hochbegabte sind Einsteins! Genies! Hochintelligente Weltwunder! “Überintelligent”, wie ich kürzlich jemanden sagen hörte.
Dass man da beim Schafkopfspielen verlieren kann…

Waahnsinn!

Das hättet Ihr nicht gedacht, gell?!

 

20 Jahre Ostercamp der DGhK

In diesem Jahr feiert eine Veranstaltung ihr 20-jähriges Bestehen, die man wirklich als Institution der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind bezeichnen kann: das alljährliche Ostercamp der DGhK im Jugenddorf St. Anton, Riedenberg.

Gedacht für hochbegabte Kinder bis 12 Jahren nebst Eltern(teilen) und jüngeren Geschwistern, kommen immer deutlich über 100 Personen für fünf Tage in der Rhön zusammen. Die räumlichen Gegebenheiten im Jugenddorf sind eher als sehr schlicht zu bezeichnen: Familien wohnen meist zusammen in einem karg eingerichteten Zimmer – aber das stört niemanden.

Dieses Ostercamp ist für viele hochbegabte Kinder ein Segen! Und für ihre Eltern ebenso.
Fünf Tage lang kann man sich frei bewegen, über alles, wirklich alles, reden, Witze machen oder Spiele erfinden und spielen, die sonst keiner versteht, Fragen stellen ohne Ende – ohne Stress, ohne Erklärungsbedarf, ohne hämische Kommentare.

Ich habe selbst mit Mann und damals 12-jährigem Sohn vor vielen Jahren einmal am Ostercamp teilgenommen.
Es war unglaublich, was ich dort beobachten konnte: 
Ein Junge, der mit seinen 10 Jahren immer noch regelmäßig einnässte, war nach 2 Tagen trocken. Ein Mädchen, das normalerweise kaum mehr sprach, nachdem es in der Schule extrem gemobbt worden war, konnte kaum mehr gestoppt werden in seiner Wortflut. Ein Mädchen, das, völlig verunsichert, kaum den Rockzipfel seiner Mutter verließ, ward nur noch zu den Mahlzeiten gesehen. Ein Junge, der das Lernen völlig aufgegeben hatte, saß noch nachts auf der Toilette und experimentierte mit einer Matheknobelei herum.

Dutzendweise könnte ich alleine auf dieses eine selbst erlebte Ostercamp bezogen Beispiele nennen, wie die Kinder plötzlich aufblühten und sich binnen Stunden eine so positive Gruppendynamik entwickelte, wie ich sie selten erlebt habe. Die Kinder kannten sich vorher nicht – und es dauert trotzdem nur einen Moment, bis sie gemeinsam abzogen und fünf Tage lang glücklich waren, in Kursangeboten und ohne.

Es waren über 60 Kinder dort. Man wird es mir vielleicht nicht glauben: es gab keinen Streit, keinerlei Prügelei. Meinungsverschiedenheiten wurden selbstständig auf verbalem Weg geklärt, dass es eine Freude war.

Eltern kamen zu geleiteteten Gesprächskreisen zusammen oder lernten mit den Kindern zusammen Esperanto oder irgendetwas anderes oder gingen miteinander spazieren. Es spielte keine Rolle. Von den Erfolgen der Hochleister konnte genauso gesprochen werden wie von den Problemen der Underachiever. Alles durfte sein und bekam seinen Platz. 
Die Eltern sahen ihre Kinder z. T. wie zum ersten Mal, und manch negativer Mechanismus in der Eltern-Kind-Beziehung konnte reflektiert und verändert werden.

Ich habe dieses Ostercamp wie ein kleines Wunder erlebt.

Ein ganz herzliches Danke an alle, die die Tradition des Ostercamps aufgebaut haben und an die, die sie nun aufrechterhalten und das Ganze unermüdlich und immer wieder neu jedes Jahr organisieren.

Zum 20-Jährigen gibt es einen Artikel in der Mainpost

 

Oh, wie schön! – Oh, wie schade!

Also ich freue mich wirklich!
Warum?

Der Lehrerfreund, ein großer Lehrerblog, hat die Wahl zum Lehrerblog 2009 ausgerufen.

Eine erlesene 20-köpfige Jury hat aus einer Vorauswahl aus 70 Pädagogenblogs insgesamt 10 gewählt, die in die Endausscheidung kommen. Es gibt drei Kategorien, auf das Alter der Blogs bezogen: Säuglinge, Etablierte, Veteranen.

Ich hatte mich schon gefreut, überhaupt wahrgenommen worden zu sein und als ein Blog unter 70 immerhin unter den “Etablierten” aufzutauchen – übrigens mit folgender Charakterisierung: “Speybridge: Blog rund um Bildung(spolitik) und Pädagogik, Fokus auf Hochbegabung. Beiträge sind meist ausführlich und meinungsschwanger.”  (Ist das eigentlich ein Kompliment??  ;-) )

Dann hatte ich mir eigentlich gar keine weiteren Gedanken und Hoffnungen gemacht, unter die “auserwählten 10” in die Endausscheidung zu kommen, denn mit dem Schwerpunktthema “Hochbegabung” bin ich ja vielleicht doch eher ein Exot.

Umso überraschter war ich, zu sehen, dass ich sozusagen mit auf Platz 11 gekommen bin – nach dem Motto: Knapp daneben, ist auch vorbei.

Da freu ich mich riesig!! Das ist schon toll und auch eine Wertschätzung, von dieser Jury so hoch eingeschätzt worden zu sein! Aber sooo knapp letztlich doch nicht in die Endausscheidung gekommen zu sein, ist dann doch auch ein gaaanz klitzekleines Bisschen schade.

Aus Sympathie für meine “Leidensgenossen”, hier die Aufzählung aller knapp Unterlegenen:

Knapp verpasst
Für viele gute Blogs hat es leider knapp nicht gereicht; dass sie in der Bildungsdiskussion von hohem Inhalts- und/oder Unterhaltungswert sind, ist unbestreitbar. Besonders fies hat es natürlich die erwischt, die wegen einer oder zwei fehlenden Stimmen nicht in die Endausscheidung gekommen sind. Betroffen waren hier …
… bei den Säuglingen
riecken.de und der Bildungswirt, die in einer vorösterlichen Stichwahl unterlagen.
… bei den Etablierten
speybridge, Andreas Roth – Fachberater Informatik, Bluemac – Aus der Schule | Aus dem Leben
… bei den Veteranen
reticon – Bildung und Neue Medien, rete-mirabile.net – Infos und Materialien für den Unterricht, norberto42 – Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)

Ich wünsche dem Lehrerfreund eine rege Beteiligung bei der Abstimmung.
Der beste Blog möge gewinnen! 

 

Mehr Geld für die “Guten”?

Viel ist in den letzten Wochen über den Lehrerberuf geschrieben worden. Ein weiterer Artikel, der all das, was da veröffentlicht wurde, irgendwie zusammenfassen will, aber dabei etwas konfus wirkt, ist in der aktuellen ZEIT zu finden: Boni für die Besten.

Die “revolutionäre” Idee:
“Eine leistungsorientierte Vergütung würde helfen, um die Besten in die Klassenzimmer zu holen. Wer seinen Schülern das meiste beibringt, sollte mit entsprechenden Boni belohnt werden. In Finnland gibt es diverse Zulagen für Lehrer, die sich zusätzlich engagieren, in benachteiligten Gebieten unterrichten oder besondere Leistungen in der Lehre erbringen. Es ist kein Zufall, dass der Lehrermangel in Deutschland gerade in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern besonders groß ist. Studierenden dieser Fächer stehen auf dem Arbeitsmarkt weit lukrativere Möglichkeiten offen – und die Leistungsorientiertesten unter ihnen werden sich eher nicht für den Lehramtsberuf entscheiden. In Deutschland ist Lehrer kein Beruf für diejenigen, die Leistung entlohnt sehen möchten. Wenn wir aber motivierten Menschen mehr materielle Anreize geben und durch Zugangsbeschränkungen zum Studium eine Auswahl der Besten anstreben, könnte dies ein klares Signal dafür sein, wie wichtig dieser Beruf für die Zukunft unseres Landes ist.”

Wenn das keine Qualitätsoffensive für ein besseres Bildungssystem ist…

 

Die Welt ist eine Gleichung

Mitten in den Ferien und so kurz vor Ostern etwas Buntes:
JETZT.de berichtet über den New Yorker Künstler Craig Damrauer, dessen Passion es ist, alles, was ihm über den Weg läuft, in eine Gleichung zu packen.
Das ist durchaus vergnüglich.

Beispiele:
DIVORCE = MARRIAGE / 2    
ARTHRITIS = YOUR HANDS + THE WEATHER FORECAST
MODERN ART = I COULD DO THAT + YEAH, BUT YOU DID’NT

Man lese hier und auf der Website des Künstlers.

 

Heilpädagogik online: Thema Hochbegabung

Die Fachzeitschrift Heilpädagogik online veröffentlicht in ihrem aktuellen Heft 02/09 interessante Artikel zum Thema Hochbegabung und Sonderpädagogik.

Das Heft kann man kostenlos downloaden!

Aus dem Inhalt:

Albert Ziegler
"Ganzheitliche Förderung" umfasst mehr als nur die Person: Aktiotop- und Soziotopförderung

Heidrun Stöger
Die Identifikation Hochbegabter basierend auf einem systemischen Begabungsansatz und deren Relevanz für Begabte mit heilpädagogischem Förderbedarf

Bettina Harder
Twice exceptional – in zweifacher Hinsicht außergewöhnlich: Hochbegabte mit Lern-, Aufmerksamkeits-, Wahrnehmungsstörungen oder Autismus

Philipp Martzog/ Heidrun Stöger/ Albert Ziegler
Neue empirische Befunde zum Underachievement Hochbegabter

Christine Sontag/ Julia Schäfer
Fördermöglichkeiten für Hochbegabte

Robert Grassinger
Beratung Hochbegabter

 

Dem Elternwillen ausgeliefert

Immer wieder gibt es Berichte wie den, der aktuell auf Spiegel online zu finden ist. Diesmal lautet der Titel Deutsche Schul-Boykotteure wollen Asyl in den USA:

“Der Fall sorgt für Aufsehen: Eine schwäbische Familie bibeltreuer Christen wollte ihre Kinder zu Hause unterrichten. Die Behörden verboten es, deshalb wanderte sie in die USA aus und beantragte Asyl als ‘politisch Verfolgte’. Ihre Unterstützer hetzen mit kruden Nazi-Parallelen gegen Deutschland.”

Auch die Süddeutsche berichtet: Flucht vor der Schulpflicht, ebenso die ZEIT: Schulpflicht ist richtig.

Jeder sollte “nach seiner Façon” selig werden dürfen, kein Thema –  und es mag tatsächlich den einen oder anderen Fall geben, in dem Homeschooling (vorübergehend) tatsächlich die beste Lösung für ein Kind ist. Auch in Hochbegabtenkreisen wird natürlich über “Unterricht zu Hause” diskutiert.
Mir bleibt das Ganze jedoch unsympathisch, daran hat sich nichts geändert (siehe hier).

Die Gefahr, dass Kindern die Auseinandersetzung mit der “bösen Welt draußen” versagt bleibt und sie auf Gedeih und Verderb dem – wie auch immer (ideologisch) geprägten – Willen ihrer Eltern komplett ausgeliefert sind, ist nicht zu unterschätzen.

Dazu die ZEIT: “Es ist gut, dass Deutschland an diesem Prinzip [der Schulpflicht] festhält. Denn wer hier von persönlicher Freiheit spricht, verwechselt etwas: Es geht nicht um die Freiheit der Eltern, sondern um das Wohlergehen der Kinder. Die haben ein Recht nicht nur auf Bildung, sondern auch auf individuelle Entfaltung und ihre eigene persönliche Freiheit. Sie kann durchaus über die Visionen ihrer Eltern hinausgehen.
Eltern haben zwar die Pflicht, für ihre Kinder zu sorgen und sie dürfen das auch entsprechend ihren Weltanschauung tun. Aber sie sollen deshalb noch lange nicht bedingungslos Macht ausüben. Das bedeutet es nämlich, wenn sie ihren Kindern andere Lebensentwürfe und Erfahrungen vorenthalten, die ihnen Lehrer und Mitschüler beibringen und vorleben. Die Schule ermöglicht es, viele Menschen und Sichtweisen kennen- und akzeptieren zu lernen und neue Talente zu entdecken.”

Elternwille – selbst der bestwollende –  kann dem Kindeswohl durchaus Schaden zufügen.
Das wird ungern gehört, gilt aber für viele Bereiche der Eltern-/Kindbeziehung.

Auch wenn unser Schul- und Bildungssystem eine ziemlich unübersichtliche und oft unbefriedigende Baustelle ist: Homeschooling kann die Lösung nicht sein.

 

Nur geradeaus ist zu wenig

Ein Bericht in Spiegel online “Bachelorstudenten ticken anders” beschäftigt sich mit den Veränderungen, die die Umstellung von Diplom- auf Bachelor-/Masterstudiengänge für Studenten mit sich bringt in Bezug auf Mentalität der Studenten, Art des Studierens, psychische Belange.

Im Interview meint der Politologe Roland Bloch, der für seine Doktorarbeit Studenten befragt hat, dass es seit Beginn des Bologna-Prozesses bei den Studenten der neuen Bachelor-Studiengänge einen deutlichen Trend zum stromlinienförmigen Akademiker gebe und sie anders “tickten” als die früheren Diplomstudenten:

”Selbstverständlich, schon weil sie ganz anders mit der Strukturierung in ihrem Studium umgehen und mehr Vorgaben berücksichtigen müssen. Das bleibt nicht ohne Einfluss auf die Mentalität der Studierenden. Die wird immer mehr von strategischen Überlegungen bestimmt. Insofern: Ja, Bachelorstudenten ticken anders, sie ticken vor allen Dingen strategischer. … Aus der Sozialerhebung des Studentenwerks geht hervor, wie sehr Bachelor-Studierende unter dem Leistungsdruck leiden.  Die Nachfrage nach Beratungsangeboten ist rapide gestiegen. Das Ziel der Reform, den Studenten bei der Organisation des Studiums zu helfen, wird verfehlt. Stattdessen hat die Unsicherheit zugenommen. … Die Verschulung des Studiums ist ein deutscher Sonderweg. Hier wurde strukturiert, wo Flexibilität gefördert werden sollte. Alles spricht dafür, dass die Reformen eher die Mobilität hemmen. Wegen der eng definierten Module und des straffen Zeitplans ist es kaum möglich, während des Studiums die Uni zu wechseln.”

Zeit, um neben dem Studium andere Aktivitäten zu entwickeln, wie z. B. das Organisieren von Uni- oder Schulprojekten, die Ausübung einer politischen Tätigkeit etc., die zwar vordergründig studienfern sind, aber doch wesentlich zur Erlangung verschiedenster Kompetenzen dienen, was durchaus relevant für die spätere Berufsfindung und -ausübung sein kann und nicht zuletzt die Persönlichkeitsreifung unterstützt, fehlt oft völlig.

“Stattdessen hat man heute immer die Berufsqualifikation im Blick – leider oft schon ab dem ersten Semester. Diese Anpassung geht aber an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts vorbei. Je stärker man ein Studium durchstrukturiert, desto mehr befördert man Stromlinienförmigkeit und verhindert produktive Umwege.

Ist zu befürchten, dass Hochschulen zu Ausbildungsbetrieben werden, die stromlinienförmige Menschen durch das Studium schleusen, die nur noch hypnotisiert wie das Kaninchen auf die Schlange den Studienabschluss im Blick haben und immer weniger in der Lage sind, Zusammenhänge zu erkennen, selbst zu denken und Kritik zu formulieren?

Dass diese Befürchtung nicht aus der Luft gegriffen ist, erfuhr ich in einem Gespräch mit einem jungen wissenschaftlichen Mitarbeiter einer Uni, der, selbst dem Studium kaum entwachsen, die Hände über dem Kopf zusammenschlägt angesichts der zunehmend mangelhaften inhaltlichen Qualität abgelieferter Seminararbeiten: zusammengeklöppelte Versatzstücke, bei denen Fakten, Diskussion, Meinung, Kommentar, Schlussfolgerungen bunt durcheinandergewürfelt nicht mehr differenziert werden, erstellt nach dem Motto: Hauptsache im Zeitplan, Hauptsache fertig.

Funktionieren statt Lernen statt Begreifen statt Position statt Erfahrung sammeln.

Das ist zu wenig.