Archiv für den November, 2008

Wissbegier ohne Ende

Einen wirklich ordentlichen Artikel zur Hochbegabung findet man bei Spiegel online.
Der Titel ist ein bisschen reißerisch, der Inhalt aber recht ausgewogen.

Man lese hier: Wütende Wissbegier

 

“Haustierhaltung” von Kindern als Motivations- und Kreativitätskiller

Wissensdurst wird durch Klugscheißerei verdorben titelt Spiegel online ein Interview mit dem Neurobiologen Gerald Hüther, in dem er beklagt, dass Kinder in einer von Erwachsenen geschaffenen sterilen Welt “gehalten” und überfürsorglich umsorgt werden, was Folgen hat für die Motivation und Lebenstüchtigkeit der Kinder – sich vor allem aber grundlegend negativ auf deren Gehirnentwicklung auswirkt.

“Kinder unter Daueraufsicht, die immer nur an der Hand von Erwachsenen umhergeführt werden, gleichen Haustieren, Stalleseln, die das Leben in der Freiheit nicht mehr kennen. Aus der Hirnforschung wissen wir, dass unter diesen Bedingungen die Ausreifung des Gehirns nicht optimal gelingt. Das Gehirn bleibt eine Kümmerversion dessen, was daraus hätte werden können.”

Eltern sollten stattdessen “…innerhalb ihres Wohnbereichs Räume schaffen, in denen die Kinder Dinge gestalten können. Denn das ist kindliches Spielen: gemeinsam Dinge gestalten, die nicht von Erwachsenen vorgeschrieben sind.”
Kinder “sollten Gelegenheit bekommen, eine selbstgestellte Aufgabe zu lösen, etwa ein Baumhaus zu bauen. Dabei erfahren sie, dass man das nicht hinkriegt, wenn man sein Werkzeug nicht zurechtlegt und nicht vorher einen genauen Plan gemacht hat. Kinder müssen eingeladen werden, sich als Weltentdecker und Gestalter dieser Welt zu betätigen – und das können sie am leichtesten im Spiel, nicht im Unterricht. …
Die meisten Eltern, viele Schulen und wahrscheinlich sogar einige Kultusbehörden haben noch nicht mitbekommen, dass die Wirtschaft und auch die Hochschulen am schlimmsten darunter leiden, dass dort junge Leute ankommen, die nicht genug Motivation mitbringen. Sie haben die Lust am Entdecken und Gestalten hoffnungslos verloren.
Wir versuchen immer, den Kindern in der Schule Sachwissen beizubringen. Dabei haben Pädagogen schon vor hundert Jahren darauf hingewiesen, dass es nicht darauf ankommt, einfach nur die Kulturgüter an die Kinder weiterzugeben, sondern darauf, in den Kindern immer wieder neu den Geist zu wecken, der die Kulturgüter hervorbringt.”

Wie sollen Kinder in einem Klima permanenter Überbehütung, die oft mit Liebe verwechselt wird, Lebensneugier, Entdeckerfreude, Lernmotivation entwickeln? Dass Kindern ständig die Trauben in den Mund wachsen, hat zur Folge, dass gar nicht mehr existentiell erlebt wird, dass man etwas tun muss, damit Leben funktioniert und gelingt. Die auf die Schulsituation reduzierte und isolierte Forderung, etwas “zu leisten”, verpufft oft im Unverständnis der Kinder und Jugendlichen, die dazu gar keinen Anlass sehen, weil alles ja auch ohne eigenen Einsatz weiter funktioniert: Essen steht auf dem Tisch, Wäsche ist gewaschen, Taxidienst läuft, Konsumartikel werden nach Wunsch geliefert etc. Wozu sich anstrengen, Frust ertragen, selbst aktiv werden?

Dabei geht es nicht darum, wertkonservative Vorstellungen durchzusetzen, sondern schlicht, wie der Neurobiologe sagt, um Fakten: um die optimale Hirnentwicklung bei Kindern.
Dass bei einem oft zwei Jahrzehnte dauernden “Drohnenleben” der Kinder die Hirnentwicklung nicht günstig verläuft, ist kein Wunder.

Es ist auf Dauer gefährlich, Kinder nur maximal zu “pampern” und zu Reproduzenten unseres Werte- und Bildungssystem zu machen, das mittlerweile ja nun auch nicht mehr den besten Ruf hat. Es geht darum, Kinder darin zu unterstützen, lebendige Menschen zu werden, die, ausgestattet mit grundlegenden Kompetenzen, Motivation und Lebensfreude, ihren Weg machen können.

Dies sollte Erziehungsmaxime sein, in Elternhaus, Schule und Gesellschaft – und nicht nur bezogen auf Kulturgüter:

Es kommt nicht darauf an, einfach nur Wissen und Bildung an die Kinder weiterzugeben, sondern darauf, in den Kindern immer wieder neu den Geist zu wecken, der Wissen und Bildung hervorbringt.

 

Ein Leben zum Schnäppchenpreis

Ausbeutung durch KiK und Lidl
Die Hose für weniger als fünf Euro: Näherinnen in Bangladesch zahlen einen hohen Preis, weil deutsche Konsumenten vor allem eines wollen – billig einkaufen.

Eine Näherin aus Bangladesh kommt nach Deutschland, um zu sehen, was aus dem wird, wofür sie sich krummlegt.

“Suma Sarker lächelt. Tausende Kilometer entfernt von der Heimat hat sie ihre Nähte gefunden. Sie muss das Schild nicht lesen, natürlich ist diese Hose aus Bangladesch. “Das sind meine”, sagt sie, schaut sich das Preisschild an, stutzt. 4,99 Euro, sie fragt den Übersetzer, lässt sich den Preis umrechnen, schaut ungläubig in die rot-weiße KiK-Ästhetik. “Very cheap”, sagt sie.

Ein Prozent Lohnkosten

Der Preis ist fast so schlimm wie die ewigen Flüche des Vorarbeiters in ihrer Fabrik, so schlimm wie die Angst, einen Fehler zu machen. Der Preis macht so deutlich, wie billig sie sind, die Millionen von Näherinnen in der Textilindustrie in Bangladesch. ‘Da ist ja auch das Material dabei und der Transport’, sagt sie, lässt die Hose gar nicht mehr los. 4,99 Euro. Kleidung clever kaufen, heißt der KiK-Slogan. Es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Gestern hat sie in einem teuren Kaufhaus ein in ihrer Fabrik genähtes T-Shirt gesehen, 35 Euro. Auch das ein Schock, wenn man sich vorstellt, dass eine Frau dort im Monat weniger verdient. ‘Das ist die Globalisierung’, sagt der Übersetzer, Suma Sarker nickt. Natürlich, was sonst.”

Viel mehr braucht man nicht dazu zu sagen.

 

Abseits der Norm…

… titelt die Süddeutsche Zeitung ein Interview mit dem Erziehungswissenschaftler Martin Textor über hochbegabte Kinder.

Ganz ordentlich, keine neuen Erkenntnisse.

Ein bisschen sehr naiv ist allerdings die Antwort des “Experten” auf die Frage, wie man sich verhalten solle, wenn man eine besondere Begabung beim Kind vermute:

“Man sollte dem Kind so früh wie möglich entsprechende Angebote erschließen, in Musikschulen, Sportvereinen oder Volkshochschulen. Intellektuelle Begabungen hingegen werden innerhalb des Bildungssystems gefördert

Naja, ob der Richtigkeit dieser Ansicht lachen leider oft und immer noch doch nur die Hühner… Da sollte der Herr Erziehungswissenschaftler eigentlich doch etwas besser Bescheid wissen.

Also: Man lese oder lasse es.

 

Diskussionswerte Aussage

Die Grundlage von Flexibilität ist Entscheidungsschwäche.

 

Pisa 2009 – Willst Du wissen?

Wenn Du willst, kuckst Du

- in der Süddeutschen Zeitung hier und hier
- bei Spiegel online hier mit weiteren Links
- bei ZEIT online den Artikel mit dem schönen Titel Sachsen zieht Bayern die Lederhose aus
- in der WAZ
- bei focus schule online
- bei der netzeitung

… und ich merke, dass ich noch stundenlangs Links zum Thema sammeln und anbieten könnte, und das nur, um mich daran zu hindern, einen Kommentar zum Ganzen abzugeben.

Also…dies aber doch: Ich gönne Sachsen alles Gute dieser Welt und den Schülern sowieso. Aber wie kann man Sachsen mit z. B. NRW überhaupt vergleichen? Nordrhein-Westfalens Schulministerin Barbara Sommer ist wirklich nicht meine Freundin, aber wo sie Recht hat, hat sie Recht: “So betrage beispielsweise beim Pisa-Sieger Sachsen der Migrantenanteil unter den Schülern weniger als drei Prozent. In Teilen des Ruhrgebiets liege er dagegen zwischen 30 und 40 Prozent. ‘Unter diesen Gesichtspunkten lassen sich keine fairen Vergleiche zwischen den Bundesländern herstellen’, sagte Sommer” – und das im Interview mit der WAZ.

Also, wenn Du willst, kuckst Du, was Du kucken willst…

Nur kucken, nix anfassen…