Archiv für den Juli, 2007

Befreiung von Studiengebühren bei Hochbegabung

Die TAZ bringt einen Bericht über die unterschiedlich gearteten Experimente diverser Universitäten damit, hochbegabten Studenten die Studiengebühren zu erlassen.

Die Hochschulen versuchen natürlich, sich zu positionieren und Hochleister für sich zu gewinnen. Daran gibt es nichts auszusetzen. In anderen Ländern ist das schon lange eine Selbstverständlichkeit.

Unendlich viel Geld wird staatlicherseits investiert für Förderschulen und -maßnahmen zugunsten der Kinder mit schlechter Begabung und mit Lernschwierigkeiten (Sonderpädagogik mit eigenen Studiengängen, Sonderschulen, Sonder.., Sonder…, Sonder…). Das alles hat natürlich ganz klar seine Berechtigung.
Wenn man aber zudem bedenkt, welchen Leidensweg hochbegabte Kinder oft immer noch zu gehen haben und dass diese Kinder zufrieden sein müssen mit dem, was das “normale” Schulsystem halt so bietet, dann halte ich die Befreiung von Studiengebühren für hochbegabte Studenten eigentlich nur für ein kleines Stückchen ausgleichende Gerechtigkeit – und nicht für die “unangemessene Bevorzugung einer Elite”.
Da das Vorkommen von Hochbegabung sich zudem durchaus nicht auf die finanzielle Oberschicht beschränkt, ist es ja auch nicht so, als würde man nur reichen Studenten noch mehr Geld hinterherwerfen.

Das Problem bei der Befreiung von den Studiengebühren sind natürlich die Kriterien.
Studenten von den Studiengebühren zu befreien, die eh’ schon von einer Stiftung Geld bekommen, halte ich eigentlich eher für unangemessen.
Die Abiturnote als Kriterium fällt schon deswegen aus, weil dann wieder einmal die Underachiver außen vor blieben, bei denen an der Uni vielleicht endlich einmal der Knoten platzen könnte.
Sinnvoller scheint mir das Vorgehen nach IQ zu sein. Das ist allerdings aus unterschiedlichsten Gründen natürlich auch nicht unangefochten.

Wie auch immer: Beschränkt man die Befreiung zunächst auf die ersten z.B. drei Semester, so kann sich ja zeigen, ob eine weitere Befreiung von den Studiengebühren bei einem hochbegabten Studenten sinnvoll ist.
Wobei sich bei einer Überprüfung dann natürlich auch wieder die Frage nach den Kriterien stellt …

 

Lehrerausbildung im Wandel

“Wir versuchen heute, Kinder des 21. Jahrhunderts von Lehrern mit einem
Ausbildungsstand des 20. Jahrhunderts in einem Schulsystem zu unterrichten, das im 19. Jahrhundert konzipiert wurde.”, so Andreas Schleicher, Koordinator der Pisa-Studien, die die Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung in Paris (OECD) regelmäßig weltweit durchführt.

So langsam scheint es durchgedrungen zu sein, dass sich in der Ausbildung der Lehrer Etliches ändern muss. Im Moment geht es weder den Schülern noch den Lehrern gut, wie in der WAZ zu lesen ist.

Ob ein “TÜV für Lehrer“, wie ihn die Jungliberalen fordern, sinnvoll ist, darüber lässt sich streiten. Juli-Chef Hafke: “Es kann nicht sein, dass Schülern per Zentralprüfungen ein hohes Niveau an Bildung abverlangt wird, Lehrer aber jahrzehntelang ungeprüft ihren immergleichen Unterricht abwickeln können.”
Das allerdings ist wahr. Ich habe selbst erlebt, dass eine Deutschlehrerin im Jahre 2005 ein so extrem altes Lektüre-Exemplar eines Theaterstückes hatte, dass sie von den Schülern aufgeklärt werden musste, dass Max Frisch schon lange nicht mehr lebte und schon 1991 gestorben war. Sie, die Deutschlehrerin, wusste das nicht. Ihr Büchlein war von 1980 – wie oft sie die Lektüre des Theaterstückes nach ihren dort befindlichen Notizen identisch durchgezogen hatte in diversen Klassen, darüber kann man nur spekulieren.

In NRW gibt es derweil sehr konkrete Pläne für eine Neuordnung der Lehrerausbildung. Man kommt wohl damit nicht ganz schnell voran wie gewünscht, aber man darf auf das Ergebnis gespannt sein. In jedem Fall wird es eine Verlagerung des Schwerpunktes der Ausbildung hin zu Praxisnähe und Pädagogik geben.

 

Lehrer aus aller Welt …

… berichten über ihren Alltag.

Der diesjährige Weltlehrerkongress, bei dem Lehrer aus aller Welt zusammenkommen, um über Bildung und Bildungswesen zu diskutieren, findet in diesem Jahr in Berlin statt.
Ein Artikel dazu ist zu finden in der SZ.

 

Hochbegabung im Osten Deutschlands

Gleich drei Artikel/Informationen fand ich zum Thema Hochbegabung in den neuen Bundesländern:

Berlin/Brandenburg: Zum kommenden Schuljahr 2007/2008 sollen sechs „Stützpunkte zur Begabtenförderung“ eingerichtet werden, in den Eltern von hochbegabten Kindern Hilfe suchen (und hoffentlich auch finden) können. Man lese im Tagesspiegel.

Ebenfalls in Brandenburg, in der Lausitz, sitzt eine Familie jedoch auf gepackten Koffern, um nach Dresden zu ziehen, damit der hochbegabte Sohn dort die BIP Kreativitätsschule besuchen kann. Darüber gibt es einen Bericht in der Lausitzer Rundschau.

In Sachsen-Anhalt will die DGhK (Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind) die Zahl ihrer regionalen Gesprächskreise erhöhen und sucht dafür kompetente Eltern und/oder Pädagogen. Nähere Infos dazu findet man in der Volksstimme.

 

Abitur mit 14 – na und?

Wieder etwas “ganz schrecklich Aufregendes”: ein Mädchen hat im Alter von 14 Jahren Abitur gemacht und das auch noch mit der Traumnote von 1,0.
Artikel und Meinungen darüber findet man hier (FAZ-NET), ein Interview mit Minu Tezabi, die sich als völlig normal erlebt, hier (SZ).

Wenn Lernen für ein Kind elementare Lebensfreude ist und diese nicht zerstört wird durch völlig unterfordernde Lerninhalte, dann ist da nichts Besonderes dabei, wenn ein Kind wie Minu im Alter von 3 Jahren das Planetensystem erforscht und Bauklötze nicht besonders prickelig findet.

Solch elementare Lern- und Lebensfreude zeigt sich z.B. darin, wie selbst erlebt, wenn ein Vierjähriger nur dann bereit ist, sich auch mal im Sandkasten zu “vergnügen”, wenn er vorher mit seiner Mutter ausführlich über den Friedhof gehen darf – und dann dort mit Freude die Namen auf den Grabsteinen liest und ausrechnet, wie alt die Leute geworden sind.

Oder darin, dass das liebste Ins-Bett-Geh-Ritual eines Fünfjährigen darin besteht, mit dem Vater “Heiteres Politiker-Raten” zu spielen – und dabei weltweit nicht zu schlagen ist.

Oder darin, dass ein Elfjähriger nur dann die Eltern im Urlaub auf einem Spaziergang rund um einen Alpensee begleiten will, wenn sie ihn englische Vokabeln abfragen und Sätze übersetzen lassen – und das 2 Stunden lang einfordert und durchhält, wobei die Eltern irgendwann fix und alle sind und ihnen nichts mehr einfällt.

Sich so individuell und originell zeigende Lernfreude ist dermaßen frisch und spontan und unorthodox, dass eigentlich sofort jedem einleuchten müsste, dass so etwas nicht antrainiert oder gar “gezüchtet” werden kann.

Es ist einfach ein Jammer, dass bei hochbegabten Kindern diese intrinsische Motivation, in der Lernen so existentiell wichtig und normal erlebt wird wie das Atmen, spätestens dann beschädigt, wenn nicht gar zerstört wird, wenn Kindergarten und Schule reglementiert Lernstoff auf einem unerträglich niedrigen Niveau bieten und nur Norm-Lernverhalten akzeptieren und belohnen.

Wenn bei Hochbegabung Lernfreude und -motivation nicht zerstört werden, das Kind sich frei entwickeln kann und ausgeglichen ist, wenn zudem familiärer und schulischer Hintergrund stimmen: Abitur mit 14 – warum dann nicht?

 

Stiftungsgelder

Wenn auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, so doch für einzelne begabte Studenten dennoch eine gute Nachricht: Es gibt im Moment relativ viel Stiftungsgelder – und zu wenige Studenten bewerben sich darum. Man lese in der WAZ.

Eine Stiftung zu gründen plant anscheinend die DGhK (Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind). Hier fehlt es aber noch an der “Grundausstattung”, dem Geld. Ein Bericht in der Frankfurter Neuen Presse.

 

Harry Potter und Hitchcock

Im Moment befinden wir uns im “pädagogischen Sommerloch”.
Nicht nur, um dieses Loch zu füllen – aber auch – gibt es jetzt heute hier “Dies und Das”.

Ich möchte ich mich z.B. aus der allgemeinen Hysterie nicht ganz ausschließen und auch in meinem Blog der allgemeinen “Pottermania” ein wenig Rechnung tragen.
Ich habe keines der Potter-Bücher gelesen, aber alle in der genialen Version des Rufus Beck gehört, wobei die Nachbarn sich schon häufiger einmal wunderten, dass ich vor dem eigenen Haus ewig in meinem Auto sitzenblieb…
Wer mag, der hat hier die Gelegenheit, ein ausführliches Interview mit Rufus Beck nachzulesen, das der Tagesspiegel veröffentlicht hat.

Der geniale Regisseur Hitchcock war menschlich ziemlich heftig, wie es aussieht. In der SZ habe ich eben zufällig ein interessantes Interview mit Tippi Hedren gefunden, der Hauptdarstellerin von Hitchcock’s “Marnie” und “Die Vögel”.

 

Nichts dazugelernt?

Im Streit um die Mitgliedschaft von Hildebrandt, Lenz und Walser in der NSDAP und die Möglichkeit, dass die Aufnahme in die Partei damals ohne ihr Wissen geschah, hat sich der Dramatiker und Schriftsteller Rolf Hochhuth zu Wort gemeldet.

Eine “Nation der Denunzianten” nennt er die Deutschen.

Als Beleg für seine These benennt er das vom Institut für Zeitgeschichte für 1941 ermittelte Faktum: “Hitlers Justizminister musste 1941 den Gerichten verbieten, Denunziationen nachzugehen, weil zu viele “Volksgenossen” ihre Volksgenossen unters Fallbeil bringen wollten!”

Auf “heute” bezogen zeigt sich nach Hochhuth die fatale Neigung der Deutschen zum Denunzieren z.B. in der Hexenjagd – vor allem auf namhafte Zeitgenossen, betrieben von einer Generation, “… die erst lange nach Hitlers Tod zur Welt kam, folglich absolut keine Gelegenheit hatte, seiner Partei beizutreten und daher mit einem reinen, weil niemals benutzten Gewissen lebt.”

Man lese in der WAZ.

 

Unschuldig schuldig

Tragödien haben viele dunkle Gesichter.
Ihr vielleicht dunkelstes Gesicht, oft auch Thema in den klassischen griechischen Tragödien, zeigt sich darin, dass jemand zum Schuldigen wird ohne eigentliche Schuld, ohne Absicht, ohne wirkliches Versagen.
Dies kann geschehen durch eine Verkettung ungünstiger Umstände, verhängnisvolles Handeln aus dem Nicht-Wissen eines Faktums heraus – oder eine Sekunde der Unmöglichkeit, alle Situationsvariablen wahrzunehmen und zu berücksichtigen

Ein Unfall mit Todesfolge für den Beifahrer – die Fahrerin bleibt völlig unverletzt und hat nicht wirklich einen Fehler begangen.
Welch grausame psychische Qualen dies für jemanden, der so schuldig geworden ist, ohne wirklich Schuld zu haben, zur Folge hat, bis hin zur Zerstörung jeglicher Lebensfreude und -qualität, ist exemplarisch nachzulesen in einem Artikel der SZ.

 

Der Elternwille…

… ist ein hohes Gut.
Es kann trotzdem nicht angehen, ihn in allem als Maßstab für wichtige Entscheidungen deren Kinder betreffend zu nehmen – und zwar durchaus gerade zum Schutz der Kinder.

Eltern meinen zwar immer, sie wüssten genau, was ihren Kindern gut tue und was sie bräuchten: Inhalte und Maßstäbe dessen, was sie ihren Kindern vermitteln oder manchmal auch aufzwingen wollen, sagen jedoch oft mehr über die Bedürfnisse und Prinzipen, Ideologien und auch Verirrungen der Eltern aus, als dass sie tatsächlich zum Wohl der Kinder wären.

Es ist kein Geheimnis, dass unser Schulsystem nicht mehr effektiv und zeitgemäß ist und nun wirklich nicht jedem Kind die richtige individuelle Förderung zukommen läßt. Das ist leider so und muss verändert werden, weil Kinder oft leiden unter nicht akzeptablen Unterrichtssituationen. Dabei ist es gut, dass es viele alternative Schulkonzepte gibt, die für einzelne Gruppen – unter staatlicher Aufsicht – individuelle Unterrichtskonzepte anbieten.

Konsequent weitergedacht könnte man meinen, es sei vielleicht sinnvoll, wenn es auch die freie Wahl der Möglichkeit der total individuellen Beschulung zu Hause gäbe: das völlig selbstbestimmte Lernen in der Familiensituation, so wie es z.B. das “Netzwerk Bildungsfreiheit” verlangt. Es geht um die Forderung: Weg mit dem Schulzwang und her mit dem Homeschooling.

Bei dieser Forderung nach der “Bildungshoheit der Familie” wird allerdings, meiner Meinung nach, die Grenze des sinnvollen Rufs nach Freiheit des Einzelnen und der Priorität des Elternwillens deutlich überschritten.

Zunächst mag der Gedanke bestrickend sein, Kinder frei vom oft frustrierenden Schulalltag individuell und persönlich in der Familiensituation zu Hause beschulen zu dürfen.
Zu Ende gedacht kann sich diese Wunschvorstellung für einzelne Kinder jedoch durchaus zum Horrorszenario entwickeln – und auch gesamtgesellschaftlich gesehen birgt diese Forderung große Gefahren in sich.

Verblieben Kinder z.T. bis zum Erwachsenwerden “rundum” in der Familie – und von dieser ausschließlich kontrolliert,
-  wären die Kinder den Eltern und der jeweiligen “Familienideologie” ausgeliefert
-  würde der Aufbau einer wirklich eigenständigen Identität für die Kinder extrem erschwert, weil es für die Heranwachsenden kaum Möglichkeiten gäbe, alternative Denk- und Lebensformen kennenzulernen und auszuprobieren
-  wäre jedweder extremen Haltung in der Erziehung Tür und Tor geöffnet.
Oft geht es den Eltern nämlich nicht wirklich um ihre Kinder, sondern um die Weitergabe unterschiedlichsten ideologischen Gedankengutes – und Kinder können sich nicht wehren in einer symbiotischen Situation, in der sie quasi “inzuchtmäßig” der Familienideologie ausgeliefert sind und alternativlos nicht anders können, als sich mit dem Familiensystem zu identifizieren.

Scientologen, Eltern, die Sexualunterricht ablehnen, ihren Kinder die Teilnahme am Sportunterricht oder den Umgang mit den modernen Medien verbieten wollen, Zeugen Jehovas, politisch links/rechts Extreme, Eltern, die jedweden wissenschaftlichen/biologischen Ansatz ablehnen und nur die Schöpfungsgeschichte als Ursprung des Lebens unterrichtet haben wollen (Kreationismus) – kurzum: jedwede extremreligiöse, extrempolitische und/oder sektiererische Richtung könnte so zu Hause ihre kleine “Parallelgesellschaft” aufbauen.

Es kann nicht im Sinne unserer Gesellschaft sein, fundamentalistische Tendenzen in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu unterstützen oder auch nur zuzulassen.
Zudem – man mag es vielleicht nicht gerne hören: Nicht alle Eltern tun ihren Kindern gut.

“Freiheit, die ich meine”, kann auch in einem demokratischen Staat nicht bedeuten, allen alles zu gewähren.
Ausnahmen sollten dabei aber in besonderen Fällen durchaus möglich sein und in Offenheit erlaubt werden.
Aber auch nur dort: in Ausnahmefällen.
Bei der Untersuchung dieser Einzelschicksale muss allerdings immer und ohne Ausnahme und ganz eindeutig das sorgfältigst ermittelte Kindeswohl Maßstab für eine Entscheidung sein – und nicht allein der Wille der Eltern.