Archiv für den Mai, 2007

Volle Denkleistung schon mit 11

Wenn die Studien stimmen, die die SZ in ihrem Artikel “Schnelle Hirnentwickung” als Basis nimmt, dann entspricht die Denkleistung der 11-12 Jährigen schon der der Erwachsenen – und alles andere ist danach nur noch Festigung des Gelernten und Ansammlung zusätzlicher Fakten.

Die Konsequenz aus einer solchen Erkenntnis müsste doch folgende sein:
             Fakten lernen, das geht auch später!
Wichtig sind zunächst:
             Methoden-Lernen,
             Lernen, Prinzipien zu erkennen und zu durchschauen,
             Lernen, Transferleistungen zu erbringen,
             Lernen, kreative Lösungswege zu entwickeln etc.

Und genau das erfolgt nicht wirklich – was sich rächt darin, dass Schüler zwar jede Menge isoliertes Wissen “pauken”, nicht aber lernen, Zusammenhänge zu erkennen – weder die zu anderem Wissen noch die zu ihrem eigenen Leben. Pisa lässt grüßen.
Die Bahnen werden einfach nicht gelegt.
Das ist der Grund, warum aus Wissen keine Bildung mehr erwächst.

Das ist auch der Grund, warum hochbegabte Kinder, ungefördert, im normalen Klassenunterricht oft verzweifeln: Für sie ist das alles normal: Prinzipien durchschauen und auf kreative Weise den Transfer zu leisten.
Statt das als wünschenswert anzuerkennen, wird dies abgewertet. Kein Wunder, dass Hochbegabte sich Schädel und Gemüt zerschlagen an kleinschrittigem Faktenlernen.

Und auch für alle anderen Schüler gilt: Welche Verschwendung an Ressourcen!

 

Perfektionismus

Eine bei hochbegabten Kinder sehr häufig anzutreffende ganz typische Eigenschaft ist der Perfektionismus. Oft findet sich bei diesen Kindern in allen Dingen ein “Ganz oder Gar-nicht”, egal, ob es sich ums Basteln, um Sport, Musik oder wissenschaftliche Experimente handelt. Die Angst davor, nicht ein – in ihren Augen und nach ihren hohen Ansprüchen – absolut perfektes Ergebnis zu produzieren, lässt sie häufig von vorneherein auf eine Aktivität völlig verzichten. Oft vernichten hochbegabte Kinder auch durchaus gute Dinge und das in äußerst bösem Zorn, weil diese ihren überhöhten Ansprüchen nicht genügen.
Legendär ist das dreijährige Kind, das zur großen Sorge der Eltern, denen auch ratlose Ärzte nicht helfen konnten, noch nie ein einziges Wort gesprochen hatte. Eines Tages nun beim Abendessen ertönte aus dem Munde ebendieses Kindes klar und deutlich: “Wie lange soll ich noch warten? Könnte mir bitte endlich einmal jemand die Butter über den Tisch reichen!” Alle Anwesenden erstarrten verständlicherweise.

Bei Hochbegabung – aber natürlich nicht nur dort – kann Perfektionismus zur bösen Falle werden, weil die davon Betroffenen sich in vielen Dingen damit selbst im Wege stehen. Ob sich je ein Perfektionist von seinem Drang nach Vollkommenheit abbringen lassen wird, ist fraglich; ein paar gute Tipps dazu gibt’ immerhin und zwar hier.

 

Was und Wie

WAS und WIE sind unzertrennbare Bestandteile eines jeden Handelns. Das WAS ist der wahrnehmbare äußere Teil, der Inhalt der Handlung mit ihren Umgebungsvariablen und Bewertungskriterien wie “richtig”, “falsch”, “lästig”, “aufregend”, “notwendig”. Das WIE ist dagegen die der Ausführung der Handlung zugrunde liegende und sie prägende “unsichtbare” Qualität.

Heutzutage dominiert häufig das WAS, die Menge des Tuns im Multitasking, die Außergewöhnlichkeit und Brillanz des Getanen, die Korrektheit von Handlungen, der Status und die Bezahlung, die Tun verleiht.
Von der Qualität des Tuns, die über ein “richtig” oder “falsch” weit hinausgeht und die letztlich nichts mit Erfolg oder Misserfolg von Handlung zu tun hat, wird weniger geredet.

Das, WAS zu tun ist in unserem Alltag, ist sehr häufig festgelegt und wenig veränderbar. Vollständig frei aber sind wir darin, WIE wir die Dinge tun, die wir tun und häufig tun müssen.

Um Missverständnissen sofort vorzubeugen: Beim WIE des Tuns geht es nicht darum, keine Fehler zu machen, die Dinge “besonders gut machen zu wollen”, sie artifiziell zu überhöhen, zu ziselieren, durch ein überbewusstes Zeitlupentempo zu verfälschen oder mit anderen Mitteln zu verkünsteln.

Bei WIE geht es um den Zustand, aus dem heraus man das tut, was zu tun ist. Es geht um Wahrhaftigkeit, Ernsthaftigkeit, Authentizität, Identität mit dem Tun, ohne verzerrende Ich-Bedürfnisse damit befriedigen zu wollen.

Ein erhellendes Beispiel dafür, dass “perfektes” Tun dennoch einem falschen Zustand entspringen kann, findet sich in dem wunderbaren Buch von Pascal Mercier “Nachtzug nach Lissabon“:

“Der Nachmittag begann mit Griechisch. Es war der Rektor, der unterrichtete, der Vorgänger von Kägi. Er hatte die schönste griechische Handschrift, die man sich denken konnte, er malte die Buchstaben förmlich, und besonders die Rundungen – etwa im Omega oder Theta, oder wenn er das Eta nach unten zog – waren die reinste Kalligraphie. Er liebte das Griechische. Aber er liebt es auf die falsche Weise, dachte Gregorius hinten im Klassenzimmer. Seine Art, es zu lieben, war eine eitle Art. Es lag nicht daran, dass er die Wörter zelebrierte. Wenn es das gewesen wäre – es hätte Gregorius gefallen. Doch wenn dieser Mann virtuos die entlegensten und schwierigsten Verbformen hinschrieb, so zelebrierte er nicht die Wörter, sondern sich selbst als einen, der sie konnte. Die Wörter wurden dadurch zu Ornamenten an ihm, mit denen er sich schmückte. … Sie flossen aus seiner schreibenden Hand mit dem Siegelring, als seien auch sie von der Art der Siegelringe, eitler Schmuck also und ebenso überflüssig. Und damit hörten die griechischen Wörter auf, wirklich griechische Wörter zu sein. Es war, als zersetzte der Goldstaub aus dem Siegelring ihr griechisches Wesen, das sich nur demjenigen erschloß, der sie um ihrer selbst willen liebte.” (btb, S. 55)

Es ist mittlerweile aus der Hirnforschung bekannt, dass im Menschen nur sehr wenige der konkret wahrnehmbaren Phänomene eine Rolle spielen bei der Wahrnehmung und Einschätzung von Personen und Vorgängen oder bei Entscheidungen. Es sind diese “unsichtbaren” WIE-Qualitäten wie Aufrichtigkeit, Integrität und Selbstlosigkeit bzw. ihre Gegenteile, die wir unbewusst aufnehmen und auswerten.

Es ist das WIE, das über die Qualität unseres Handelns entscheidet. Das WIE ist Ausdruck unseres Geworden-Seins als Menschen, Ausdruck unseres Reifezustandes. Deswegen ist es letztlich unmöglich, das WIE unseres Tuns zu manipulieren. Sehr wohl aber können wir es verändern und verbessern durch die Intensivierung des Entwicklungsprozesses auf dem Weg zu uns selbst.

In einer Geschichte aus dem Zen-Buddhismus wird die Bedeutung der WIE-Qualität wiederum deutlich: Ein berühmter Meister machte sich die Mühe, einen anderen Meister in seiner Einsiedelei aufzusuchen. Auf die erstaunte Frage, warum er, der große Meister, denn noch zu einem anderen Meister gegangen sei, antwortet er: “Ich wollte zu ihm, um zu sehen, wie er seine Schuhe zuschnürt.”

Nichts Besonderes. Authentizität, Identität. Das Einfache als Ausdruck der Vollendung.

 

Bindung und Bildung

“Am vergangenen Wochenende haben weltweit renommierte Bindungsforscher auf einem Kongress in der Universität Frankfurt auf die Notwendigkeit stabiler Bindungen als Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung von Kindern hingewiesen. Eines der Ergebnisse lautete: Bindung geht vor Bildung. Ohne Bindung, ohne emotionale Stabilität ist auch das Lernen-Können schwierig. Aber umgekehrt nutzt ohne Bildung auch die Bindung wenig. Angesichts der demografischen Entwicklung braucht man beides in erhöhtem Maße, denn die wenigen Kinder müssen, um Wohlstand und Produktivität halten zu können, lernfähiger und besser ausgebildet sein. Das ist nicht nur eine Frage der Bildungseinrichtungen wie Schule und Universität, sondern wegen der knappen Ressourcen auch eine Frage der Entdeckung und Förderung von überdurchschnittlich Lernfähigen, sprich von Hochbegabten.”

In einem Beitrag des Deutschlandradios, aus dem das obenstehende Zitat stammt, wird völlig zurecht auf die emotionale und soziale Komponente von Lernen und Entwicklung hingewiesen.

Peter Lex, der Ratsvorsitzende der Frankfurter Karg-Stiftung für Hochbegabtenförderung, sagte dort im Interview:
“Das ist genau der Ansatzpunkt unserer Stiftung. Die befasst sich damit, dass Hochbegabte nicht allein in ihrem Elfenbeinturm der eigenen Hochbegabung sitzen gelassen werden, sondern dass sie soziale Fähigkeiten entwickeln, dass sie also lernen, ihre Fähigkeiten der Hochbegabung auch der Gemeinschaft zukommen zu lassen. Die Allgemeinheit muss davon profitieren.”

Wie richtig und wie wichtig!

Und, es passt in diesen Zusammenhang: wieder hatte ich aktuell mit einem hochbegabten Kind zu tun, von dem ich nicht weiß, wie es soziale Kompetenz überhaupt lernen soll und kann, weil mit ihm selbst unmenschlich umgegangen wurde:
Der eigentlich ganz unkomplizierte Jungen ist, da seine Hochbegabung nicht früh genug erkannt wurde, auf der Realschule gelandet. Da man dort nichts mit ihm anfangen konnte, setzte man ihn einfach ganz nach hinten, an einen einsamen Tisch noch hinter die Klassen-U-Form, ganz allein, ganz isoliert. Und man kümmerte sich nicht, obwohl die Schulpsychologin irgendwann auf die Unterforderung explizit hinwies. Maßstab für individuelles Lernen sei der Klassenverband, wurde abwehrend gesagt. Selbst auf Bitten der Eltern hin wurde der Junge noch nicht einmal umgesetzt. Und jetzt soll er in der 6. Klasse mit etlichen Fünfen sitzenbleiben. Das würde dann Hauptschule für den Jungen bedeuten.

Es ist wichtig und richtig, von Hochbegabten zu erwarten, dass sie sich in der Gesellschaft sozial kompetent bewegen. Aber das Ganze ist ein Nehmen UND ein Geben. Traumatisierte Kinder werden leider schnell zu neurotischen Erwachsenen. Das ist nicht nur bei hochbegabten Kindern so. Deshalb ist es so unglaublich wichtig, Kinder, gerade auch hochbegabte Kinder, ernstzunehmen, wertzuschätzen, zu loben und zu fördern.
Wie heißt es so schön – simpel, aber ausdrucksstark: Von nichts kommt nichts, und man erntet, was man gesät hat.

 

Online-Handbuch zur Hochbegabung

Es gibt etwas Neues: ein Online-Handbuch zur Förderung hochbegabter Kinder in KiTas.
Das Handbuch wurde am letzten Wochenende in Königswinter auf der 4. IHVO-Fachkonferenz “Hochbegabtenförderung in Kindertagesstätten” vorgestellt.
Dabei handelt es sich nicht um ein abgeschlossenes Werk: das Handbuch ist auf Zuwachs ausgerichtet und wird immer weiter ergänzt werden.
Herausgeber/innen sind Hanna Vock, unter der Mitarbeit von Barbara Teeke und derTeilnehmerinnen und Teilnehmer der IHVO – Zertifikatskurse.

 

Mythos Ameise

Fleiß und unendlicher Gemeinschaftssinn: die Ameise wurde lange dem Menschen als “Vorbild” hingestellt.
Jetzt stellt sich heraus: Ganz so ist das nun wirklich nicht…
Wieder eine Illusion weniger. Man lese in der SZ.

 

Vom Reden und (Nicht-) Zuhören

Frauen reden, Männer hören nicht zu -
Das ist wohl DAS Dauerkrisenthema in Beziehungen – vermutlich schon seit es die unterschiedlichen Geschlechter überhaupt gibt.
Zur ständig fehlschlagenden Kommunikation zwischen Männer und Frauen findet sich in der SZ ein vergnüglicher und die Phänomene recht realistisch auf’s Korn nehmender Artikel.

Jetzt gibt’s zu dem Thema noch etwas zu lesen. Frauen sollen demnach 23.000 Worte am Tag produzieren, Männer gerade mal 12.000.
Studien ergaben zudem, dass weibliche Embryos im Mutterleib ihren Kiefer schon 30% mehr bewegen als männliche.