Archiv für den Oktober, 2006

Duell

Armin (Name geändert), 12, gerade aus England zurückgekehrt, benutzt im Englischunterricht ein Wort, das der ältere Englischlehrer, der schon seit Jahrzehnten keinen Fuß mehr auf britannischen Boden gestellt hat, nicht kennt.
Der Lehrer will auch partout nicht anerkennen, dass es dieses Wort überhaupt gibt.
Er läßt auch nicht gelten, dass Armin dieses Wort in England nicht nur gehört, sondern auch in der Zeitung gelesen haben will.
“Du kannst jetzt mal Deinen vorlauten Mund halten”, raunzt er den Schüler an.
Auf Deutsch, versteht sich.

Der 12-Jährige sieht seinem Lehrer daraufhin fest in die Augen und sagt den bemerkenswerten Satz:
“Ich würde mich jetzt so gerne mit Ihnen geistig duellieren – aber ich muss sehen, dass Sie leider völlig unbewaffnet sind.”

Er sagt das ganz ruhig.
Dafür gab’s dann einen Eintrag ins Klassenbuch und einen Anruf bei den Eltern.

Der Gewinner?

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Berlin Berlin – Kunst und Aktion 2

Noch einmal unterwegs in Berlin 2006:

Eine weitere, völlig unerwartete und verblüffende Kunstbegegnung erlebte ich in der Nähe der Oranienburger Straße.

Auf dem Weg zu den Hackeschen Höfen kam ich an einer Kirche vorbei und warf eher zufällig einen Blick hinein, weil das Portal offen und der Innenraum erleuchtet war.

Ich erstarrte…

… und blickte frontal in die offenen Augenhöhlen eines überdimensional großen, grinsenden Totenschädels.

Sofort trat ich in das Innere des Gebäudes ein und befand mich in einem schönen, sehr sorgfältig restaurierten Kirchenraum, der vollständig leer war – bis auf ein riesiges, 17 m langes, horizontal ausgerichtetes Skelett.

Es war der blanke Schädel dieses Skelettes, der, nach außen grinsend, mich so unerwartet begrüßt hatte und mit offenen Armen empfing.
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Von einem Moment zum anderen war ich völlig herausgerissen aus meinem touristischen Programm und hineinkatapultiert in die existentielle Frage nach Leben und Tod.
Genau das war und ist wohl die Zielrichtung dieser Aktion. Wirklich gelungen!

Interessant war, zu beobachten, wie sich die Besucher, meist genau so durch den Überraschngseffekt an der Tür eingefangen wie ich, in der unerwarteten Situation im Raum mit dem Skelett verhielten. Die meisten verharrten zunächst im Türbereich, wohl um sich erst einmal zu orientieren. Dann begannen sie, sich in den Raum hineinzubewegen und gingen – immer nur um das Skelett herum. Vorsichtige Annäherung – doch die Distanz blieb.

Berührungsangst mit dem Tod

Dabei war es gar kein Problem, sich in die offenen Arme des Gerippes hineinzubewegen, sich in sein Inneres zu begeben, dort zu verharren oder umherzustreunen, mit einem ernsten Grinsen im Gesicht die Rippen des Skeletts zu zählen und sich mit einem kosmischen Lachen dem Memento Mori hinzugeben…Â

“Hört, hört! Leben und Tod sind ernste Dinge. Schnell vergeht die Zeit. Seid wachsam!”

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Berlin Berlin – Kunst und Aktion 1

Unterwegs in Berlin 2006:

Was mich in Berlin vor allem auch begeistert hat, ist, dass es dort keine Ungewöhnlichkeit darstellt, an den unerwartesten Orten plötzlich mit Dingen, Kunst und Aktionen konfrontiert zu werden, mit denen man nicht gerechnet hätte, nicht hätte rechnen können.

So z.B. mitten in den Gängen der U-Bahnstation Alexanderplatz.

Plötzlich, im hektischen Hin und Her der Fahrgäste, erlebt man sich konfrontiert mit einem regelrechten Altar, wie man ihn im Fernsehen gelegentlich sieht, wenn ein unerwarteter Todesfall, vor allem eines Kindes, Menschen dazu bewegt, Blumen, Kerzen, Spielzeug, Stofftiere etc. zum Gedenken zusammenzulegen.
Kitschig, bunt, sentimental, übersteigert – aber auch anrührend, so dass man stehenbleibt und schaut, worum es geht.
Genau so.

Dieser Altar, so stellt man allerdings überrascht fest, gilt jemandem, der schon lange tot ist, einer Künstlerin, die sicherlich kaum mehr eine Rolle im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit spielt: Ingeborg Bachmann.

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Es geht eine eigentümliche Faszination von dieser unterirdischen Szenerie aus. Die gewollte Verfremdung durch die Konfrontation von Dingen, die so gar nicht zusammenpassen, macht aufmerksam: eine solch kitschig-bunte Altarinstallation für eine so spröde Schriftstellerin wie Ingeborg Bachmann – das reizt zum erstaunten Lachen, zum Einspruch, aber macht auch neugierig.

Menschen, die sicherlich von nie von Ingeborg Bachmann gehört haben, halten inne, nehmen sich einige Minuten Zeit, um sich ihren Lebenslauf anzusehen, einem Video zu lauschen, in dem sie mit ihrer extrem monotonen und ausdruckslosen Stimme einen ihrer Texte rezitiert, ein Gedicht zu lesen oder einfach dieses quietschbunte Ensemble zu bestaunen und zu schmunzeln.

In diesem Altar kommt auch Ingeborg Bachmanns berühmestes Gedicht zu Ehren:

 REKLAMEÂ

wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsere fragen und den schauer aller jahre
in die traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn totenstille
eintritt

Eindeutig: die Menschen, die einen Blick auf diese Kunstinstallation geworfen haben – oder auch mehrere -, gehen anders weiter, als sie zuvor gegangen sind.

Etwas ist geschehen.

Nichts Schönres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein.

Vielleicht haben sie ja diesen Satz gelesen und mitgenommen…

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Prekariat

Abgesehen davon, dass dieses Wort, Prekariat, alle Chancen hat, Karriere als „Unwort des Jahres 2006“ zu machen, ist es so prägnant und provokativ, dass ich mich dazu motiviert fühle, es einmal in ganz anderem Sinne als dem momentan aktuellen anzuschauen.

Wir alle sind mittlerweile „Prekariat“, Menschen in problematisch-prekärer Situation – einfach in unserem Mensch-Sein, einfach dadurch, dass wir Menschen sind und die Welt so ist, wie sie ist.

Eigentlich, von unserem Ursprung her, sind wir das natürlich nicht, Prekariat. Da sind wir lebendige Wesen, ein jedes in seiner eigenen Würde, dazu berufen, zu wachsen, zu werden, eine je eigene Individualität zu entwickeln.

Eigentlich!

Prekär wird die Situation eines jeden von uns durch die immer weiter fortschreitende, perfid-selbstverständliche
ÖKONOMISIERUNG DES MENSCHEN.

Durch die Reduzierung des Menschen auf einen Wirtschaftsfaktor, ja, auf ein Wirtschaftsrisiko, wird ihm die eigene Existenzberechtigung genommen in seinem Eigen-Sein, in seiner Würde.
Der Mensch wird degradiert zu einem Objekt eines wirtschaftlich-technokratischen Denkens mittels einer Sprache und eines Handelns, die ihn in seinem Mensch-Sein entwürdigen zu einem Wachstums-Risiko bzw. einem Mittel zur Gewinn-Maximierung. Was geschieht, ist eine psychisch/geistige Verelendung und Entmenschlichung des Individuums.

Kinder sind „Armutsrisiko“; wenn sie Glück haben, sind sie „Humankapital“. Später dann werden sie zur „vielversprechenden Zielgruppe“ kommerzieller Anbieter, zum „Quotenpotenzial“ unsäglicher Fernsehsendungen.
Wenn sie Pech haben, gehören sie zum problematischen „Selektionsrest“, für den es eine Lösung zu finden gilt durch einen „Casemanager“ beim Jugendamt.

Ist der Mensch erwachsen und arbeitsfähig, ist die Gefahr sehr groß, schnell zu den „Belegschaftsaltlasten“ eines Konzerns zu gehören, ein „überkapazitäres Belegschaftsmitglied“ zu sein, das, um die beachtlichen Gewinne des Konzern noch weiter zu steigern, flugs zum „Globalisierungsopfer“ gemacht wird im Rahmen einer generellen „Personalentsorgung“, aus der sich dann ganz schnell eine spürbare „Entlassungsproduktivität“ für den Konzern ergibt, was durch die Aktienkurse prompt honoriert wird.
Immerhin gibt es in der Arbeitslosigkeit, als „Kunde“ einer Arbeitsagentur, die Möglichkeit, „Ich-AG“ zu werden. Gelingt dem Arbeitslosen keinerlei Reintegration in den „Markt“, so kommt schon einmal ein Manager auf die Idee, von „Wohlstandsmüll“ zu reden.

Bei gesundheitlichem Ausfall ist man im Krankenhaus nur als „Fallpauschale“ etwas wert.

Wird er älter, so droht der Mensch zum Teil der bedrohlichen „Rentnerschwemme“ zu werden mit einem „Langlebigkeitsrisiko“ für Versicherungen, denen ein „sozialverträgliches Ableben“ durchaus genehm wäre.
Im Altenheim oder als „Klient“ der Mobilen Pflege hat der Mensch Anrecht auf eine Pflege, die ihm – als Rollstuhlfahrer! – insgesamt acht Minuten für den Klogang bewilligt, inklusive An- und Abfahrt, Aus- und Anziehen. Mehr kann nicht abgerechnet werden.

Für die Entsorgung von „Sozialleichen“ muss leider die Stadt aufkommen.

Unsere Situation ist prekär.
Wer einen “Werteverlust” in der Gesellschaft beklagt, mit dem Finger auf Verrohung, Verwahrlosung und psychische Verelendung zeigt und gleichzeitig den Blick starr auf Aktienkurse und Gewinnprognosen gerichtet hält, ist ein Heuchler und Teil des Problems.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“….

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Nachtrag (22.10.): Im Blog Epiphanius’ Wortbruch fand ich eben interessante weitere Gedanken zu diesem Thema….

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Auf, auf!

Ganz häufig erlebe ich, dass vor allem Frauen weit weit unter ihren Möglichkeiten bleiben, sich über alle Gebühr zurücknehmen, zu allem Ja und Amen sagen – und sich und die ganze Welt mit ziemlich melancholischen Augen sehen.

Meist stagnieren sie in ihrer Entwicklung, gehen keinen Weg nirgendwohin und erleben in Abwandlungen immer wieder dasselbe Dilemma, immer wieder dieselben Enttäuschungen – und fühlen sich dann natürlich darin bestärkt, dass sie in ihrem Leben nicht wirklich glücklich werden können.
Oft sind sie überfürsorgliche Mütter, die nicht loslassen können.
Oft seufzen sie und nörgeln, klagen. Klagen vor allem an.

Wirklich ändern wollen sie – trotz anderslautender Bekundungen – meist nichts.
Ihr Unglücklichsein, ihr selbstgewähltes Gefängnis, ist immerhin bekanntes Terrain, die Freiheit furchterregend unbekannte Weite….
Ihre Sätze lauten häufig: “Wenn die Situation (nicht) so und so wäre, dann würde ich…”.
Ihre Sätze beginnen mit: “Ich kann doch nicht…” und vor allem mit “Ja, aber…”

Natürlich ist die Atmosphäre um sie herum dadurch recht negativ getönt; deshalb ist oft der Teufelkreis von weiteren, immer ähnlich gelagerten, Enttäuschungen und Klagen und Seufzern und negativen Bestätigungen perfekt.

Stillstand.
Depression.

All denen seien die Worten von Nelson Mandela gewidmet

Nelson MandelaAuszug aus der Antrittsrede als Präsident von Südafrika 1994

Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes,
die in jedem Mensch von uns ist,
zu offenbaren.

Unsere tiefste Angst ist nicht,
dass wir unzulänglich sind.
Unsere tiefste Angst ist,
dass wir grenzenlose Kraft in uns haben.

Es ist unser Licht und nicht unsere Dunkelheit,
vor dem wir uns am meisten fürchten.

Unsere tiefste Angst ist nicht,
dass wir unzulänglich sind.
Unsere tiefste Angst ist,
dass wir grenzenlose Kraft in uns haben.

Wer bin ich schon, fragen wir uns,
dass ich hervorragend, talentiert
und fabelhaft sein soll?
Aber ich frage dich,
wer bist du,
dies alles nicht zu sein?

Du bist ein Kind Gottes.

Dich kleiner zu machen, dient unserer Welt nicht.
Es ist nichts Erleuchtendes dabei,
sich zurückzuziehen und zu schrumpfen,
damit andere Leute nicht unsicher werden,
wenn sie in deiner Nähe sind.

Wir sind geboren worden,
um den Glanz Gottes, der in uns ist, zu verwirklichen.
Er ist nicht in einigen von uns,
er ist in jedem einzelnen Menschen auf der Welt.

Wenn wir unser eigenes Licht strahlen lassen,
geben wir unbewusst unseren Mitmenschen
die Erlaubnis, dasselbe zu tun.

Wenn wir uns von unserer eigenen Angst trennen,
befreit unsere Gegenwart uns selbst und unsere Mitmenschen.

Also: Auf, Auf!

 

Berlin Berlin – Stelenfeld

Unterwegs in Berlin 2006:

Jahrelang andauernd. Unendlich die Diskussion der Argumente pro und kontra:

2005 wurde dann doch das Stelenfeld des Architekten Peter Eisenmann eingeweiht: das Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Es handelt sich um ein Labyrinth aus 2711 grauen Betonstelen unterschiedlicher Höhe: 0,20 m – 4,70 m. Von oben sieht es aus wie ein graues Wellenfeld.

S1Je nachdem, von wo aus man das Feld betrachtet, schaut man über es hinweg auf die futuristische Anlage des Potsdamer Platzes oder aber über die Rückseite des exklusiven Hotels Adlon hin zum Brandenburger Tor und Reichstag.


Ein bemerkenswert fremder Ort in bemerkenswert prominenter Lage.

Verfremdung von Wahrnehmung ist Ziel und Zweck der ungewöhnlichen Anlage, um, jenseits aller informationslastiger Aufklärung, ein Gefühl zu erzeugen, das jenseits aller Normalität liegt: ein Gefühl von Ausgeliefert-Sein, Fremdheit, Isolation, Bedrohung. Der Versuch, für die Augenblicke des Begehens dieses Feldes eine Emotion zu wecken, Stille zu erzeugen und durch die Fremdheit des Erlebens ein Gedenken zu erzwingen an das Unvorstellbare, das 6 Millionen Juden in Europa während des Dritten Reiches erlebt haben.

Beim Besuch des Stelenfeldes soll der Besucher die Stimmen der Opfer hören, das ist Eisenmanns Absicht.

Lässt man sich ein und begibt sich in das Innere des Stelenfeldes, so fühlt man sich schnell verloren, so übermächtig groß werden die grauen Betonmonster. So eng stehen sie beieinander. So dunkel ist es dort trotz des hellen Sonnenscheins außerhalb. Man verliert sich schnell aus den Augen, ist man zu mehreren. Ist schnell allein. Verirrt. Beklommen. Grau. Nebeneinander zu gehen, ist unmöglich. Jeder ist allein. Der Boden ist uneben und erzeugt beim Gehen zusätzlich das Gefühl von Unsicherheit. Trägt er?

Eisenmann hatte eine Vision bei der Gestaltung dieses Mahnmals – und ihm ist es damit gelungen, etwas spürbar zu machen, das reiner Informationsvermittlung nicht gelingen kann, nämlich eine Erlebnisqualität zu erzwingen, die durch die Verfremdung der Wahrnehmung ahnen lässt – wenn natürlich nur von sehr sehr ferne – , was es bedeutet, ausgeliefert zu sein, allein, entfremdet und existentiell bedroht in einer Wirklichkeit, in der die bekannten menschlichen Gesetze keine Gültigkeit mehr haben.

 

Berlin Berlin – Raum der Stille

Unterwegs in Berlin 2006:Â

Das Brandenburger Tor bildet zusammen mit dem Reichstag das Zentrum Berlins, in gewisser Hinsicht auch das Zentrum Deutschlands. Dieser historisch und symbolisch bedeutsame Bereich ist umgeben und geprägt von ziemlich viel lauter Betriebsamkeit, touristischer und alltäglicher Art.Â

Umso bemerkenswerter ist es, dass es schon 1988 die Idee zu einem offenen und überkonfessionellen Raum der Stille gab, der dann nach der Wende tatsächlich realisiert werden konnte.
Dabei war es ein Glücksfall, diesen Raum direkt in einem Seitenflügel des Brandenburger Tores anlegen zu können.Â

Vorbild zu diesem Raum der Stille war ein heute noch existierender entsprechender Raum im Gebäude der Vereinten Nationen in New York, den der ehemalige UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld dort 1954 für die Mitarbeiter der UNO einrichtete.Â

Zweck des Raumes der Stille ist, Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, Religion, Weltanschauung, Hautfarbe etc. die Möglichkeit zu einem Moment des Rückzuges zu geben, um Kraft zu schöpfen, um an diesem geschichtsträchtigen Ort nachzudenken, sich zu besinnen, zu beten, zu meditieren. Die Offenheit und Überkonfessionalität des Raumes ist damit auch eine permanente Aufforderung zu Toleranz und Geschwisterlichkeit.Â

Die Gestaltung des Raumes ist gemäß seines Charakters der Überkonfessionalität klar und schlicht gehalten und verzichtet auf jedes spezifische religiöse oder weltanschauliche Symbol. Einziger Schmuck ist ein Wandteppich, dessen Mitte kreishaft angeleuchtet ist. So wird symbolhaft-abstrakt Licht, das die Finsternis durchdringt, angedeutet.
Auf dem Boden vor dem Wandteppich liegen einige schöne Steine.Â

Die Stille in diesem Raum ist sehr dicht – ein Geschenk für jeden, der vermag, sie zu hören…Â

Es liegt im Stillesein
eine wunderbare Macht
der Klärung,
der Reinigung,
der Sammlung auf das Wesentliche
Dietrich BonhoefferÂ

(z.T. Quelle: Broschüre des Förderkreises Raum der Stille e.V.)  Â

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Berlin Berlin – 2006

Unterwegs in Berlin 2006:Â

WoW – Diese Stadt ist ja wirklich explodiert!Â

Seitdem die Mauer weg ist haben sich alle Kräfte wie entfesselt ans Werk gemacht. Das Resultat ist umwerfend, wie ich finde. Ich kenne mittlerweile etliche europäische Hauptstädte und sie haben alle ihr sehr eigenes Charisma – aber in Berlin, da ist Dynamik, da ist Umbruch, da ist Entwicklung, da steppt der Bär.Â

In dieser Stadt kann man eine wirkliche Achterbahnfahrt erleben: Staunen, Trauer, Begeisterung, Abneigung, Freude, Skepsis, Verblüffung, Rührung – Berlin ruft das ganze Spektrum hervor. Und das nicht mal eben so, sondern mit voller Intensität von Situation zu Situation.Â

Diese Stadt erfindet sich völlig neu - Identität für sich und für uns Deutsche im Versuch, alle Gegensätze miteinander zu versöhnen.

Berlin ist ein riesiges Versuchsfeld für die Bemühung um Integration unendlich vieler einander scheinbar widersprechender Aspekte:
Alt und Neu, Szene und Establishment, Demokratie und Altlasten der sozialistischen Diktatur, lautes, extrovertiertes Selbstbewusstsein und stille Momente der Introspektion, Wunde der Mauer und Bewegung ohne Grenzen, Bewahrung alter Substanz und Feuerwerk gläserner Postmoderne, deutsche Identität und ‚Multikulti’, Aufarbeitung schmerzhafter Vergangenheit und Vergnügen ohne Ende, Ost und West, West und Ost, Gewinner und Verlierer der Wende, bombastische Historie und rührende Volkstümlichkeit, Lebendige Entwicklung und bräsige Beharrung.

Das, was sich in unterschiedlicher Weise in vielen Städten Deutschlands findet, kommt in Berlin hochkonzentriert und zugespitzt in exemplarischer Weise auf den Punkt.Â

Diese Stadt ist der Focus dessen, was in dieser Republik konkret und atmosphärisch aktuell ist.Â

Deshalb – bei allen Einwänden, vor allem bezüglich der Kosten:
Berlin nicht zur Hauptstadt der Bundesrepublik zu machen, wäre eine historische Fehlentscheidung gewesen.
Diese verwundete Stadt ist und bleibt prägend für unsere deutsche Identität, unsere Identität als Deutsche – mit allem Licht und allem Schatten.Â
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Wagnis.Â
Chance.